Kultur
Reporter to go: In der Haßlocher Richard Sang Collection mit naturschönen Steinen
Im Haßlocher Kulturviereck ist die größte Sammlung von Suiseki in Europa augestellt. Gefundenen, unbehandelte Steine, die wie Kunstwerke auf Holzsockel gestellt und auf Brokatkissen ausgelegt werden. In China und Japan gelten sie als „Knochen des Universums“, unsereins denkt vielleicht an Michelangelo. Oder an den lieben Gott. Wieso?
Rudi Ritter aus Haßloch wirkt ernst und zurückhaltend. Freundlich zugewandt. Er spricht leise und um Präzision bemüht. Ein Mann der Zahlen. Der Programmiersprachen. Führungskraft im Rechnungswesen früher. Banker. Auch fürs Controlling zuständig. Rentner mittlerweile. Gläubiger Katholik. Küster im Ehrenamt. Ritter singt im Kirchen-Chor und ist gern in der Natur unterwegs, wie er sagt. Seit einiger Zeit allerdings ist der Zweiundsiebzigjährige auch Chef und Sammlungsleiter der größten ständigen Suiseki-Schau in Europa. Von was? Die sogenannte Sang-Collection ist in ehemaligen Büroräumen im Obergeschoss des Haßlocher Kulturvierecks untergebracht.
Rudi Ritter hat sich beim Reporter gemeldet. Das wär doch was. Suiseki, sui wie Stein, seki wie Wasser, ist eine asiatische Kunstform mit schönen, unbehandelten, einfach vorgefundenen Natur-Steinen, die in China und Japan eine uralte Tradition hat. Und seit 2018 eine Gegenwart in der Pfalz. In Haßloch eben. Jetzt führt der Kleinst-Museumschef Ritter den Besucher treppauf in einen grün gestrichenen Raum.
Die Fenster, blickdicht abgeschottet. Vitrinen sind aufgebaut. Das Licht fällt punktgenau auf bizarre Formationen. Steine, wild zerklüftet wie Felsformationen, in feurigen Rottönen wie Glut, aus Marmor, so gemasert als sei’s das Werk eines chinesischen Malers der Edo-Zeit.
Im Entree steht kindshoch ein durchlöcherter Muhu-Stein, der „Geist der Longhöhle“. Ein brunnenförmiges Exemplar aus Sumatra, das drinnen ausgestellt ist, indes misst gerade mal acht Zentimeter. Eins aus Japan sieht aus wie die Darstellung einer Langhalsschildkröte inmitten von Wellen. Ein anderes Mal haben die erdgeschichtlichen Zeitläufte in Indonesien für zwei Figurationen gesorgt, die sich wie Eisbären auf ihrer Scholle gegenüberstehen. In Ligurien ist eine Art Fabelwesen entstanden. Bei einem in China gefundenen Gestein ähneln die übereinanderliegenden Schichten einem Pfannkuchenstapel oder Bergen, wie es sie im Zion Canon gibt – im Südwesten der USA.
Steine, die die Welt bedeuten
Viele der Exponate tragen Titel, der Meng-Stein aus China, der genauso gut eine Skulptur der klassischen Moderne oder Sinnbild einer tiefen Verbeugung sein könnte, ist „Höflicher Empfang“ benannt. Alle sind auf teilweise tischartige Holzsockel mit an Pilze erinnerndem Noppenband oder Wurzelholz-, Bambus- und Wellen-Schnitzereien platziert. Liegen auf Schalen. Oder sind auf Brokatkissen drapiert. Haßloch und Rudi Ritter sind dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Eigentlich, weil der Haßlocher Unternehmer Richard Sang 1994 eine Ausstellung mit Bonsai-Bäumen besucht hat. Zwischendrin inszeniert lagen die Steine. Sang, Ex-Chef des Haßlocher Unternehmens Duttenhöfer, das Spezialverpackungen und Verschließanlagen produziert, muss Feuer und Flamme gewesen sein.
So liest sich jedenfalls das Vorwort eines zweibändigen Katalogs, der ausliegt im Ausstellungsraum ausliegt. Schutzgebühr: zusammen 10 Euro. Sang selbst fragen, kann man nicht mehr. 2006 ist der Mann mit dem sehr speziellen Faible gestorben. Posthum wurde eine Straße in Haßloch nach ihm benannt. Rechtzeitig vorher aber hat er seine Suiseki-Sammlung mit rund 130 Exemplaren der Gemeinde geschenkt. Mit der Maßgabe, dass seine Witwe sie bis zu ihrem Tod bei sich behalten kann. 2016 wechselten endgültig Besitz und Verantwortung.
