Literatur
Letzter Ausgang Liebe: Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“
Am besten, man beginnt mit dem Ende. Kann doch gut sein, dass auch dieses Buch hin auf diesen einen Schlusssatz der Danksagung geschrieben ist. So wie der Roman im Kern von einem Ende her erzählt, dem Sterben. „Für mich ist es Zeit, aufzuhören“, also schreibt Michel Houellebecq zum Finale von „Vernichten“. Ein trauriger Satz nach der Lektüre dieses 624-Seiten-Werks. Es ist die ultimative Provokation für all diejenigen, die in dem Franzosen bloß den Zyniker sehen. Einen möglichen Nobelpreiskandidaten, der sich durch Drastik selbst boykottiert. Ein großartiges und komplexes Buch jedenfalls ist das angebliche Letztwerk des nach eigenen Angaben 63-Jährigen geworden, das sei vorweggesagt. Die Liga seines Klassikers „Karte und Gebiet“ von vor elf Jahren.
Subtil, sentimental fast, berührend nahezu, die endgültige Selbstentlarvung des Autors als hoffnungslos romantischer Fall. Und mit, was einem aufregen kann, losen Erzählenden intus. Unheimlich gut liest sich dieser von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek überragend übersetzte Abgesang. Ohne, dass man so genau weiß, wie der stillose Stilist das macht.
Leichtmatrose Macron
„Vernichten“ ist aus einer allwissenden Halbdistanz verfasst, die einem nahegeht. Spielt in Paris und im Beaujolais-Gebiet. Und wie lässt es sich anders als so kitschig sagen, im Kern feiert Houellebecq darin, Pardon, na ja, die Liebe. Eine versöhnende, tröstende, heilende Kraft. Eine Möglichkeit des Glücks sogar, eine Insel. Einen Rest. Die letzte Bastion im Vernichtungsfeldzug, den das Dasein gegen einen führt. Man reibt sich die Augen.
Dabei fängt alles harmlos an. Als Polit-Thriller. Im Internet tauchen un-dechiffrierbare Videos auf, darauf geometrische Muster, in endlose Wiesen gezeichnet. Die dafür angewandte Intelligenz ist von nie gekannter Finesse. Sie sind allgegenwärtig. Der französische Geheimdienst aber nimmt sie erst dann genauer ins Visier, als ein lebensechtes Enthauptungsvideo mit dem französischen Finanzminister Bruno Juge auftaucht. Dabei sitzt der ungerührt in seinem Amt. Der kommende Präsident, so wie es aussieht.
Es ist der Vorabend der Präsidentschaftswahlen 2027. Das Arrangement gleicht dem von Houellebecqs tragisch weitsichtigem Roman „Unterwerfung“, zu dessen Erscheinen am 7. Januar 2015 Islamisten einen Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verübten. Zwölf Menschen starben. Der Autor war auf dem Cover der am selben Tag erschienenen neuesten Ausgabe zu sehen.
In „Unterwerfung“, der Roman spielt vor den Wahlen 2017, ging es darum, wie aus Frankreich schleichend ein islamischer Gottesstaat wird. In „Vernichten“, in Frankreich unter dem gleichlautenden Titel „Anéantir“ erneut an einem 7. Januar herausgekommen, muss der amtierende Präsident zehn Jahre später nach zwei Wahlzeiten turnusgemäß abtreten. Er plant, Bruno Juge, den Finanzminister, seinen besten Mann, als Strohmann zu platzieren, um nach vier Jahren rechtmäßig zurückzukehren – à la Putin. Derweil soll schleichend das Wahlsystem umgebaut werden. In Richtung einer Art parlamentarisch verschleierter Autokratie.
