Schauspiel
Mario Adorf: Der große Mime feiert am Dienstag seinen 90. Geburtstag
Das volle weiße Haar, der sorgfältig getrimmte Bartwuchs, die charakteristische steile Falte zwischen den buschigen Augenbrauen, bereitwilliges Lächeln und ein skeptischer Blick: Dieses Gesicht ist, könnte man sagen, Allgemeinbesitz von Millionen geworden, so stetig, so lange und so eindrucksvoll war es präsent auf Bühne, Kinoleinwand und Fernsehschirm. Mario Adorf, denn er ist gemeint, war über Jahrzehnte einer der wenigen deutschen Weltstars. Jetzt, da er seinen 90. Geburtstag feiert, ist er der unangefochtene Patriarch, im Laufe der Zeit fast unmerklich gewandelt vom Haudrauf zum Gentleman. Mit einer Lebensleistung, vor der selbst hartgesottene Kritiker in die Knie gehen.
Mehr als „Kraft und Naivität“
„Kraft und Naivität“, bescheinigte ihm einst Hans Schweikart, Intendant der Münchner Kammerspiele, und nahm ihn trotz eines verheerend in die Hose gegangenen Vorsprechens in die berühmte Otto-Falckenberg-Schauspielschule auf. Das war Anfang der fünfziger Jahre, und Mario Adorf hatte seine Wahl getroffen: Schauspieler wollte er sein und deshalb das Metier, in dem er zuvor eher dilettiert hatte, von Grund auf lernen.
Es hätte auch anders kommen können. Denn der am 8. September 1930 in Zürich geborene Sohn eines italienischen Chirurgen und einer Deutschen, der mit seiner alleinerziehenden Mutter unter einfachsten Verhältnissen im beschaulichen Eifel-Ort Mayen aufwuchs, trat nach Kriegsende als Schüler zwecks Selbstverteidigung in den dortigen Boxclub ein, und er blieb diesem den Körper stählenden Sport auch als Student an der Mainzer Universität treu: Dem Stress des überbordenden Vorlesungsplans – auf Allgemeinbildung und Fremdsprachen ausgerichtet – rückte er in der Uni-Boxstaffel zu Leibe. Mit einigem Erfolg, wie Mario Adorf in seinem Erinnerungsbuch „Schauen Sie mal böse!“ berichtet.
Start am Residenztheater
Aber die Boxerkarriere war ihm wohl doch nicht vorgezeichnet. Denn da gab es ja auch noch das Studententheater, mit dem er auftreten durfte – und den ersten Hinweis auf sein „Naturtalent“. Von Mainz wechselte er schließlich 1953 nach Zürich, besuchte auch hier die Universität und wurde rasch in die Komparserie des Zürcher Schauspielhauses aufgenommen. Dort begegnete er all den Großen ihres Fachs: Therese Giehse, Walter Richter, Will Quadflieg, Gustav Knuth … Und als schließlich Kurt Horwitz von Zürich als Intendant ans Münchner Residenztheater ging und viele der Stars mit sich nahm, war Mario Adorfs Entschluss gefallen: München und die Falckenberg-Schule mussten es sein.
Noch während seines Studiums erhält er 1954 seine erste Filmrolle in Paul Mays Landser-Drama „08/15“, spielt aber von 1955 bis 1963 als Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele das klassische Repertoire herauf und herunter. Da weiß er längst, dass Kraft und Naivität für den Schauspielerberuf nicht ausreichen, sondern dass das Können, auch das Handwerk, auf der Reduktion und der Besinnung auf das Wesentliche basieren. So wird diese kluge Beherrschung der Mittel eines der Markenzeichen des Mimen Mario Adorf. Und überdies die Sorgfalt, mit der der Polyglotte – vier Sprachen spricht er fließend – die gehobene und plastische Sprache der Dichter behandelt.
