Rockenhausen
Was aus dem Schlosshotel werden könnte
Schulden von 1,5 Millionen Euro, die bis 2051 zurückzuzahlen sind. Ausstehende (und wohl abzuschreibende) Pachteinnahmen von 200.000 Euro. Ein selbst bei ordentlich laufendem Betrieb zu erwartendes Defizit von durchschnittlich 70.000 Euro pro Jahr: Die Probleme der Stadt Rockenhausen mit ihrem Schlosshotel sind hinlänglich bekannt und auch in der RHEINPFALZ vielfach erörtert worden.
Immerhin: Seit im Februar das unrühmliche Kapitel Prima Hotels mit dem Auszug des insolventen sächsischen Unternehmens zu Ende gegangen ist, haben „wir das Haus wieder in der eigenen Hand“, wie es Stadtbürgermeister Michael Vettermann am Mittwoch vor stattlicher Kulisse von zirka 20 Besuchern ausgedrückt hat. Und der Stadtrat steht nun vor der Aufgabe, die 2011 von der in Not geratenen Schlosshotel GmbH übernommenen Immobilie wieder einer sinnvollen Nutzung zuzuführen.
Schreiber: „Menschen mit Handicap in Mitte der Gesellschaft holen“
Zwei Frauen haben ihre diesbezüglichen Ideen nun in der Sitzung präsentiert. Die aus Katzenbach stammende Anna Schreiber möchte eine gemeinnützige GmbH gründen und das Hotel-Restaurant „als Gesellschafterin im Rahmen eines Inklusionsbetriebs führen“. Um entsprechende Förderungen zu erhalten, müssten mindestens 30 Prozent der Mitarbeiter Beeinträchtigungen mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent (oder mehr) aufweisen.
Schreibers Antrieb: „Menschen mit Handicap in die Mitte der Gesellschaft holen, ihnen auf dem ersten Arbeitsmarkt die Möglichkeit geben, sich zu verwirklichen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Zwar seien in Rockenhausen mit Zoar und seinen Werkstätten schon gute und große Inklusionsbetriebe ansässig, aber sie möchte Behinderten „zu branchenüblichen Tarifen“ eine Alternative zu Werkstatt-Tätigkeiten mit eher niedrigen Löhnen bieten, so Schreiber, die derzeit als Inhaberin einer Beratungsfirma arbeitet.
Fachpersonal für Hotellerie und Gastronomie benötigt
Sie habe schon zahlreiche Gespräche mit potenziellen Partner und Zuschussgebern geführt – vom Landessozialamt bis hin zur staatlichen Förderbank kfw. Zwar sei das eine oder andere umzubauen und zu renovieren, im Großen und Ganzen könne sie aber das Haus im jetzigen Zustand beziehen. Schreiber machte keinen Hehl daraus, dass sie zur Führung des Betriebs kompetenten Beistand benötigt: „Ich bringe das Unternehmerische und Planerische mit – für die Themen Hotellerie und Gastronomie braucht es darüber hinaus Fachpersonal.“ Dass dieses rar gesät ist, sei ihr natürlich bewusst.
Die Ratsmitglieder hatten eine Reihe von Fragen: Ob Schreiber auf den von ihr anvisierten Einstieg ab Oktober festgelegt sei (Joseph Blaum, SPD; Antwort: „Nein“ – auch ein Start zum 1. Januar wäre für sie kein Problem); ob nur Menschen mit Handicap im Servicebereich arbeiten sollten (Ingrid Gehm, FDP; Antwort: „Nein, um den Hotel- und Restaurantbetrieb am Laufen zu halten, braucht es auch Fachpersonal.“); ob ihr bewusst sei, welche Pacht monatlich zu erbringen sei (Manfred Adam, FWG; Antwort: „Ja, 6000 Euro plus Nebenkosten“ – wobei sich Schreiber bei Letzteren genauere Prognosen seitens der Stadt wünschte); wie ihre Mitarbeitergewinnung aussähe (Blaum; Antwort: „Mehrgleisig“ – von Anzeigen über Stellenportale bis hin zur Kontaktaufnahme mit inklusiven Ausbildungsbetrieben); ob sie finanz- und steuertechnisch gut beraten wäre (Helmut Gass, FDP; Antwort: „Ja, von einem ganzen Team.“). Schreiber machte deutlich, dass sie sich über ein Votum des Stadtrates zu ihren Gunsten sehr freuen würde.
