Debüt
Wirbys Seemannsgarn
Seit 26 Jahren moderieren Michael Wirbitzky und Sascha Zeus gemeinsam die „SWR3 Morningshow“ und reiten zur Freude ihrer Hörergemeinde stets launig als „Old Plapperhand und sein weiß-blauer Bruder“ in die Morgensonne (seit Mai von 6 bis 10 Uhr morgens). Und beide haben immer noch Spaß am schnelllebigen Radiogeschäft.
Für den 59-jährigen Moderator und Comedian Michael Wirbitzky war es dennoch höchste Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren. „Dass ich einen 90-sekündigen Sketch oder einen pointierten Radio-Comic schreiben kann, weiß ich“, erzählt ein gut gelaunter Wirbitzky am Telefon. „Bei einem spannenden Kriminalroman mit einem Spannungsbogen und unterschiedlichen Figuren steckt jedoch eine andere Portion Hirnschmalz dahinter.“
Aus eigener Erfahrung
Der gebürtige Kölner nutzte eine 14-tägige Corona-Isolation, um einen schön länger in seinem Kopf herumschwirrenden Plot zu Papier zu bringen. So schrieb er seinen ersten Roman „Acht, in Böen Neun“ wie im Rausch und mit großem Spaß nach eigenem Bekunden in tatsächlich nur zwei Wochen auf. Darin beschreibt er den stürmischen Segeltörn einer siebenköpfigen Crew, bestehend aus zwei Frauen und fünf Männern. An Bord brechen alte Konflikte auf, und bei einer nächtlichen Überfahrt von Korsika ans französische Festland geht sogar jemand „über Bord“. Ein fatales Unglück zwischen Wind, Wellen und Wenden?
Im Roman steckt viel Persönliches, verrät Wirbitzky. „Die beschriebene Segeltour von Calvi nach Antibes habe ich selbst als Nachttörn erlebt, allerdings ohne die beschriebenen dramatischen Ereignisse“, verrät der Radiofachmann, der seit seinem 16. Lebensjahr segelt – meist mit einer festen Crew von Freundinnen und Freunden einmal pro Jahr.
Zeus hatte genug
Lange Zeit gehörte auch sein Radiokollege Sascha Zeus alias „Captain Kotz“ fest zur Mannschaft, bis er vor rund fünf Jahren bei einem Segeltörn nach Capri völlig entkräftet und seekrank seinen Seesack packte, heimflog und seine Segelkarriere für beendet erklärte, wie Wirbitzky sagt.
Aus unterschiedlichsten, persönlichen Erlebnissen, wie dem Umgang mit einem klemmenden Segel, hat Wirbitzky spannendes Seemannsgarn gestrickt, das von der ersten bis zur letzten Seite unterhält und angenehm kribbelt – durchaus mit etwas Segel-Latein und Nervenkitzel, aber auch mit viel subtilem Humor.
Natürlich sind die Ereignisse stark zugespitzt – dass eine Person über Bord geht, hat der passionierte Segler zum Glück bislang noch nicht erlebt. Sicherheitsvorkehrungen wie Lifebelts und Schwimmwesten, feste Absprachen und funktionierende Kommandos gehören zu den „goldenen Regeln“ auf einem Segelboot. Die See gilt es, in jeder Situation ernst zu nehmen. „So wie das Segeln im Buch beschrieben wird, ist es ein so einschneidendes Erlebnis, so dass ich danach wohl selbst nie wieder auf ein Boot gehen würde“, glaubt Wirbitzky.
Das gesprochene Wort
Das Schreiben aber werde wohl keine neue Berufung. „Sowohl beim Radio als auch auf der Bühne ist das gesprochene Wort mein Metier“, erklärt der Autor, der vor dem geschriebenen Wort doch großen Respekt hat: „Ich hätte große Manschetten davor, einen 300-seitigen Prosatext herunterzuschreiben.“
Aus der Not machte er also eine Tugend: Die 86 Verhörprotokolle, Sprachnachrichten und Postkartentexte der einzelnen Crew-Mitglieder sind ebenso wie das Schlusskapitel des Ermittlers und eines persönlichen Nachgedankens – der jedem Leser einen Schauer über den Rücken laufen lassen dürfte – in wörtlicher Rede verfasst.
Mit diesem Trick schrieb Wirbitzky den diversen Charakteren ihre eigene Sprache direkt auf den Leib, bei Redundanzen und Nebensächlichkeiten grätscht sofort der unsichtbare Ermittler dazwischen. „Darüber hinaus konnte ich die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln darstellen“, ergänzt der literarische Debütant. „Für die Leser besteht der Reiz darin, dass sie sich die Ereignisse – genauso wie der Ermittler – selbst wie ein Puzzle zusammenbasteln müssen.“
Ein Sturm
Das Segelboot bildet für ihn nur den Rahmen für die zwischenmenschlichen Konflikte, die unterschwellig zwischen den Bordmitgliedern schon vorhanden sind und in der Extremsituation eines Sturmes aufbrechen. „Mich interessieren Menschen und warum sie in bestimmten Situationen so handeln“, beschreibt Wirbitzky die Ausgangslage.
Und Geschmack am Schreiben hat er nun durchaus gefunden: „Im Kopf habe ich einen weiteren, spannenden Plot, der in den Bergen spielt. Jetzt müssen wir aber erst einmal abwarten, ob mein Roman gut ankommt und sich gut verkauft, erst dann wird mein Verlag entscheiden, ob eine Fortsetzung Sinn macht.“
Der 188-seitige Roman zeigt sowohl die Sonnen-, als auch die Schattenseiten des Segelns: In Windeseile kann sich eine Flaute in eine stürmische Böe verwandeln, so dass sich aus einem Schönwettertörn ein Inferno entwickelt. Für Wirbitzky bleibt das Segeln, auch nach dem Schreiben seines Romans, jedenfalls seine Passion. Kleiner Wermutstropfen: Seine Ehefrau, die TV-Moderatorin Evelin König, liebt es zwar, nachts in der Bucht zu liegen und bei einem Glas Rotwein den Sternenhimmel zu bewundern – aber ihre Seekrankheit verhindert gemeinsame Segeltörns. Frohnatur Wirbitzky sieht’s gelassen: „Man muss auch gönnen können.“
Lesezeichen
Michael Wirbitzky: „Acht, in Böen neun“; Aufbau Taschenbuch; 188 Seiten; 11 Euro.
Zur Person
Michael Wirbitzky, geboren am 14. April 1963 in Köln, hat bei RTL in Luxemburg volontiert und ging dann zum Südwestfunk (SWF). Seit 1996 moderiert er gemeinsam mit Sascha Zeus, zunächst noch bei SWF3. Nach dem Senderzusammenschluss mit dem Süddeutschen Rundfunks zum Südwestrundfunk entstand die „SWR3-Morningshow“, für die beide 2011 mit dem Deutschen Radiopreis in der Kategorie „beste Morningshow“ ausgezeichnet wurden. Darüber hinaus steht er auch als Comedian mit diversen Comedy-Figuren wie „Peter Gedöns aus Bonn“ auf der Bühne. swf