Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Der Blick geht nach Westen – das Programm der „Literarischen Lese 2023“

Waltraud Amberger ist wieder die Programmverantwortliche.
Waltraud Amberger ist wieder die Programmverantwortliche.

Zwei prall gefüllte Wochen voller Literatur in ganz unterschiedlichen Facetten erwarten die Besucher im Mai bei der „Literarischen Lese“ in Freinsheim. Es gibt vier klassische Lesungen, Literaturspaziergänge und erstmals ein literarisch-musikalisches Abendprogramm, aber auch Bildende Kunst, Fotografie, Kindertheater, Kino und natürlich pfälzische Festkultur.

„Begegnungen“ lautet in diesem Jahr das recht allgemeine Motto der „Lese“, die am 5. Mai wie immer im und am Retzerhaus eröffnet wird. Konkreter wird es durch das Kultursommer-Thema „Kompass Europa: westwärts“, was in der Pfalz natürlich den Blick Richtung Frankreich geradezu aufdrängt. Bei zwei der vier geplanten mehr oder weniger klassischen Leseabende stammen die Autor/innen sogar direkt aus dem Nachbarland: Cécile Wajsbrot, die am 19. Mai ihren komplexen Roman „Nevermore“ vorstellt, wurde 1954 als Tochter polnischer Juden in Paris geboren, schreibt auf Französisch und pendelt heute nicht nur thematisch, sondern auch leibhaftig zwischen der französischen Hauptstadt und Berlin. Jean-Philippe-Devise, der für 12. Mai mit einer „Szenischen Lesung“ angekündigt ist, wurde 1960 in Périgueux in Südwestfrankreich geboren, kam 1987, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, der Liebe wegen in die Pfalz, lebt seitdem im kleinen Dorf Spirkelbach bei Hauenstein und veröffentlicht seit 1994 literarische und journalistische Werke – auf Deutsch! –, die mit viel Witz und heiterem Humor die oftmals skurrilen Eigenheiten der Deutschen und Franzosen aufs Korn nehmen.

Reichlich Frankreich-Bezüge im Programm der 23er-Lese

Aber auch sonst gibt es reichlich Frankreich-Bezüge im Programm: Der Wormser Schriftsteller, Historiker und leidenschaftliche „Kulturmensch“ Volker Gallé, Freinsheim nicht erst verbunden, seit er hier 2022 die Sinsheimer-Plakette überreicht bekam, zum Beispiel kommt am 18. Mai mit einer literarischen Collage mit dem Titel „Im Westen was Neues?“ zur „Lese“, bei der er Geschichte und Geschichten von Rousseau im kriegerischen 18. Jahrhundert bis zum Aufbruch in ein friedliches Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ausbreitet – nicht ohne dabei auch ein bisschen Musik zu machen, wie Waltraud Amberger, die Projektleiterin des Literaturfestivals, anmerkt.

Bei „Temps de vivre“, übersetzt: Zeit zu leben, wird das frankophile Ansatz schon im Titel deutlich. Der Schauspieler und Sprecher Moritz Stoepel, der mit seinen literarischen Solo-Programmen regelmäßig in der Region zu Gast ist, entführt dabei in das literarische Frankreich verschiedener Jahrhunderte mit Gedichten, Prosatexten und Spielszenen von François Villon und Molière bis Antoine de St. Exupéry und Jacques Prévert.

Die Kirchheimer Pianistin Birgitta Lutz bereichert das Programm mit französischer Klaviermusik, unter anderem von Claude Debussy, Maurice Ravel, Francis Poulenc und Erik Satie. Für die „Literarische Lese“ ist diese Form eines literarisch-musikalischen Doppelreigens nach Worten Waltraud Ambergers ein Novum.

Aber auch für Augenmenschen gibt es in diesem Jahr ein Frankreich-Bonbon: Der Lokalmatador André Straub hat den Westen und Süden Frankreichs über viele Jahre bereist und zeigt eine Auswahl seiner schönsten dabei entstandenen Fotografien: bildgewaltige Impressionen aus der wetterumtosten Bretagne, der tief in die Berge geschnittenen Ardèche oder der wilden Atlantikküste im Golf von Biskaya. Nicht ganz so weit, „nur“ nach Paris führt dagegen der Film „Die Eleganz der Madame Michel“, die 2009 entstandene Verfilmung des Romans „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Burbery, der am 16. Mai beim Literaturkino gezeigt wird. Es geht um drei Menschen, die sich in einem Pariser Wohnhaus begegnen: die verschlossene, aber sehr belesene Concierge Renée Michel, die elfjährige Paloma, die zurückgezogen in ihrer

eigenen Gedankenwelt lebt und ihren Selbstmord vorbereitet, sowie ein geheimnisvoller neuer Mieter, der Herr Kakuro Ozu aus Japan.