Thorn-Wickert: „Rein kommerzielle Nutzung funktioniert nicht“
Das gilt auch für Lydia Thorn Wickert. Die Kirchheimbolander Kulturveranstalterin – in Rockenhausen als Organisatorin des Festivals Neue Musik bekannt – hat ein Konzept zur Gründung einer internationalen Musikakademie vorgelegt. Die Grundzüge hatte Vettermann bereits in der vorherigen Sitzung skizziert: Angedacht sei ein „Mischbetrieb aus Hotel und Kultur“, die Ideen reichen von Tagungen und Orchester-Workshops über Fachvorträge, Konzerte und Meisterkurse bis hin zu Kooperationen mit anderen Akademien.
Thorn Wickerts Ansatz: Eine rein kommerzielle Nutzung des Komplexes habe bislang nicht funktioniert – nötig sei „eine Verknüpfung mit etwas, das mehr wert ist“, das wiederum Hotel und Restaurant beflügele. Das könne Integration, Friedensarbeit oder eben Kultur sein. Hier sieht sie für das Schloss bessere Chancen, als nur auf den „anonymen Gelegenheitsgast zu warten“. Zum einen, weil Rockenhausen kulturell über großes Potenzial verfüge – mit Bläserklassen, Orchester und Chören, mit dem Carillon und dem Festival Neue Musik, das längst „ein international anerkanntes Format“ sei. Zum anderen, weil im Land hier noch viel Luft nach oben sei. So belege Rheinland-Pfalz im Ranking der Bundesländer, was das Kulturvolumen anbelange, den letzten Platz. Mit Neuwied – „das sehr weit von hier weg ist“ – gebe es bisher nur eine Landesmusikakademie. Der Aufbau eines zweiten Sitzes in Rockenhausen ist einer von Thorn Wickerts Plänen.
Konsequentere Akquise von Drittmitteln
Dazu sei aber „viel Netzwerkarbeit“ erforderlich, das gehe nicht von heute auf morgen, sagte sie weiter. Und es brauche jemanden, der das „mit Herzblut“ vorantreibe. Dazu gehöre auch eine konsequente Akquise von Drittmitteln. Es gebe „gerade für den ländlichen Raum viele Fördermöglichkeiten, wenn sie an Kultur gekoppelt sind“, so Thorn Wickert. Für das Festival generiere man durch Zuschüsse, Spenden und Sponsoring sowie Ticketverkäufe 60.000 bis 100.000 Euro. Sie versicherte, dass die Stadt als Eigentümerin bei allen Events federführend bleibe, die Finanzierung aber allein über externe Kanäle erfolge. Im Falle einer Zusage könnte sie „schon am nächsten Tag“ mit der Arbeit beginnen.
Apropos: Ihr sei klar, dass die Stadt an einer „schnellen Nutzung“ interessiert ist, weil der Leerstand „die Steuerzahler jeden Tag 200 Euro kostet“, sagte Thorn Wickert weiter. Sie könne das Gespräch „mit einem Hotelier aus der Region“ vermitteln. Dieser wäre bereit, das Hotel – allerdings ohne Restaurant – „so wie es ist sofort zu betreiben“. Was den musikalischen Part anbelangt, wolle sie mit kleinen Projekten beginnen – zum Beispiel mit Probenwochenenden von Jugendorchestern. Eines gab sie dem Stadtrat mit auf den Weg: Sie verstehe, dass dieser am liebsten schnell einen Haken an das Thema machen möchte. „Ich glaube aber nicht, dass das gelingt. Es gibt keine Patentlösung, sondern bedarf einer längerfristigen Planung.“
Einige Gemeinsamkeiten zwischen Konzepten
Vettermann hatte zu Beginn deutlich gemacht, dass an diesem Abend noch keine Entscheidung fallen wird – schon alleine deshalb, weil ein dritter Bewerber, das DRK Berufsbildungswerk Worms, sein Interesse „noch nicht in ein fertiges Konzept gießen konnte“. Aber muss der Stadtrat am Ende überhaupt nur eine Option wählen? So unterschiedlich Schreibers und Thorn Wickerts Modelle auch sind – Parallelen gab es mehrere: Beide lobten „das schöne Objekt“ (Schreiber) und die „wunderbare Immobilie“ (Thorn Wickert), beide sahen die Notwendigkeit, das Haus „anders als bisher zu nutzen“ (Thorn Wickert), ihm „einen neuen Anstrich“ (Schreiber) zu geben, beide bekräftigten ihre Bereitschaft, bei Veranstaltungen von Stadt oder auch VG – etwa im Schlosspark – mit diesen kooperieren zu wollen.
Auf Nachfrage von Barbara Dietz (CDU) sagte Schreiber, sie sei „auf jeden Fall“ auch offen für andere Partner – „eine Last ist leichter zu tragen, wenn sie auf mehrere Schultern verteilt ist“. Und Thorn Wickert betonte, die beiden Konzepte „widersprechen sich nicht. In dieser Konstellation wäre auch eine Zusammenarbeit sehr gut möglich.“