Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Nikita Morozov spielt im Orgelsommer

Nikita Morozov in der protestantischen Paulskirche in Kirchheimbolanden.
Nikita Morozov in der protestantischen Paulskirche in Kirchheimbolanden.

Der junge Organist Nikita Morozov hat erst 2017 sein Orgelstudium in Moskau beendet. Gleichwohl sorgte er für Furore beim Auditorium der dritten Veranstaltung des laufenden Orgelsommers in Kirchheimbolanden. Das Konzert fand am Sonntag in der protestantischen Paulskirche statt.

Interpreten beeindrucken entweder mit publikumswirksamer Präsentation - was bei einem Orgelkonzert am oberen verdeckten Spieltisch irrelevant ist. Oder sie setzen auf interessante Programme und brillieren durch außergewöhnliche künstlerische Leistungen. Dem 1997 in Moskau gebürtigen Organisten Nikita Morozov gelang am Sonntag in der Paulskirche beides.

Der junge Orgelvirtuose stellte Klangbeispiele aus verschiedenen Gattungen und Nationalstilen des Barock vergleichend gegenüber. Es ergaben sich somit viele Bezugspunkte wie Analogien, aber auch Abweichungen von den damals festgelegten Normen.

Wertschätzung im Wandel

Wie sich doch die Zeiten ändern und damit auch die Rezeption von Kunstwerken! Wer heute den Komponisten Dietrich Buxtehude im Schatten eines Johann Sebastian Bach sieht, verkennt, dass Bach anno 1705 zu Fuß über 400 Kilometer von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um dort im Rahmen eines „Bildungsurlaubs“ den Kollegen zu „behorchen“. Auch Händel nutzte die Gelegenheit, um wie Bach beim Lehrmeister der norddeutschen Orgelschule zu studieren.

Heute dagegen steht Buxtehude gemeinhin im Schatten von Bach und Händel. Die Musikgeschichte ist eben auch eine Rezeptionsgeschichte. Mit dem Wandel der Musikauffassungen verändert sich auch die Bewertung von Verherrlichung über Geringschätzung bis zu Verdrängung und Vergessenheit.

Der Lehr- und die Kleinmeister

Nikita Morozov spielte von Buxtehude eine „Passacaglia“, dazu Frescobaldi und Nicolaus Bruhns - und machte deutlich: Vom Lehr- zum Kleinmeister stuft die Nachwelt zwar ab, doch das sagt überhaupt nichts über die Interpretation aus: Morozov trennte diese Komponisten nicht, klassifizierte sie nicht, sondern hob alle aufgeführten Werke in den gleichen Rang.

Er stellte Analogien und stilistische Gemeinsamkeiten in typischen Spielfiguren und gleichen Satztechniken heraus. Zugleich machte er deutlich, dass sich alle aufgeführten Meisterwerke darin ähneln, wie sie hinsichtlich Spieltechnik, Harmonik und Gattungs-Merkmalen einen großen Ideenreichtum einsetzen, um „Soggetti“ (charakteristische motivische Tonfolgen) zu verändern, Themen zu variieren und aufzulösen sowie Formen weitgehend zu sprengen oder zu überwinden.

Freiheit des Schöpfers und des Interpreten

Alle vorgestellten Komponisten nutzen Freiheiten, um sich weiterzuentwickeln, um neue Ausdrucksformen innerhalb dieser Formprinzipien zu finden. Eine fundierte Kenntnis der Lehrbücher dieser Zeit wie der „Vollkommene Capellmeister“ von Johann Mattheson allein macht eben noch lange keinen Meister!

Warum schleicht sich nun mit dem Romantiker Felix Mendelssohn-Bartholdy ins Programm? Nun, weil er nach Jahrzehnten der Vernachlässigung von Bach-Werken mit der Aufführung der „Matthäus-Passion“ 1829 und ’41 in Berlin eine umfassende Wiederentdeckung des Barock begründete. Aus diesem Grund fügte sich sein Präludium mit Fuge d-moll als stilistische Weiterentwicklung mit gesteigerter Virtuosität und exaltierter Harmonik sowie romantischem Empfinden nahtlos ins Kirchheimbolandener Programm ein.

Hoffnung auf eine große Zukunft

Der thematische Spannungsbogen aus nationalen Besonderheiten und dennoch typischen Merkmalen der Zeit in Spielfiguren, Verzierungen und Variationen erschließt sich nur, wenn er im Programmheft oder der Moderation vermittelt und dargestellt wird. Ersteres war nur in Ansätzen der Fall. Interpretatorisch dagegen darf man dem Gast von der Moskva, der inzwischen sein Studium in Stuttgart fortsetzt, eine werk- und stilgerechte Analyse bescheinigen.

Wie er etwa zum krönenden Abschluss die Bach’sche „Passacaglia“ bis zur Fermate im mitreißenden Spielfluss und in schier berstender Spannung hielt, das war ganz große Klasse. Und wie er zudem mit lockerer Hand filigrane Ornamente bei der sehr kunstvollen Choralbearbeitung anbrachte und Umspielungen in bestechender Klarheit ausführte, nötigt ebenso Respekt und Bewunderung ab.

Fazit: Nikita Morozov ist ein aufstrebender Komet, dem spannungsgeladene und brillante sowie rasante Passagen von spieltechnisch sehr anspruchsvollen Orgelkompositionen in bestechender Präzision gelingen. Seine Aufführungen zeugen von stilistischer Kompetenz wie auch spieltechnischer Klasse.

x