Kirchheimbolanden
Den richtigen Beruf finden mit Praxistag 2.0: Landesprojekt startet in Kibo
Ganz so einfach haben es die Schülerinnen und Schüler ja heutzutage nicht. Einerseits „standen ihnen noch nie so viele Wege offen, war die Freiheit zur Selbstbestimmung nie größer“, betont die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig, andererseits sei dadurch „die Qual der Wahl“ nie größer gewesen. Da tue eine „gute Studien- und Berufsorientierung“ Not, befindet die Ministerin.
Engagierte Betriebe im Donnersbergkreis
Am Montag läutete sie daher die zweite Runde des Praxistags ein. Seit 2009 bietet dieses Konzept jungen Menschen die Möglichkeit, in einem Zeitraum zwischen einem halben und einem ganzen Jahr einmal pro Woche nicht die Schulbank zu drücken, sondern in Büros oder Betrieben die Arbeitswelt kennenzulernen. Für die offiziellen Eröffnungsveranstaltung zum „Praxistag 2.0“ war die Wahl auf die Realschule plus in Kibo gefallen, die schon eine der Projektschulen zum Start der ersten Runde, 13 Jahre zuvor, gewesen war. Und die ein schuleigenes Konzept zur Berufsorientierung entwickelt hat, in dem der Praxistag eines von mehreren Modulen ist, wie Koordinatorin Sophia Hermann erläuterte: So gibt es beispielsweise auch ein Azubi-Casting oder eine Berufsinfomesse, bei der sich 30 Betriebe in Workshops den Schülern vorstellen.
Nicht nur dabei, auch bei den Praxistagen steche das Engagement der Betriebe aus dem Donnersbergkreis heraus, befindet Schulleiter Jörg Oeynhausen. Und das sei gut so: Martin Braun, Chef des Kirchheimbolander Art-Hotels, etwa berichtet von einer positiven Persönlichkeitsentwicklung bei den jungen Menschen, die sich frühzeitig „vom immer gleichen Schulalltag“ auf die wechselnden Herausforderungen am Arbeitsplatz einstellen. „Schon nach drei Monaten Praxistag gehen die Schüler ganz anders aus sich heraus.“
Unternehmen bewerben sich beim Schüler
Steffen Klag, Niederlassungsleiter beim Reifen- und Autoservice Pneuhage in Kibo, sieht vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels sogar eine große Chance für Betriebe, die den Praxistagen offen gegenüber stehen: „Mittlerweile bewerben wir uns ja beim Schüler“, stellt er klar – und das Langfrist-Projekt sei keine schlechte Bewerbung. Reinhilde Willems, Geschäftsführerin operativ bei der Regionaldirektion der Arbeitsagentur, unterstreicht dies: Seit „mehreren Jahren“ gebe es stets zum Jahresabschluss am 30. September „mehr unbesetzte Azubi-Stellen als unversorgte Bewerber“.
Ann-Carin Heckmann, früher Schülerin an der Neumayer-Schule, hatte es vorgemacht: Sie lernte die Arbeitswelt durch die Projekttage beim Autoservice Pneuhage kennen. Nach der Schule startete sie dort eine Ausbildung, nun steht sie kurz vorm Abschluss. „Weil ich das Praktikum gemacht habe, hatte ich schon viel gelernt und konnte mich in meinem Ausbildungsbetrieb gut einarbeiten“, sagt sie.
Ministerin lobt Beispiel ais Kibo
„Nicht nur das Beispiel von Ann-Carin zeigt: Der Praxistag ist ein Erfolgsmodell“, legt sich Stefanie Hubig fest. Zum Start von Auflage 2.0 vermeldet ihr Ministerium: „Insgesamt nehmen das rheinland-pfälzische Bildungsministerium und die Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit 17 Millionen Euro in die Hand, um rund 9000 jungen Menschen aus den Klassenstufen acht und neun einen Tag pro Woche in einem der circa 5000 teilnehmenden Unternehmen zu ermöglichen.“ Das Projekt sei in Deutschland einmalig. Für die Projekt-Version 2.0 sind laut Hubig Bürokratie abgebaut und Digitalisierung vorangetrieben worden, um Schulen und Betrieben eine effizientere Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Hubig lobt die Georg-von-Neumayer-Schule als gutes Beispiel dafür, wie das Konzept umgesetzt werden kann. „So wie es viele Realschulen plus machen“, sagt sie. Diese seien „die Vorreiter“. Gymnasien und Integrierte Gesamtschulen seien bei den Praxistagen zurückhaltender, hat Landrat Rainer Guth beobachtet, der den Donnersbergkreis durchaus gut aufgestellt sieht in Sachen Berufsorientierung: So ist es der einzige Kreis in Rheinland-Pfalz, der das Berufswahlsiegel vergibt. Neben der Neumayer-Schule sind auch die Mathilde-Hitzfeld-Förderschule, die Gutenbergschule Göllheim, die IGS Eisenberg, die Albert-Schweitzer-Realschule, das Wilhelm-Erb-Gymnasium, Realschule plus und IGS Rockenhausen, die BBS Donnersbergkreis sowie die Schule am Donnersberg in Besitz eines solchen.