Kirchheimbolanden
Abrieb und Geschichte: Werke von Susanne Krell in Kirchheimbolanden
Der Surrealist Max Ernst hat die Technik, die jedes Kind mit einem Geldstück übt, für die Kunst entdeckt. An einem verregneten Tag im August 1925 in der Bretagne. Sein Blick auf den Furchen des Dielenbodens. Der Rest war Intuition. Frottage heißt das Verfahren, vom Französischen „frotter“, was so viel heißt wie: reiben. Ernst legte ein Papier auf den Boden und legte mit dem Bleistift die Dielenstrukturen frei. Fertig war das zwischen geisterhaft und Dokumentation changierende surrealistische Bild. Die 1955 in Betzdorf geborene Künstlerin Susanne Krell kam Jahrzehnte später unweit beim Anschauen der berühmten Steintische im bretonischen Carnac auf die Methode ihres weltberühmten Kollegen aus Brühl zurück – aus pragmatischen Gründen.
Auch Frottagen aus Lwiw
Ihre Ausgangsfrage: Wie etwas mitnehmen von dem Ort, ohne ihn zu beschädigen? Voilà. Inzwischen hat die jetzt in Neuruppin lebende Künstlerin über 1000 Blätter mit Durchrieb in ihrem Fundus. Graphit und Kreide auf Papier oder Leinwand. Die tiefgründigen Ortschroniken sind der Rohstoff ihrer Assoziationsräume aufreißenden Kunst. Manchmal stellt sie sie pur aus, kleistert sie auf das Original. Sie bearbeitet sie digital. Erstellt raum- und zeitsprengende Collagen. Die Vorlagen hat sie in Jinan gefunden, in Moskau, Kairo, dem Ground Zero in New York, einem Tempel im Jemen. Oder in Kaiserslautern, auf dem Betzenberg, als der noch Erstligastadion war – eine ferne Erinnerung.
Die Frottagen mit der dringlichsten Aktualität allerdings sind 2019 in der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) entstanden. 1000 Kilometer entfernt von der Front, aber auch hier sind Bomben gefallen. Krells Abreibungen aus Lwiw sind mit Silberkreide verfertigt. Und – ganz ungewöhnlich für sie und seltsam prophetisch trauernd – auf schwarzem Untergrund.
Art-Hotel Braun als Kunstzentrum
Damals war Krell auf Reise mit Pfälzer Steinmetzen unterwegs beim interkulturellen Dialogprojekt zwischen Lwiw und Kirchheimbolanden. Jetzt sind die Fotos im Art-Hotel Braun in Kirchheimbolanden ausgestellt, in einer kleinen konzentrierten Retrospektive, die sich „Richtung? Welche Richtung?“ nennt.
Das Haus des jungdynamischen Hoteliers Martin Braun ist – beraten von der nordpfälzischen Impresaria Lydia Thorn-Wickert – inzwischen zu so etwas wie einem privaten Kunstzentrum und Energieraum der Stadt avanciert. An der Fassade prangt weithin sichtbar die, laut Eigenwerbung, „weltgrößte Spraybanane“ von Thomas Baumgärtel – das Markenzeichen des Kölner Aktionskünstlers, mit dem er seiner Meinung nach bemerkenswerte Kunstorte markiert. Im Innern hängen jetzt von Susanne Krell abfrottierte Spuren. Im Parterre zum Beispiel die aus dem geschichtsaufgeladenen Bonner Adenauerhaus. Entnommen kurz bevor die Ex-CDU-Zentrale 2003 gesprengt worden ist. Krell hat sie auf Leinwand gezogen und mit blau und grün wabernden Spuren überlagert. Das Werk gehört zu einer ganzen Serie, die die Bonner Geschichte zum Inhalt hat.
Geschichte und Geschichten
Die Treppenstufen hoch, sind Mischtechniken ausgestellt. Fotos von Denkmälern mit – womöglich in die falsche Richtung – fingerzeigenden Männern, blaue Himmel in Hintergrund. Sie sind umrankt von digitalisierten Frottagen ihres jeweiligen Standorts. In Berlin ist August Neidhardt von Gneisenau an der Neuen Wache in der Pose dargestellt. In Kairo am Stadttor Bab Zuweila hat Muhammad Ali Pascha die selbstbewusst-machterfüllte, typisch männliche Bescheidwisser-Geste eingenommen, von 1805 bis 1848 Gouverneur der osmanischen Provinz Ägypten.
