Filmgeschichte
Warum Theo Lingen einst den Bundesfilmpreis ablehnte
Im Koblenzer Bundesarchiv liegt unter Signatur B106/54217 eine schmale Akte. „Ablehnung des Bundesfilmpreises durch Theo Lingen“, steht auf der Mappe, die bislang weder von dessen Biografen noch von Film- oder Zeithistorikern beachtet wurde. Dabei spiegelt die Lebens- und Erfolgsgeschichte des Star-Komikers durchaus die politischen Zeitläufte wider.
Seine Kinokarriere begann mit dem neuen Tonfilm
Pünktlich mit Aufkommen des Tonfilms gab der versierte Bühnenschauspieler 1930 sein Debüt vor der Kamera. Er erlangte Popularität und Starruhm, als der deutsche Film ab 1933 viele seiner besten Kräfte davonjagte oder kalt stellte. Im Krieg stand er auf Hitlers „Gottbegnadeten-Liste“ und entging dem Fronteinsatz. Filmen konnte er jedoch nur mit ausdrücklicher „Sonderbewilligung“ der Nazis. Ihnen galt er als „jüdisch versippt“, weil seine Frau mosaisch und überdies in erster Ehe mit dem unliebsamen Dramatiker Bert Brecht verheiratet gewesen war. Wie man heute weiß, musste Lingen mehrfach bei SS und Gestapo vorstellig werden, um Frau, Stieftochter und Schwiegertochter vor dem Zugriff des NS-Regimes zu bewahren.
Kein Wort über die Zeit im NS-Regime
Im Gegensatz zu anderen Leinwandgrößen, die sich als Widerständler stilisierten, hat er nach 1945 darüber nie öffentlich gesprochen. Er wurde österreichischer Staatsbürger, setzte seine Film- und Bühnentätigkeit bruchlos fort. Lingen blieb äußerst populär, vielbeschäftigt und hoch bezahlt bis zu seinem Tod 1978. Die Stadt Wien widmete ihm ein Ehrengrab. In seinem früheren Wohnort Strobl am Wolfgangsee gibt es einen Theo-Lingen-Platz samt Büste. Auch Lingen an der Ems – die Heimatstadt seines Vaters - benannte nach ihm eine Freifläche.
Ehrungen zu Lebzeiten sind in den Lexika bis auf die Ernennung zum „Bruder Eulenspiegel“ nicht verzeichnet. Theo Lingen bekam kein Bambi, keine Goldkamera, keinen Verdienstorden und auch keinen Bundesfilmpreis. Letzteren lehnte er 1972 ausdrücklich ab.
Die Akte B106/54217 enthält einen Brief Lingens ans bundesdeutsche Innenministerium, das damals vom FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher geleitet wurde. Handschrift bedankt sich der Schauspieler zunächst für eine Einladung zu den Berliner Filmfestspielen, die seinerzeit alljährlich im Sommer stattfanden.
Dann aber der Satz: „Leider entnehme ich dieser Einladung, dass damit eine Vergabe von Preisen verbunden ist.“ Gemeint ist das Filmband in Gold für „langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“, das in jedem Jahr auch an die Schauspielerinnen Lina Carstens und Brigitte Horney sowie die Trickpionierin Lotte Reiniger ging. Theo Lingen dagegen schreibt an den „sehr geehrten Herrn Bundesminister“: „Darf ich Sie hiermit ganz ergebenst bitten, von einer solchen Vergabe (…) an mich abzusehen. Das soll keine Brüskierung sein, auch keine Nichtachtung solcher Preisvergaben.“
Immerhin waren bereits Lingens nicht minder beliebte Komik-Kollegen Hans Moser, Oskar Sima, Jenny Jugo, Anny Ondra sowie die Emigranten Siegfried Arno und Curt Bois für ihr „langjähriges und hervorragendes“ Lebenswerk im Dienst der Heiterkeit ausgezeichnet worden. Rudolf Platte und Georg Thomalla folgten. Warum also lehnte ausgerechnet der Beständigste unter den Kino-Komödianten die Ehrung ab? Lingen schreibt: „Ich habe mich zwar ,langjährig„ im deutschen Film betätigt, ich wüsste aber nicht, für welches ,hervorragende Wirken ich eines Preises würdig wäre.“
Die Feuilletons ignorierten ihn
Dass die intellektuellen Feuilletons das Gros seines Kinoschaffens ablehnten oder ignorierten, war dem am Wiener Burgtheater engagierten Charakterkomiker durchaus bewusst. Aber das meinte er gar nicht: „Jahrelang habe ich unter den entwürdigendsten Umständen Filme gedreht, nur um meine dem damaligen Regime suspekte Familie zu schützen. Ich kann für diese Filmtätigkeit einfach keinen ,Preis hinnehmen.“ Es heißt tatsächlich hin- statt annehmen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Publikumsliebling bereits einen österreichischen Professorentitel, die Ernennung zum Staatsschauspieler und die Verleihung des Goldenen Ehrenkreuzes der Stadt Wien abgelehnt. Das geht aus der Akte B106/54217 ebenso hervor wie ein Vermittlungsversuch des Produzenten Franz Seitz, für den Lingen seinerzeit gerade die erfolgreichen „Lümmel-Filme“ drehte.
Seitz’ Vertreter meldete ans Ministerium: „Herr Lingen hat sehr freundlich, aber sehr bestimmt und verbindlich (…) erklärt, dass er aus prinzipiellen Gründen keinerlei Preise im Zusammenhang mit seiner Arbeit als Schauspieler oder Regisseur entgegennimmt.“ Das Innenministerium nahm also Lingens Ablehnung zur Kenntnis und sprach ihm zumindest brieflich „Dank und Anerkennung“ aus. Die Verleihung des Bundesfilmpreises im Rahmen der Berlinale fand am 24. Juni 1972 statt – ohne Theo Lingen.
Lingen adelte auch den billigsten Klamauk
Kurz danach kamen seine Filme „Betragen ungenügend“, „Hauptsache Ferien“ und „Immer Ärger mit Hochwürden“ ins Kino: übler Klamauk untersten Niveaus, geadelt durch einen großen Mimen. Als dieser zwölf Monate später seinen 70. Geburtstag beging, schickte Minister Genscher telegrafisch und „in dankbarer Würdigung Ihrer besonderen Verdienste um den deutschen Film meine herzlichsten Glückwünsche“.
Auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ ist das komische Fach durch Leute wie Karl Valentin, Liselotte Pulver, Loriot, Bully Herbig und Helge Schneider vertreten. Dass eine Plakette für Theo Lingen fehlt, hätte womöglich seiner Intention entsprochen.