Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Haydns „Jahreszeiten“ in der Stadthalle

Der Text des Haydn-Oratoriums stammt von Gottfried van Swieten. Am Samstagabend erklang er in der Stadthalle Kirchheimbolanden.
Der Text des Haydn-Oratoriums stammt von Gottfried van Swieten. Am Samstagabend erklang er in der Stadthalle Kirchheimbolanden.

Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ ist ein Monumentalwerk. Der von Stefan Wasser geleitete Nordpfälzische Oratorienchor und die Kammerphilharmonie Europa aus Köln haben es am Samstag in der Stadthalle Kirchheimbolanden aufgeführt.

Ein weltliches Oratorium und doch mit vier Kantaten aufgebaut wie ein geistliches Pendant. Wie soll man das Opus klassifizieren und interpretieren? In Kirchheimbolanden stand eins eindeutig fest: Die Oratorien von der „Schöpfung“ (1798) und die 1801 entstandenen „Jahreszeiten“ bilden eine Einheit von eruptiver zeitloser Aussagekraft. Verbunden mit einem Appell an die Zuhörer, die Schöpfung zu bewahren.

Erwachen der Natur im Frühling, der lichten goldene Glanz des Sommers, herbstlicher Dank für die eingebrachte Ernte, dann ein Bild des Winters, das erschauern lässt. Der zugrundeliegende Text von James Thomson beschwört düstere, beklemmende Bilder. „Der Erde Bild ist nun ein Grab“, heißt es da.

Bilder des Werdens und Vergehens

All diese Bilder des Werdens und Vergehens inspirierten die Werkauffassung Wassers zur farbigen, kontrastreichen und emotionsgeladenen Deutung, die von der Spätklassik weit in die Romantik weist. Letztlich sind das Bewahren und die Demut vor Schöpfung, Natur und den für die Versorgung wichtigen Urberufen ein brandaktuelles Thema. Stefan Wasser verlieh ihm mit seiner Deutung zusätzliche Intensität und Tiefenspannung.

Dieser Dirigent fordert mit jeder Note alle Energien und klanglichen Reserven und stets den großen gestalterischen Nachdruck. Gewichtige Akzente und drängende Impulse prägen diese stringent und konsequent verfolgte Interpretation. Wasser vermittelt klare Werk- und Tempovorstellungen, gibt präzise Einsätze, zieht übergreifende Phrasierungs- und Spannungsbögen.

Tief bewegende Aufführung

Dass mit wenigen Orchesterproben keine Einheit zusammenwachsen kann, versteht sich von selbst. Zwar wurde beim Orchester kein Glanzlicht gezündet, aber eine gewisse Solidität sorgte für präzise, organisch fließende Abläufe. Das ist schon sehr viel.

Der 1992 gegründete Nordpfälzer Oratorienchor erwies sich als tragendes Fundament der tief bewegenden Aufführung. Da ist etwas zusammengewachsen, das akkurat auf jede Regung und Zeichengebung des Dirigenten reagiert. Die großartige Chorfuge „Ehre, Lob und Preis sei dir“ als Zeichen emphatischer Gottesverehrung wirkte erhaben, majestätisch und grandios.

Majestätisch und erhaben

Aus der „Sommer“-Kantate tönten Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Gelöstheit. Dies mit einem stattlichen Chor so zu erreichen, ist ein Kunst- und Bravourstück, das Respekt abnötigt. Der Nordpfälzer Chor artikulierte plastisch, akzentuierte prägnant und der taktlichen Metrik entsprechend, vor allem bei tänzerisch beschwingten Partien.

Problematischer war das Einbeziehen der Solisten: Herausragend der Bassist Thomas Herberich, der mit klarer, sehr ausgeglichener und stets wohlklingender Stimme die Partitur gut umsetzte. Gefolgt von der Sopranistin Gunda Baumgärtner, die mit wenigen Einschränkungen insgesamt durch die Strahlkraft und stimmliche Reinkultur auffiel.

Dem Solopart des Tenors Florian Löffler haftete die Problematik von „erzählenden“ Partien an. In der barocken Tradition des Evangelisten setzt Haydn den Tenor als jungen Bauern ein, der den Verlauf der Jahreszeiten in Rezitativen und Arien „nacherzählt“. Dabei wird die Stimme in bewegten Aufschwüngen manchmal unnatürlich hoch gezogen, werden herausragende Wörter extrem betont und Spitzentöne forciert.

Meilenstein für den Dirigenten

Das ist eine Art der Darstellung, die aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig ist und auch den Darsteller manchmal überforderte, obwohl viel an stimmlicher Substanz erkennbar war. Etwa im Rezitativ zum Auftakt des „Sommers“ und bei ariosen Passagen mehr als bei Rezitativen.

Insgesamt aber war dieses Monumentalwerk ein weiterer Meilenstein in Wassers Biografie hinsichtlich enthusiastisch gestimmter und aufopferungsvoller Chorarbeit, die auch gute Resonanz fand.

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