Susanne Krell, die neben Kunst auch Philosophie studiert hat, ist unter anderem mit dem Ida-Dehmel-Kunstpreis der Gedok und zahlreichen Stipendien ausgezeichnet worden. Sie ist feministisch und historisch bewegt. Die Performance-Diva Marina Abramovic zählt sie zu ihren künstlerischen Identifikationsfiguren. Theoretisch steht Krell indes dem aus Weingarten stammenden Mario Reis nah, der für seine Naturaquarelle mit Baumwolltuch bespannte Keilrahmen in Flüsse hängt, um die dabei entstehenden Sedimente aufzubewahren. Sie sagt, sie sammle, was unter der Oberfläche liege: „die Geschichte und die Geschichten, die Ideen und das Konzept eines Orts.“ Geradezu poetisch wirkt in diesem Zusammenhang ihre Werkgruppe „european depression“, europäische Depression. Krell hat dafür zum Abriss freigegebene Gebäude in Städten wie Budapest, Maastricht, Posen aufgesucht.
Zeit und Raum verschwimmen
In Berlin war sie kurz vor seinem Exitus noch im Palast der Republik und hat dort an der Fassade zum Berliner Dom hin eine Frottage auf Papier erstellt, diese auf die Abnehmestelle gekleistert und fotografisch dokumentiert. Das Ganze ein Abbild eines Abbilds von etwas Abgebildeten. Die Frottage selbst wurde mit dem Gebäude selbst zerstört.
Ganz anders wiederum ist sie bei der Serie mit tellergroßen Holzklötzen verfahren, die mit Mischtechniken bearbeitet worden sind. Sie schillern bunt, unterschiedlich starke Farbspuren und -schraffuren überlagern sich, Frottagen sind eingeklinkt. Was dabei herausgekommen ist, ähnelt verwitterten, gleichsam grell geschminkten Fresken, denen Erzählungen aus der Stadtgeschichte Kirchheimbolandens und Querverweise zu anderen Orten eingeschrieben worden sind. In den Denkräumen verschwimmen Zeit und Raum, Biografien und Ideengeschichten, etwa wenn Susanne Krell das Porträt der in Kirchheimbolanden geborenen Mathilde Hitzfeld mit Spuren aus dem New Yorker Central Park überdeckt. Die Märzrevolutionärin und Frauenrechtlerin ist – nachdem sie wegen ihrer Teilnahme an den Demonstrationen im Schlossgarten in Gefangenschaft geraten war –, in die USA ausgewandert.
Spurensuche in Kirchheimbolanden?
Ein anderes „Zwischendrin“ ist die Verbindung eines Kachelbilds aus der Villa Heinrich von Brunck mit einer Frottage, die dem British Museum entnommen ist. Der etwas vage Zusammenhang wird mit der Vermutung hergestellt, dass Brunck sich in dem Londoner Haus bestimmt hat inspirieren lassen. Bodenständiger scheint da schon der Fall Mozart, der die Stadt 1778 für eine Woche besucht und vermutlich am 25. Januar – zwei Tage vor seinem 22. Geburtstag – die Orgel in der Paulskirche gespielt hat.
Bei Krell ist ein fotografiertes Detail des Musikinstruments mit der Frottage einer Treppenstufe verbunden, die zu Mozarts Salzburger Wohnung führte. Die Kombi hängt jetzt im Frühstücksraum, Hotelier Braun hat die 15-teilige „Zwischendrin“-Serie angekauft. Er überlegt noch, ob er mit ihr als Vorlage eine eigene Suche nach dem Dargestellten für seine Gäste gestalten soll. Auf den Spuren von Kirchheimbolanden.
Info
Susanne Krell: „Richtung? Welche Richtung?“ wird bis August im Art-Hotel Braun in Kirchheimbolanden gezeigt, www. hotelbraun.de.