Donnersbergkreis
Bolanden: Die Kerb in Künstlerhänden
„Wem is die Kerb?“ „Unser!“ Am Samstag sollte sie vom Kunstverein Donnersbergkreis im Park des Klosters Hane auf unverbrauchte Weise gefeiert werden. Angekündigt war „ein partizipatives Happening – anarchisch, lustvoll, kunstreich – zum 50. Kreisgeburtstag“.
Ideengeber und Organisator Reinhard Geller zielte mit dieser Art von Performance auf ein breites Publikum: Wägelchen und Tragen sollten für einen alternativen Mini-Umzug gebaut werden. Bei unbegrenzter Phantasie der Mitwirkenden war Baumaterial aus der Natur strikte Bedingung – Bretter aus Holz für den Untergrund, Schnüre und Seile, allenfalls noch Papier und Farben waren erlaubt. Kein Wettbewerb – vielmehr konnte jeder den anderen Teilnehmern über die Schulter schauen.
Gegen 16 Uhr haben sich acht Teams unter den Schatten spendenden Baumriesen eingefunden, die meisten sind Mitglieder des Kunstvereins. Bildhauer Wolf Münninghoff hat schon einen halbfertigen Bollerwagen mitgebracht, später ein Hingucker: Einer Halbkugel aus Grünschnitt (der fast durchgängig zitierte Donnersberg) sind Sonnenblumen und, an dürren Stecken, runde Gemüse aufgesetzt: ein Blumenkohl, Kürbisse, Kohlrabi. Skurril-fragiles Symbol eines Sonnensystems. Wehe, wenn die Planeten auseinander fliegen!
Von Sisyphus bis Barbarossa
Anja Hantelmann aus Offenbach, 2014 Stipendiatin des Vereins, windet aufwendig lange, dünne Äste zusammen und fügt sie zu einer grünen Kugel. Sisyphus, sagt sie, der unverdrossene (Stein-) Kugelroller, fiel ihr ein bei dem Gedanken, dass ja die Ergebnisse dieses Nachmittags spätestens übermorgen auf der Grünmülldeponie landen. In der Kunst sei eh’ vieles vergeblich... Peter Kapper, aus dem Breisgau zu Besuch, nimmt „aus reiner Neugierde“ mit Sohn und Schwester teil. Gemeinsam basteln sie an einer Trage für den Donnerfeuergott Donar und setzen seinem Kopf aus Astwerk eine Krone mit flatternden gelben Papier-Blitzen auf.
„Die Sunn is uff!“: Christa Maria Elwart vom Elbisheimerhof und Gundula Nakfour (Kreishaus) lassen mit einem strahlend gelben Fächer aus Papier die Sonne über Efeugestrüpp (Donnersberger Wildheit) aufgehen. Sonja Gross und Jörg Vogelgesang aus Eisenberg haben zwei Wagen zusammengebaut – „gegenläufig“ wie der uralte Streit, was denn nun beim „heiligen Berg“ vorne, was hinten ist.
Auch für ein kühlendes Blätterdach für Getränke ist gesorgt. Familie Albrecht aus Rheinhessen schmückt mit Platanenzweigen und einem aus Ästchen geflochtenen steilen Berg eine Sänfte für „Prinzessin“ Nora, die Enkelin. Ein wappengeschmücktes Planwägelchen für den Aufbruch zu neuen Ufern gestaltet Familie Ternis aus Flörsheim-Dalsheim, Aufschrift: „Wir sind bereit!“ Und besonders lange und akribisch schnitzen und basteln Jason Ehesmann und Jonas Egger, beide Schüler des Alzeyer Kunstgymnasiums, an dem Holzkopf Kaiser Barbarossas – malerisch wirkt sein roter Schnippelbart aus Papier. Rückwärtsgewandt sitzt er auf dem Gefährt eines alten Germanen, dessen weit ausgebreitete Arme an eine „Waage der Gerechtigkeit“ erinnern.
Andrang hält sich in Grenzen
Die Parkatmosphäre fernab der Sommerhitze hat was, und für „Weck, Worschd un Woi“, Schorle oder Hugo ist in der Klosterkirche überreichlich gesorgt, denn die Veranstalter rechneten mit wesentlich mehr Publikumsinteresse. Der Andrang hält sich in Grenzen und verläuft sich bald. Uli Lamp, Vorsitzender des Kunstvereins, sieht „das Publikum nicht wirklich über die Öffentlichkeitsarbeit erreicht. Kreativität und Dialog waren gefragt.“
Großer Reiz geht indessen von der Musik der Vanecek-Zwillinge aus, „Twintett and friends“. Bernhard Vanecek, Posaune, und Roland, Tuba, „furzen“ keineswegs nur das „Humbatäterä“ traditioneller Kerwe-Manier. Als Profis konzertieren und improvisieren sie so intuitiv wie witzig in einem Cross-Over durch so ziemlich alles, was in der sogenannten Weltmusik gefällt, rhythmisiert von Arne Moos an der Trommel: Latino, Jazz, Zitate aus der Klassik von der „Moldau“ bis zu „Peer Gynt“. Später werden sie von dem Klarinettisten Martin Albrecht ergänzt.
Jamill Sabbagh als Kerweredner
Zu den Klängen von „Also sprach Zarathustra“, die Kapelle voran, setzt sich nach mehr als drei Stunden die Kunst-Karawane in Bewegung. Als Kerweredner springt für den erkrankten Schriftsteller und Mundart-Liedermacher Michael Bauer der Kreisbeigeordnete Jamill Sabbagh ein, kommentiert von Geller. Sabbagh nennt sich „total begeistert von allem, was in der Kürze der Zeit entstanden ist“, und lobt wortreich die einzelnen Nummern. Am Bolander Kerwe-Umzug tags darauf wird wohl keiner teilnehmen.