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Mittwoch, 12. Juli 2017 Drucken

Südwest

Als „Weichei“ abgetan

Von Christoph Hämmelmann

In der Nähe des Ludwigshafener Rathaus-Centers fanden Ermittler den Sprengsatz, den der 13-Jährige gebastelt hatte.

In der Nähe des Ludwigshafener Rathaus-Centers fanden Ermittler den Sprengsatz, den der 13-Jährige gebastelt hatte. ( Foto: KUNZ)

Ausgerechnet ein mutmaßlicher Islamist hat sich um einen 13-jährigen Ludwigshafener gekümmert, den islamistische Terroristen für Anschlagspläne eingespannt haben sollen. Gestern haben die Behörden erklärt, warum der Mann dennoch keinen Schaden angerichtet hat: Weil der Junge ihn nicht akzeptierte.

«Mainz/Ludwigshafen.» Am 19. Mai um 10.44 Uhr, sagt der Leiter des Ludwigshafener Jugendamts Jürgen May, klingelte das Telefon. Es ging um einen Psychologen aus Baden-Württemberg, dass er wegen seiner Verstrickung in die islamistische Szene zu feuern war. Da allerdings hatte sich der Mann als einer von insgesamt sieben Betreuern im Schichtdienst schon mehrere Wochen lang um den 13-Jährigen aus Ludwigshafen gekümmert, der unter dem Einfluss islamistischer Terroristen eine Nagelbombe gebastelt haben soll.

Nachdem die Sicherheitsbehörden Ende vergangenen Jahres auf den Jungen aufmerksam geworden waren, wurde er in verschiedenen Einrichtungen untergebracht – unter anderem in einer geschlossenen Psychiatrie. Doch dann entschied das Ludwigshafener Amtsgericht, dass er dort am falschen Platz ist. Für einige Tage landete er daher wieder in der Wohnung seiner Eltern in der Ludwigshafener Innenstadt, ehe er an einen geheim gehaltenen Ort gebracht wurde, den die Behörden für sicher halten.

Zugleich suchte die Stadt nach Experten, die sich dieses deutschlandweit bislang einmaligen Falls annehmen – und kassierte nach eigenen Angaben mehr als 100 Absagen. Eine Organisation übernahm den schwierigen Auftrag dann doch. Und stellte den 30-jährigen Psychologen aus Baden-Württemberg ein, der sich ohnehin bei ihr beworben hatte. Um den Job zu bekommen, musste er ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. So ein Dokument verrät, ob jemand schon einmal wegen schwerer Straftaten verurteilt wurde.

Kleinere Delikte oder bloße Ermittlungsverfahren hingegen bleiben ebenso außen vor wie Erkenntnisse der Polizei oder des Verfassungsschutzes über extremistische Aktivitäten eines Bewerbers. So blieb zunächst verborgen, dass mit der Deradikalisierung eines jugendlichen Islamisten ausgerechnet ein Psychologe betraut wurde, der selbst zur Szene zu gehören scheint: Er geht in Mannheim in eine vom Verfassungsschutz beobachtete Moschee, wurde bei Koranverteilern der mittlerweile verbotenen „Lies!“-Kampagne gesichtet.

Doch solche Erkenntnisse werden nur abgefragt, wenn Menschen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Johannes Kunz, der Chef des Mainzer Landeskriminalamts (LKA) sagt: Seine Behörde macht das mittlerweile etwa 120.000-mal pro Jahr, lässt dafür Personalien durch eigene Dateien, aber auch durch die der anderen Bundesländer und des Bundes laufen. So durchleuchtet werden zum Beispiel Bewerber, die in bestimmten Bereichen des öffentlichen Diensts, in Atomanlagen oder auf Flughäfen arbeiten wollen.

Aber auch Aufbauhelfer oder Bierzapfer bei Großveranstaltungen wie „Rock am Ring“ können so überprüft werden. Für Betreuer von Problem-Jugendlichen hingegen ist ein derartiger Sicherheitscheck nirgendwo vorgeschrieben. Trotzdem, sagt die Mainzer Jugendstaatssekretärin Christiane Rohleder (Grüne), müssen in Rheinland-Pfalz mittlerweile alle Bewerber in so eine Überprüfung einwilligen, wenn sie beruflich Jugendliche vor islamistischen Extremisten schützen wollen.

Das ist erst neuerdings so – und eine Konsequenz aus dem Fall des Psychologen. Der hatte seinen Dienst als Betreuer des 13-Jährigen am 5. April aufgenommen. Am 7. April regte das LKA den Angaben zufolge an, dass alle Menschen durchleuchtet werden, die mit dem Jungen zu tun haben: die Mitarbeiter des Wachdienstes, der die Unterkunft des Jungen abschirmt. Und die Mannschaft aus Pädagogen und Psychologen, die ihn zurück in ein normales Leben begleiten sollen.

Deren Arbeitgeber, sagt LKA-Chef Kunz, lieferte die Unterlagen über seine Beschäftigten bis zum 26. April. Dann dauerte es bis zum 18. Mai, ehe bei den Mainzer Beamten die Erkenntnisse eintrudelten, die sie wegen des Psychologen Alarm schlagen ließen und ihm einen Tag später den Kündigungs-Anruf bescherten. Die Organisation, die den Mann beschäftigt hatte, bleibt trotzdem für den 13-Jährigen zuständig. Nach Angaben von „Report Mainz“ hatte sie den Nachfolger des Psychologen bereits fünf Tage eingesetzt, bevor das – positive – Ergebnis seiner Sicherheitsüberprüfung vorlag.

Jugendamtsleiter May sagt über den Psychologen: Die Bewerbungsunterlagen des Mannes waren tadellos. Und bei Google oder Facebook habe ihm niemand nachgespürt. Immerhin: May geht davon aus, dass der Betreuer auf seinen Schützling kaum Einfluss hatte. Dabei sei der 30-Jährige auch deshalb eingestellt worden, weil er Muslim ist – in der Hoffnung, dass er einen Draht zu dem 13-Jährigen bekommen könnte. Doch der Junge scheint diesen Betreuer nicht ganz ernst genommen zu haben, berichte May: „Er hat ihn als Weichei bezeichnet.“ Kommentar

 

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