Im Wachkoma
Demokratie heißt es zur Begründung, sei passé. Zu schwerfällig angesichts der sich rasend ändernden Welt. Paul Raison, Raison wie Grund oder Vernunft auf Deutsch, Houellebecqs Hauptfigur, fungiert am Rand eines inneren politischen Zirkels. Hinzu kommt, sein Vater, jetzt Pensionär, hat beim Geheimdienst gearbeitet und scheint mit den Vorgängen um die bedrohlichen Videos vertraut zu sein. Er könnte weiterhelfen. Unselig, dass ihn bald ein Schlaganfall ereilt. Er fällt ins Wachkoma, woraus eine Familien- und die Ehegeschichte von Filius Paul erwachsen. Der steife Beamte ist Mitte bis Ende vierzig, sehr ernsthaft, „null lustig“. Zufrieden, scheint’s, obwohl mit seiner Frau – Prudence, Vorsicht bedeutet der Name übersetzt, – seit zehn Jahren im wahrsten Wortsinn nichts mehr läuft. Ein klassischer Fall für den Escort-Service wäre Paul bei Houellebecq gewesen, früher. Diesmal nicht. Souverän lässt der Autor nach und nach sein eigenes Klischee erodieren. Denn Paul Raison zieht leise Befriedigung aus dem, was er tut.
Er sitzt im Stab von Bruno Juge, dem Unikat eines hochbegabten intellektuellen Aktenfressers von Finanzminister. Überdeutlich hat er den zurzeit in Frankreich real amtierenden Bruno Le Maire zum Vorbild. Ein Freund des Schriftstellers, bekanntlich. Und er kommt bei ihm geradezu fulminant gut weg. Der namenlose Präsident indes, eindeutig ist Emmanuel Macron gemeint, wird als nüchterner Narzisst porträtiert. Raison kann ihn sich gut „im Matrosenanzug“ vorstellen. Er habe nur ein einziges Programm, heißt es, er fühle sich für das Amt prädestiniert, das er wie ein Unternehmenschef interpretiert. Aber immerhin. Das Land prosperiert. In Europa Nummer zwei hinter Deutschland. Der Preis ist eine Spaltung.
Die Frau, das tapfere Wesen
Ein Heer von Arbeitssklaven, ein Gefälle zwischen Arm und Reich, Stadt und Land herrscht, wie schon in Houellebecqs 2019 erschienenem „Gelbwesten“-Roman „Serotonin“ beschrieben. In „Vernichten“ ist die totale Durch-Ökonomisierung und -Technokratisierung der Gesellschaft endgültig vollzogen, inklusive des Gesundheitswesens, das im Verlauf des Romans eine immer größere Rolle einnimmt. Frauen sind beinahe tapfere, dem Mann ergebene Wesen. Ein sehr unangenehmes Frauenbild nach wie vor. Aber immerhin wird es diesmal keiner – was sonst schon mal vorkommt - willentlich von drei Hunden besorgt. Trotzdem dekliniert Houellebecq anfangs noch durch, was man von ihm erwartet. Heißt: alles da.
Die satirischen Porträts französischer Prominenz sind gegenwärtig, die schneidenden Zeitdiagnosen, die kulturpessimistische Abscheu, die seinen Helden – nur zum Beispiel – gegenüber der Klassengesellschaft im TGV-Speisewagen erfasst. Der Vorwurf: Europa sei zu einer Provinz der USA verkommen. Fast selbstironisch spult Houellebecq sein Programm ab und lässt nebenbei mehr und mehr das Geschehen eskalieren.
Alptraum Gegenwart
Überall vernichtende Tendenzen. Terror, Intrigen, Krankheiten. Okkultes scheint auf, Verschwörungstheorien blühen. Religion und Mythenbildung erscheinen für den Moment Optionen zu sein in dieser haltlosen Welt, die Paul Raison bis in seine Alpträume verfolgt. Die obskuren Videoproduzenten vom Anfang des Romans verüben Anschläge, die immer krasser werden.