In diesem Film verbindet sich das Frankreich-Thema geradezu exemplarisch mit dem Motto „Begegnungen“. Letzterem huldigen auch die Auswahl aus der Kunstsammlung des verstorbenen Frankenthaler Rechtsanwalts Heinrich Weiler, die in diesem Jahr während der „Lese“ gezeigt wird – zu sehen sind unter anderem Werke von René Magritte, Roberto Matta, George Braque, Rudolf Hausner, Ernst Wilhelm Nay, Willi Sitte, Max Liebermann, Max Ernst, Pablo Picasso, George Grosz und Erich Sauer – sowie die beiden Literarischen Spaziergänge, die wieder Waltraud Amberger durchführt. Der Stapel mit geeigneten Büchern zum Thema Begegnungen sei „gewachsen und gewachsen“ berichtet die Literaturwissenschaftlerin aus Grünstadt. Ein Schwerpunkt sei aber gesetzt gewesen durch die Dichterin Hilde Domin, die genau vor 30 Jahren in Freinsheim den Hermann-Sinsheimer-Preis überreicht bekam.

Dieses Jubiläum wird bei der „Lese“ dieses Jahr auch noch auf andere Weise gewürdigt: Die Heidelberger Domin-Expertin Marion Tauschwitz, Vertraute und Begleiterin der Dichterin in deren letzten Lebensjahren, führt an einem Abend in das Werk und die davon kaum zu trennende Lebensgeschichte der 2006 im Alter von 93 Jahren verstorbenen deutschjüdischen Dichterin ein, die sie unter anderem in ihrem 2019 erschienenen Buch „Das unverlierbare Leben“ einfühlsam portraitierte.

Eine Parabel um drei Ertrunkene am Meeresgrund

Die Lesung mit Tauschwitz am 14. Mai ist eine der Veranstaltungen, auf die sich Waltraud Amberger persönlich ganz besonders freut. Eine andere ist die mit Root Leeb, der Ehefrau des in Freinsheim auch nicht gerade ganz unbekannten Schriftstellers Rafik Schami, drei Tage zuvor. Die Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin, die 2015 bei der Sinsheimer-Preisverleihung die Laudatio auf ihren Ehemann hielt und 2017 mit „Don Quijotes Schwestern“ auch schon einmal bei der „Lese“ zu erleben war, bringt ihre Erzählung „Gespräche auf dem Meeresgrund“ mit, eine kunstvoll komponierte, sprachlich pointierte Parabel um drei Ertrunkene in der Tiefe der See, die sich ihre Geschichten erzählen. Während einer vor langer Zeit ein Fischer war, ist der zweite gerade erst von einem Luxusdampfer ins Meer gestürzt, während die dritte beim Versuch ertrank, als Flüchtling den Boden des gelobten Landes Europa zu erreichen.

„Beeindruckend“ findet Waltraud Amberger dieses kleine Buch, das auf sehr abwechslungsreiche Weise die Krisen und Probleme der Menschheit in den Blick nehme, aber auch Humor zu bieten habe. Wesentlich komplexer (und länger) ist im Vergleich dazu Cécile Wajsbrots Roman „Nevermore“, den die „Lese“-Macherin aber ebenfalls sehr spannend findet: Er handele in den beiden Hauptsträngen vom Abenteuer des Übersetzens und vom Verlust einer Freundin, biete aber auch noch etliche Nebenhandlungen. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die sich für ein paar Wochen in Dresden niedergelassen hat, um Virginia Woolfs „Zum Leuchtturm“ ins Französische zu übersetzen, zugleich aber über den Tod einer engen Freundin, die gleichfalls Schriftstellerin war, hinwegzukommen versucht. Da das Buch im Original auf Französisch verfasst ist und auch viele Reflexionen über die französische Sprache und die Kunst des Übersetzens bietet, hätte Amberger für diesen Abend sehr gerne auch Anne Weber eingeladen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat und im übrigen für „Annette, ein Heldinnenepos“ 2020 selbst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, doch die konnte wegen Terminüberschneidungen leider nicht.

Unmittelbare Begegnungen mit Literatur und Literaten bietet natürlich auch die Poetische Weinbergwanderung am 13. Mai. Der Wahl-Freinsheimer Hasan Özdemir wird dabei aus seinem neuen Gedichtband „Atembruch“ lesen. Auf dem „Musikantenbuckel“ stellt außerdem Hans Thill, Leiter des Künstlerhauses Edenkoben, die Stipendiatin Katharina Korbach vor. Ihr 2022 erschienenes Debüt „Sperling“ ist ein Großstadtroman über Liebe und Einsamkeit. Noch näher kann man der Literatur eigentlich nur noch bei den Schreibwork-shops am 6. Mai kommen, die in diesem Jahr von Theresia Walser und Safiye Can geleitet werden.

