Uraufführung
Kammerspiele München: Rauminstallation mit Zuschauern
Bevor die Kammerspiele allerdings zeigen konnten, wie Theater in Zeiten von Corona funktioniert, gab es auf der Fahrt nach München eine Covid-19-Irritation der dümmlichen Art. Eine Vierergruppe, die die derzeit grassierende Pandemie ganz offensichtlich nicht zur Kenntnis nehmen wollte, feierte an einem der Tische im ICE-Abteil eine ganz eigene Ballermann-Party. Die Ingredienzien: Wein- und Bierflaschen, lautstarkes Prahlen mit Geschäftserfolgen, mit der Yacht im Mittelmeer, dem Porsche und dem Bentley, dann ein wieherndes Lachen, dessen viraler Sprayeffekt mindestens so hoch anzusetzen sein dürfte wie chorisches Singen – und das alles ohne Schutzmaske. Die Reise im pandemisch gefährdeten DB-Abteil dauerte drei Stunden, die Münchner Uraufführung später am Abend nur 60 Minuten. Mehr ist in bayerischen Theatern derzeit nicht erlaubt.
Vom Risiko-Zug ins Corona-gesicherte Theater
Und auch ansonsten betrat man einen öffentlichen Raum der perfekten Corona-Prävention. Die Ingredienzien hier: eine Desinfektion der Hände, mindestens zwei Meter Sicherheitsabstand, die Zuschauerzahl von maximal 18 Personen und eine krisenfeste Inszenierung. Sitzgelegenheiten gab es nicht, man suchte sich einen Platz auf dem Boden. Und selbst diejenigen, die umher gingen, konnten größtmögliche Distanzrouten wählen. Tendenzen einer Rudelbildung, wie man sie derzeit auf dem Rasen von Bundesliga-Stadien sieht, sind nicht zu vermelden.
Vereinzelte Theaterwesen
Das gilt auch für die drei Schauspielerinnen und den Schauspieler, die in gebührenden Abstand zueinander um einen großen Glastisch in der Mitte des Raumes saßen. Ein Kreidekreis markierte die Distanz, bis zu der man sich als Zuschauer nähern durfte. Man war Teil einer Ganzraum-Inszenierung mit vereinzelten Theaterwesen: im äußeren Kreis versprengte Zuschauer und in der Mitte Zeynep Bozbay, Eva Löbau, Vincent Redetzki und Julia Windischbauer, die mit ihrer Stimme und ihrem Körper Macis „Wunde R“ umspielten, als seien sie virtuell gezeugte Spielfiguren. Die steril wirkenden Aliens fixierten sich gegenseitig oder blickten ins Leere, bevor sie dann doch von plötzlichen Emotionswallungen geschüttelt wurden oder emotionslos zur Kenntnis nahmen, wie all die Eistörtchen zusammen schmolzen, die die Bühnenbildnerin Katharina Pia Schütz als Zugabe auf den großen Glastisch gestellt hatte.
Weibliche Rollenbilder reflektiert
All das passte gut zu einem Text, der vom Mittelalter bis in die Gegenwart und von Elisabeth von Thüringen bis hin zu Fitness-Bloggerinnen und Youtube-Influencerinnen oder zu Rahaf Mohammed al-Kunun surft, deren Flucht aus Saudi-Arabien für Schlagzeilen sorgte. Die 18-Jährige saß in Thailand fest, bevor Kanada ihr Asyl gewährte. Für besonders Aufsehen sorgten ihre Tweeds, mit denen sie der Welt einen Eindruck davon vermittelte, wie sie in der repressiven Sharia-Monarchie von männlichen Verwandten schikaniert und mit dem Tod bedroht wurde.
Wunde und Wunder
Maci, die seit „Eiscafé Europa“ (Suhrkamp Verlag) auch als exzellente Essayistin bekannt ist, verwandelt Internet-Recherchen in literarische Texte. In „Wunde R“ umspielt sie weibliche Rollenzuschreibungen und den Versuch, sich diesen Zuschreibungen zu entledigen. Der Titel ist Programm. Im Zentrum stehen Frauenschicksale, die von Posen einer demütigen Selbstaufgabe bis hin zu Akten einer kraftvollen Selbstermächtigung reichen. Immer wieder ist da diese Wunde „Frau“, dann wieder dieses Wunder „Frau“.
Pikante Formulierungen
Dass Regisseur Felix Rothehäuser dem Ganzen eine Computerspiel-Ästhetik mit abgehackten Bewegungen und verzerrten Stimmen verordnet hat, stört auf keinen Fall. Im Gegenteil: Die inszenierte Rauminstallation mit Zuschauern, die als pandemische Forscher unterwegs sind, funktioniert als coronasicheres Theater und als Metapher für ein Gefängnis, in dem Frauen festsitzen und so Pikantes formulieren können wie: „nennt mich: / die vereinigten staaten von amerika denn auch ich / befinde mich seit Jahren schon / im ausnahmezustand.“