Erst trifft es ein chinesisches Frachtschiff, dann ein dänisches Unternehmen, das mit Spermien handelt, dann wird ein Flüchtlingsboot torpediert. Ein ins Netz gestellter Film zeigt, wie die letzten Überlebenden im Wasser schwimmend erschossen werden. Der Geheimdienst kann sich keinen Reim auf die Terroristen machen. Wer sind sie? Satanisten mit Hang zu norwegischer Death-Metal-Musik? Tiefenökologen, inspiriert von dem US-Amerikaner, der unrühmlich als Unabomber in die Geschichte einging, und gegen alles, was nach Zivilisation aussieht, antrat: Sprache, symbolisches Denken, Kunst, Musik? Sogar das „Konzept der Zeit“ lehnen die Anhänger von Organisationen wie der Church of Euthanasia ab. Möglich auch, dass die Spinner mit auf Baisse spekulierenden Aktienhändlern kooperieren. Und ist es nicht so, dass auch die Partei des Präsidenten, für die inzwischen ein glatter Fernsehmoderator kandidiert, indirekt vom Terror profitiert? Angespannt schlägt man Seite um Seite um – angefixt auf der Spur des Polit-Thrills, derweil sich Houellebecq mählich davon entfernt. Er biegt einfach ab, erzählerisch, und lässt die komplex gespannten Erzählfäden liegen. Stattdessen schiebt sich die Geschichte von Paul Raisons Familie ins Bild. Sie wächst in der Not zusammen. Schwester Cécile, eine glühende Katholikin und „menschliches Wesen von höherer Qualität“, obwohl sie und Hervé, ihr Mann, „selbstverständlich“, wie es heißt „Marine“ wählen, Le Pen. Oder Aurélien, Pauls fatal endender kleiner Bruder, ein schwermütiger Restaurator von historischen Wandteppichen, der leider unglücklich verheiratet ist mit Indy, der einzigen Figur, die Houellebecq durchgängig mit Häme bekübelt. Eine Printjournalistin ausgerechnet, linksliberal. Der Vater ihres formal ehelichen Kindes ist – aus Imagegründen – ein schwarzer Samenspender gewesen. Sie ist es auch, die verrät, dass die Familie mit Hilfe von Anhängern der identitären Bewegung den Vater aus dem Pflegeheim entführt.
Jetzt sitzt er umsorgt und glücklich, in der Betrachtung sich wiegender Blätter versunken, im Garten seines Hauses. Immer ist Houellebecq abstrakt konservativ gewesen, wie er aber jetzt altersmild und unironisch die klassisch konservativen Institutionen Ehe und Familie als die „beiden verbliebenen Pole“ installiert, „die das Leben der letzten Bewohner des Abendlandes“ ordnen, ist fast schon revolutionär. Immer kleiner werden Radius und Schnittmengen seiner Erzählung, bis er geradezu ergreifend bei Paul Raisons Körper verharrt. Vor allem aber nimmt dessen brach liegende Ehe mit Prudence eine überraschende Wendung, als er unheilbar an Mundkrebs erkrankt.
Schmerzpumpe Eheglück
Anfangs WG-Bewohner mit getrennten Kühlschrankfächern. Sie Veganerin, Yogini, Anhängerin der Wicca-Bewegung, einer Hexenkunst und Mythenreligion, die einen weiblichen und männlichen Gott einander gleichstellt. Er Fleischfresser und Agnostiker mit Hang zum Katholizismus. Zum Schluss sind die beiden in einer Art bi-polarer Einheit innigst miteinander verbunden. So sehr, dass der behandelnde Arzt angesichts ihrer Glückseligkeit Pauls Schmerzpumpe für überfällig hält. „Die Liebe reicht aus“, lautet die Diagnose. Dazu das noch vorhandene, romantische Sexleben, das beinahe zärtlich beschrieben wird. Pauls Präferenz dabei, die Seitenlage. Damit er Prudence währenddessen in die Augen schauen kann. „Dein Leben gehört denen, die dich lieben“, heißt es dann. Letzte Worte? Gerührt bleibt man zurück. Himmel, Houellebecq, ob es das wirklich gewesen sein kann?
Lesezeichen
Michel Houellebecq: „Vernichten“, Roman; aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek; Dumont, Köln; 624 Seiten; 28 Euro.