SOMMERREDAKTION
Schluss nach 23 Jahren Bundestag: Gustav Herzog kehrt aus Berlin zurück
„Ja, mach es, aber nimm mehr Rücksicht auf die Familie!“ Diese Antwort würde der Gustav Herzog von heute dem Gustav Herzog von 1998 geben, wenn der ihn fragen würde, ob er denn in die Bundespolitik gehen soll. „Denn das ist das, was ich am wenigsten gut gemacht habe“, bekennt der Zellertaler Bundestagsabgeordnete, „meine Familie hatte die Hauptlast meines Engagements zu tragen.“
Dass eine politische Karriere nicht in fünfmal acht Stunden pro Woche zu machen sein würde, das war dem Gustav Herzog von 1998 natürlich bereits klar. Und zwar von Anfang an. Da musste er sich erstmal innerparteilich durchsetzen: „Ich hatte schon einige Kampfabstimmungen hinter mir, bis ich auf den politischen Konkurrenten getroffen bin“, erinnert sich der 63-Jährige an die Zeit vor seinem ersten Einzug ins Parlament.
Überzeugungsgespräch im Supermarkt
Nun, 23 Jahre später, sagt er, dass „das alles nicht vorhersehbar war“, es aber am Ende doch „ganz gut gekommen“ sei. Bei seiner Premiere war er noch als Sieger des Wahlkreises Frankenthal in den Bundestag eingezogen, seit 2002 vertritt er den Wahlkreis Kaiserslautern, schaffte fünfmal den direkten Einzug. Zuletzt sei er der „südlichste direkt gewählte SPD-Politiker“ gewesen – das mache ihn schon stolz, wenngleich das für seine Partei selbstredend keine befriedigende Bilanz sei.
Herzogs politische Schwerpunkte in Berlin waren Verkehr – gleich zweimal war er stellvertretender verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion –, Landwirtschaft und Weinbau und seit 2018 die Digitalpolitik. Die Digitalisierung liegt ihm ganz besonders am Herzen: Da habe er noch zuletzt „Überzeugungsgespräche im Supermarkt in Albisheim geführt“, als es darum ging, ob sich im Ort genügend Kunden für einen privatwirtschaftlichen Ausbau finden – „wobei es mir da egal ist, welches Unternehmen ausbaut“, unterstreicht Herzog.
Überhaupt wird es „der direkte Kontakt zu den Menschen im Wahlkreis“ sein, der ihm am meisten fehlen wird, sagt Herzog – „das ist mir in den letzten Wochen ganz deutlich geworden“. Der Kontakt auf den Marktplätzen, bei seiner Bürgersprechstunde oder wenn er von Haustür zu Haustür unterwegs ist „und ich nicht weiß, ob ich gerade störe oder in eine langes Gespräch verwickelt werde“.
Nur noch für den Bootsführerschein nach Berlin
Auch fehlen wird ihm „das Privileg, in Organisationen und Unternehmen Einblicke zu nehmen, zu sehen, was sich hinter dem Schild verbirgt“. Solche Betriebsbesichtigungen sind derzeit Teil seines Sommerprogramms, das er mit dem gleichen Enthusiasmus angeht wie eh und je. Die ganz normale Abgeordnetenarbeit „genieße ich noch mal so richtig“, berichtet Herzog.
Und wird ihm Berlin fehlen? Die Gestaltungsmöglichkeiten, die kurzen Wege zu Informationen, die Ausschussdiskussionen mit führenden Fachleuten – das ja. Die Stadt eher nicht. Denn auch nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Hauptstadt sind seine Kenntnisse über selbige „äußerst bescheiden“, wie Herzog sagt. „Ich kenne den Reichstag und seine Umgebung. Und meine Mietwohnung in Kreuzberg mit Umgebung – weil wir dort unterwegs sind, wenn meine Frau mich besucht.“ Gegen 6.30 Uhr breche er zumeist aus seiner Mietwohnung – die er übrigens 1999 bei einem Weinfest von einem regionalen Weinhändler vermittelt bekommen habe – in Richtung Reichstag auf, frühestens um 22 Uhr sei Schluss. Für Stadtbesichtigung bleibt da wenig Zeit ...
Lediglich der Bootsführerschein könnte den Harxheimer nochmal nach Berlin ziehen – den würde er gerne dort machen. In seiner Zeit als Verkehrspolitiker, auch zuständig für die Binnenschifffahrt, habe er sich auf der Brücke eines 2000-Tonnen-Kohlenschiffs vorgenommen, dass er mal selbst ein Boot steuern möchte. Gerne auf den Berliner Seen. Allerdings eine Nummer kleiner als das Transportschiff damals.
Endlich die Heimwerkerleidenschaft ausleben
Wer Gustav Herzog kennt, der weiß allerdings, dass ihn das Bootfahren alleine ganz bestimmt nicht ausfüllen wird. „Ich bleibe ein politischer Mensch“, sagt er, der unter anderem Kreistagsmitglied ist – „aber eben nicht mehr in Vollzeitbeschäftigung“. Neben der Familie sollen ab Oktober auch Freunde und Bekannte von der neu gewonnenen Zeit profitieren. „All die Jahre sind auch viele Freundschaften zu kurz gekommen, es gibt so viele Gespräche nachzuholen.“
Und nicht zu vergessen: Am Haus sei einiges liegengeblieben. „Ich kann betonieren, schweißen, mauern, verputzen“, betont Herzog. Sogar Elektroschaltungen habe er im Repertoire. „Meine Heimwerkerleidenschaft werde ich künftig ausleben.“
Noch einige Wochen aber muss all das warten. Seine letzte Bundestagsrede hat Gustav Herzog zwar schon hinter sich – da hat er sogar die „Haschemer Kerb“ untergebracht –, doch noch gibt es einiges zu tun. Unter anderem ist er natürlich auch im Wahlkampf seiner Partei eingespannt. Und so wird er am Abend des 26. September nochmal in den Politikermodus schalten und extrem gespannt sein auf das Ergebnis. Zwei Tage später geht’s dann wieder nach Berlin, wo er sich neben seinem regulären Pensum einer wichtigen Zusatzaufgabe widmet: „Im Büro weiter wegräumen.“