Ein Fest zu Beginn und eins zum Abschluss

Unmittelbaren Frankreich-Bezug gibt es schließlich wieder bei den „Geschichten von Freinsheim“ mit Stadtbürgermeister Matthias Weber und Weinprinzessin Nathalie Krauß am 9. Mai, denn dabei werden auch etliche Besucher aus der burgundischen Partnerstadt Marcigny zugegen sein, die sich in dieser Zeit in der Pfalz aufhalten. Eröffnet wird die „Literarische Lese“ am 5. Mai im Retzerpark, wiederum mit Volker Gallé als Moderator. Vorgestellt werden dabei die zehn Siegertexte des Schreibwettbewerbs sowie Bilder der Wiesbadener Fotografin Iris Kaczmarczyk, die die „Lese“ schon seit einigen Jahren ganz offiziell fotografisch dokumentiert. Für Musik sorgt der Mainzer Akkordeonist Alexandre Bytchkov.

Der große Abschluss ist dann wie immer das Literaturfest, bei dem das Kindertheater diesmal aus organisatorischen Gründen auf den Vormittag gelegt ist. Das Programm auf der Bühne startet um 13.30 Uhr. Die Musik besorgen Laurent Leroi (Akkordeon) und Michael Herzer (Kontrabass).

Noch Fragen?

Der Eintritt für alle Lesungen, die beiden Literarischen Spaziergänge, die Weinbergwanderung und die Veranstaltung mit Moritz Stoepel und Birgitta Lutz beträgt jeweils 15 Euro (ermäßigt: 12 Euro). Für das Literaturkino liegt der Preis bei 12/9 Euro, für das Kindertheater beim Literaturfest bei 3/6 Euro (Familien: 8 Euro). Die Teilnahmegebühr für die Schreibwerkstatt ist mit 95/48 Euro angesetzt. Die Anmeldung hierfür ist unter kulturwerkstatt@t-online.de oder www.literarische-lese-freinsheim.de möglich. Der Eintritt zu allen anderen Veranstaltungen ist frei.

Das Programm

Freitag, 5. Mai, 19 Uhr:

Eröffnung im Retzeranwesen

Samstag, 6. Mai,

10-17 Uhr: Schreibwerkstatt mit Workshops bei Theresia Walser und Safiye Can, Retzerhaus

15 Uhr: Vernissage der Fotoausstellung „Zauberhaftes Frankreich“ von André Straub, Galerie Heimatlichter

Sonntag, 7. Mai,

16 Uhr: Bilder aus der Sammlung Weiler, Vernissage in der Galerie „Seconds Culture Concept“

19 Uhr: „Temps de vivre“ mit Schauspieler Moritz Stoepel und Pianistin Birgitta Lutz, Busch-Hof

Montag, 8. Mai, 16 Uhr:

Literarischer Spaziergang mit Waltraud Amberger, Treffpunkt Retzerhaus (weiterer Termin: Samstag, 20. Mai, 16 Uhr)

Dienstag, 9. Mai, 19 Uhr:

„Geschichten von Freinsheim“ mit Menschen aus Marcigny,

Hotel Altstadthof, Innenhof

Donnerstag, 11. Mai, 19 Uhr:

Lesung mit Root Leeb, Altes Spital

Freitag, 12. Mai, 19 Uhr:

Szenische Lesung mit Jean-Philippe Devise, Altes Spital

Samstag, 13. Mai, 14 Uhr:

Poetische Weinbergwanderung

mit Lesung, Treffpunkt Retzerhaus, Innenhof

Sonntag, 14. Mai, 19 Uhr:

Lesung mit Marion Tauschwitz, Von-Busch-Hof

Dienstag, 16. Mai, 21 Uhr:

Open-Air-Kino, „Die Eleganz der Madame Michel“, Busch-Hof

Donnerstag, 18. Mai, 19 Uhr:

Lesung Volker Gallé, Altes Spital

Freitag, 19. Mai, 19 Uhr:

Cécile Wajsbrot, Altes Spital

Sonntag, 21. Mai,

11 Uhr: Kindertheater „Zopp macht Circus“, Retzeranwesen

13.30 -18.30 Uhr: Literaturfest im Retzerpark mit literarisch-musikalischem Programm

Kommen zu Lesungen: Volker Gallé ...
Kommen zu Lesungen: Volker Gallé ...
... und Root Leeb.
... und Root Leeb.
Beim Literaturkino ist die französische Komödie „Die Eleganz der Madame Michel“ zu sehen.
Beim Literaturkino ist die französische Komödie »Die Eleganz der Madame Michel« zu sehen.
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