Durchbruch dank Siodmak
Der Durchbruch im Film gelingt ihm 1957: Unter der Regie des Hollywood-Regisseurs Robert Siodmak spielt er in „Nachts wenn der Teufel kam“ einen psychopathischen Frauenmörder – eine Rolle, die ihm den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler einbringt und die er, wie er jüngst bekannte, heute nicht mehr übernehmen würde, weil sie eine Verfälschung des historischen Vorgangs darstelle. Der Erfolg ist damals allerdings so durchschlagend, dass er über Jahre hinweg nicht vom Image des Filmbösewichts wegkommt.
Dem Niedergang von Opas Kino weicht Adorf in den sechziger Jahren nach Italien aus, wo er über viele Jahre eine zweite Heimat findet. Er spielt vorwiegend in internationalen Filmproduktionen: als zwielichtiger Finsterling, grimmiges Raubein, glatter Schurke oder edler Mafioso, wobei er seine Stunts gerne auch selbst absolviert. Und zunehmend versucht der Schauspieler, die Hinter- und Abgründe einer Figur zu durchleuchten, nie „nur“ böse oder „nur“ gut zu sein.
Im Neuen deutschen Film
Der Neue deutsche Film entdeckt ihn schließlich für sich. Als Gangster „Ratte“ spielt er in Roland Klicks „Deadlock“, als zwielichtiger Kommissar in Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, ebenfalls unter Schlöndorff als gutmütig-opportunistischer Nazi-Mitläufer Alfred Matzerath in der kongenialen Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“. In Rainer Werner Fassbinders „Lola“ schließlich versteht er es, dem skrupellosen, korrupten Bauunternehmer Schuckert ein fast sympathisches Quantum durchtriebener Lebenslust mitzugeben.
In dem Maße, in dem Mario Adorfs Haupthaar und Bart von Schwarz nach Weiß wechselten, änderten sich auch die Rollen. Sowohl in dem Fernseh-Mehrteiler „Der große Bellheim“ als auch in „Der Schattenmann“ besetzte ihn Dieter Wedel als Firmenpatriarchen mit Tatkraft, hintergründigem Charme und nicht ohne dunkle Seiten: in Würde gealterte Zeitgenossen, die es noch einmal wissen wollen – oder von ihrem gespeicherten Lebenswissen samt tief sitzenden charakterlichen Unebenheiten unverfroren Gebrauch machen. Dass dagegen würdeloses Altern einen hohen Komikfaktor haben kann, bewies Adorf genüsslich in Helmut Dietls prächtiger Satire „Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief“.
Traumrolle Marx
Einer seiner großen Wünsche als Darsteller war die Verkörperung von Karl Marx. Mit dessen Werk war er während des Studium bekannt geworden und begann es zu bewundern – schon weil er, Adorf selbst, zu jener Zeit als „Lohnsklave“ am Bau und im Bergwerk schuftete, wie er in einer Talkshow gelassen berichtete. Und 2018 war es schließlich so weit: In täuschend ähnlicher Maske verkörperte der 88-jährige Adorf den streitbaren Philosophen im ZDF-Dokudrama „Karl Marx – der deutsche Prophet“.
An die 200 Film- und Fernsehrollen hat Mario Adorf in seinem langen Künstlerleben bisher gespielt, die Theaterauftritte, Solo-Programme – wie zuletzt, 2019, seine Abschiedstournee durch Deutschland mit dem bezeichnenden Titel „Zugabe“ –, dazu Lesereisen mit eigenen Werken nicht eingerechnet. Und aus der Riesenzahl seiner Auszeichnungen sei (lokalpatriotisch) nur die Verleihung des Preises für Schauspielkunst durch das Festival des deutschen Films 2015 auf der Ludwigshafener Parkinsel erwähnt.
„Es hätte schlimmer kommen können“
„Es hätte schlimmer kommen können“ heißt die Filmdokumentation, in der Regisseur Dominik Wessely 2019 Leben und Werk des außergewöhnlichen Künstlers Mario Adorf porträtierte.
„Es hätte schlimmer kommen können.“ Eine Bilanz? Ein Seufzer? Ein Aufatmen wohl beim Rückblick auf die eigene imposante Lebensleistung. Wir gratulieren.