Rund 100.000 Euro sei die Sammlung wohl wert, sagt Rudi Ritter und wiegt nachdenklich den Kopf. Jetzt erzählt er, wie ihn 2016 Bürgermeister Lothar Lorch zur Seite nahm. Ob er Zeit habe für ein besonderes Projekt. Rudi Ritter sagt, er habe sich Bedenkzeit ausbedungen, bevor er dann doch zugesagt hat – aus einer Mischung aus Pflichtgefühl und Interesse schließlich. Was wusste der Banker schon von der Kunst der Steine, die tief im Taoismus und der Zen-Philosophie verankert ist. Was lässt sich wissen? In Deutschland so scheint es, gibt es außer dem in Ketsch lebenden Ehepaar Gudrun und Willi Benz und der gebürtigen Chinesin Kemin Hu, alle drei waren mit Richard Sang befreundet, kaum noch Expert/innen. Der Kunstkritiker in einem selbst denkt angesichts der naturschönen Steine vielleicht an Michelangelo. Das Bonmot, in dem von ihm behauenen Brocken Carrara-Marmor sei eine Madonna enthalten gewesen. Er habe sie nur da herausgeholt.
Wie ein Ready-made von Duchamp
Man denkt an das Konzept des Ready-made, bei dem – ähnlich wie bei Suiseki - Vorgefundenes zur Kunst erklärt wird, wie damals von Marcel Duchamp das berühmte kopfstehende Urinal. Guiseppe Penone hat auf der Documenta 13 in Kassel einen gefundenen Kieselstein und seine Kopie aus Marmor Seite an Seite als Kunstwerk ausgestellt. Sind Steine nicht die „ältesten Antiquitäten“? Bei den Chinesen und Japanern gelten sie vielmehr als Gelehrtensteine. Sie stehen in jedem richtigen Studierzimmer. Als „Knochen des Universums“ gelten sie. Oder gleich als die „Essenz von Qi“, der vitalen Energie, die die Dinge und Lebewesen durchströmt – ohne Unterschied.
In der asiatischen Lebensphilosophie wird die Einheit von Natur und Mensch angestrebt. Beim Steine sammeln, dem meditativen Versenken in die verborgene Schönheit eines Lingbisteins, so heißt es im Taoismus, werde man - symbolisch gesprochen - ein Teil von Himmel und Erde. Und so lautet zum Beispiel die Legende von dem chinesischen Gelehrten Bay Juyi (772 bis 846), er habe Freundschaft mit den Steinen geschlossen. So weit geht es in Haßloch bei Rudi Ritter freilich nicht.
„Kompliment an Rudi Ritter“
Er sagt, wenn er die Steine ansehe, stelle er sich vor, was da vorgehen müsse in der Natur. Dass da eine gewaltige Kraft dahinter stünde. Für ihn ist diese letztlich Gott. Und tatsächlich wurde ja in der frühmittelalterlichen Mystik selbst in einfachsten Dingen die Selbstoffenbarung des Allmächtigen gesehen. Wobei Rudi Ritter lieber über die Qualität der Sockel reden würde. Über die fantastische Arbeit, die der Malermeister geleistet habe, so dass man gar nicht mehr sehe, wie schief die Wände vor Eröffnung der Sang Collection im September 2018 waren. Er spricht davon, wie ihm bei einem Museumsbesuch an der Ostsee die Idee für die Ausstellungsinszenierung gekommen sei. Dass sieben Haßlocher ihm dabei helfen würden, dass das Museum jeden ersten und dritten Sonntag öffnen könne.
Ritter führt einen jetzt zu einem Stein-Sockel-Arrangement, das beim Transport gebrochen ist – unwiederbringlich. Versonnen hält er den abgebrochenen Sockel in der Hand. Einmal, sagt er, habe er einen Stein falsch aufgestellt. Und dann bei Licht besehen sei ihm aufgegangen, wie er richtig stehen muss. Für ihn ein Erkenntnismoment.
Einer Frau sei, kaum habe sie das erste Exponat gesehen, eine herzförmige Durchlöcherung aufgefallen, erzählt er. Dann legt er dem Reporter noch einen Blick in das Besucher/innen-Buch nah. 650 Gäste hat die Richard Sang Collection gehabt. Rudi Ritter hofft, dass es auch durch den Reporter-to-go-Bericht mehr werden.
„Die Welt – Gottes Schöpfung – ist großartig, hat jemand in das Besucherbuch geschrieben. „Die Erde ist schön“, steht da, „der Herr liebt sie“. Und dann noch: „Kompliment an Rudi Ritter für die viele Arbeit und die hervorragende Darstellung der Objekte.“ Dem ist noch nicht einmal ein Holzsockel hinzuzufügen.
Info
Vom Februar bis Dezember ist die Sang Collection im Kulturviereck in Haßloch an jedem 1. und 3. Sonntag im Monat von 14:30 bis 17 Uhr geöffnet . Zum Beispiel am nächsten Sonntag. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.