Gesellschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Lieber spießig: Über die Normalität als Nonplusultra

Traum vom Zurück in ein präpandemisches Bullerbü.
Traum vom Zurück in ein präpandemisches Bullerbü.

Die erstaunliche Karriere einer lange belächelten Kategorie und wie die AfD die neue Normalitätssehnsucht ausnutzt.

Zum Beispiel, dass jetzt, weil sehr viel daheim, alle Welt aufräumt, als gäbe es was zu verbergen. Mit der neuen Netflix-Serie „The Home Edit“ im Hintergrund. Und es ist schon die zweite Welle des Ordnungsfurors. Nach der, die Marie Kondo mit ihrem sieben Millionen Mal verkauften Schlüsselwerk des Fimmels, „Magic Cleaning“, angestoßen hat. Derweil schwappt auch aus Südkorea über, dass junge Leute (!), Anhänger des „Deep Cleaning“, in den sozialen Medien stolz ihre aseptisch gereinigten Wohnungen vorführen.

Zum Beispiel das ewige Spazierengehen, er, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Die Biergartensehnsucht. Das Existenzielle frisch geschnittenen Haars. Das letzte Freiheitsrefugium PKW plötzlich wieder. Die Fahrradklammer fürs Hosenbein. Der Spieleabend. Die kupfernen Küchen. Die Vorstadtträume. Die Gartenlaubenlust. Das von Corona-Maßnahmen eingehegte Kernfamilienglück, bei dem Mutti die Hausarbeit macht und das Homeschooling übernimmt, während Vati den Blaumann über die Jogginghose zieht, um – ja, ja, jippie jippie yeah – durch den Baumarkt zu paradieren.

Spießer waren immer die anderen

Das Gute am Spießertum war doch immer, dass es nur die jeweils anderen betraf und dazu nützlich war, sich selbst zu verorten, als fortschrittliches, individualistisches Gegenmodell zum Kleingärtner, Jägerzaunfeiler, Hosenträgerträger, Mülltrennungs- und Sprachkritik-Nazi, Jakobswegläufer, Coffee-to-Go-Geher, Grünwähler mit SUV usw. Jetzt will man plötzlich selbst aus Hipster-Reservaten raus aufs spießige Land ziehen, um über der Steinhecke Einkochrezepte auszutauschen.

Corona ist schuld. Und der Kapitalismus, die Komplexität der Welt und so weiter. Inzwischen erscheint uns selbst die einst heimlich verlachte, als unspannend denunzierte, plan- und erwartbare Normalexistenz als eine Art nostalgische Utopie Das Dasein mit Sicherheitsnetz und Bausparvertrag, besseren Aussichten für die Kinder und unhinterfragtem generischem Maskulinum. Alles passé. Jede dritte Frau wünscht sich in einer Forsa-Umfrage „eine Portion Spießer“ in ihrem Traummann. Jede zweite ein Häuschen im Grünen. Spießer sein, yeah!

Jetzt wollen wir selbst Spießer sein

Spießer, der Name ragt ja aus dem Mittelalter ins Heutige herüber. Er kommt davon, dass die ärmeren Schichten, ihre Stadt und die ihren wenigen Pfründe mit dem bloßen Spieß verteidigten. Zur Negativfolie und zum Inbegriff verhärteter Rückschrittlichkeit wurde er, Balzac et cetera pp. sei Dank, im 19. Jahrhundert. Scheint aber so, als sei’s das jetzt gewesen. Hoffen wir uns doch fast alle zurück in ein Zurück irgendwie. In eine Realität, die im Nachhinein wirkt wie ein präpandemisches Bullerbü.

Die stinknormale, spießige Normalität mit Rieslingschorle im Dichtgedränge und Malle einmal im Jahr, sie ist, geben wir es zu, in der Ausnahmesituation, in der wir uns befinden, schon das Nonplusultra geworden. Auffällig, wie oft die Kategorie in jüngster Zeit auch in politischen Debatten programmatisch bemüht wird. Etwa von der Linken Sarah Wagenknecht, die in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Campus) gegen die „Lifestyle-Linke“ zu Felde zieht und empfiehlt, sich statt um Genderpolitik auf die spießig linke Kritik der ökonomischen Verhältnisse zu kaprizieren.

Das Normalste der Welt

Der SPD-Altvordere Wolfgang Thierse hat sich im Streit mit seiner Parteivorsitzenden Saskia Esken zur Symbolfigur erklärt „für viele normale Menschen, die ihre Lebensrealität nicht mehr gespiegelt sehen in der SPD“. Es ging grob gesagt um Geschlechterfragen, Opfergruppen, Identitätspolitik. Thierse sagte, er habe noch nie gehört, dass „gewöhnliche Leute“ das Gendersternchen sprächen. Die AfD hat in diesem Kulturkampf die Normalitätssehnsucht sogar zum Wahlkampfmotto ausgerufen – „Deutschland. Aber normal“ –; das zeigt, wie offensichtlich sie ist.

„Normal ist einfach schön. Normal ist, das was, wir alle wieder brauchen“, normal „ist etwas ganz Besonderes“, heißt es dazu in einem Wahlkampfclip, der mit einem Gartenzwerg, mannshohen Grundstückzäunen, einem Spitz (!), der auf einem fahrenden Rasenmäherroboter sitzt, für das wirbt, für das die AfD so wirbt. Als sei’s das Normalste der Welt. Im Gegenzug werden Bilder gezeigt, wie eine junge Frau ein Schild hält mit der Aufschrift „Klima statt Kinder“, eine Antifafahne flattert im Wind, dazu Aufnahmen der G-20-Demos 2017 unter dem „Welcome to Hell“. „Denn die Welt ist irgendwie so verrückt geworden“ lautet die Tonspur dazu. Bei Stichwort „saubere Straßen“ werden einem jungen Mann Handschellen angelegt. Wie man sich als Björn Höcke halt aufräumen vorstellt.

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