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„Händler der Geheimnisse“ von Elisabeth Bronfen
Nun hat sich die Literatur-Professorin und Gender-Studies-Expertin Elisabeth Bronfen endlich auch literarisch profiliert. Unter dem Namen „Händler der Geheimnisse“ legt sie eine spannende Mischung aus Familien-, Kriminal und Spionageroman vor, die fesselnd ist und ihre Leser packt. Trotzdem gibt es ein Problem: Die 1958 geborene Tochter eines jüdisch-amerikanischen Offiziers, der 1946 mit der Besatzungsarmee nach Bayern kam und dort seine deutsche Frau kennenlernte, ist im Genre „Roman“ wohl doch nicht so brillant wie in all ihren anderen Veröffentlichungen.
1993 auf einen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an die Universität Zürich berufen, studierte die beeindruckende feministische Überfliegerin in Harvard und München, ließ sich zur Mezzosopranistin ausbilden und verfügt über eine schwindelerregende, vielfältig ausschweifende Publikationsliste, inklusive eines Kochbuches ohne Bilder, was einiges über ihren Wagemut aussagt. Seit Juni 2023 ist die mediengewandte Professorin emeritiert.
Bronfens methodisches Markenzeichen
„Crossmapping“ ist Bronfens methodisches Markenzeichen, das heißt, der immer wieder vorgenommene Vergleich von ästhetischen Werken hinsichtlich ihrer strukturellen Ähnlichkeit in sowohl inhaltlicher als auch formaler Art. Das „Aufeinanderlegen oder Kartographieren von Denkfiguren“ aus Oper, Film, Serie oder Roman unterschiedlichster Zeiten, könne der Kulturwissenschaft ungeahnte Erkenntnisse eröffnen, sagt sie. Die Idee, in ihrem Roman ähnlich vorzugehen, war wohl einfach zu bestechend.
Bloß, wie bringt man eine Familiengeschichte voller Geheimnisse mit Shakespeares „Hamlet“ auf einen Nenner, in dem zwar gleichfalls viel geschwiegen, verschwiegen und – notwendigerweise – gelogen wird? Was will Bronfen mit ihrem „Crossmapping“ erreichen? Die Wirklichkeit eines Romans ad absurdum führen oder doch lieber ein zeitgeschichtliches Rätsel lösen, das am Ende Hand und Fuß hat?
Es geht auch um Nazi-Raubkunst
Immerhin: Ein Shakespeare-Projekt gibt es schon einmal im Roman „Händler der Geheimnisse“: Die autobiografisch gefärbte Hauptfigur Eva Bromfield, auf dem Sprung zu einer großen Universitätskarriere, und ihre Freundin Samantha stricken emsig daran. Und es existieren auch jede Menge Merkwürdigkeiten, den plötzlichen Tod von George Bromfield betreffend, dessen zweite Frau Tash partout verhindern will, dass seine Tochter und sein Sohn Max an sein Sterbebett eilen. Später setzt sie sich rigoros dafür ein, dass keine lebensverlängernde Medikamente eingesetzt werden, was die Geschwister endgültig hellhörig werden lässt.
In der Tat: Es geht es auch um Nazi-Raubkunst, Kollaboration, Entnazifizierung, Spionage, Nachkriegsdeutschland, Wirtschaftswunder in Bronfens flott zu lesenden Roman. Und um einen Künstler, der sowohl die Familie Bromfield als auch – irgendwann einmal – Adolf Hitler porträtierte und bei den Nazis wohlgelitten war. Sogar den ehemaligen FBI- Beamten und nunmehr als Privatdetektiv tätigen Damon Faye heuern Bruder und Schwester an, er lässt sich von ihrer Mord-These anstecken, steigt in die Archive, interviewt das Krankenhauspersonal, hört sich bei den osteuropäischen Einwanderern im East Village um. Ohne Erfolg, es kommt zu keiner Anklage, zu keinem Verfahren. Ein Indizien-Prozess wäre zu riskant.
Einzig, dass der Vater den Geschwistern einmal als Geist erscheint, spricht für eine Kongruenz zwischen „Hamlet“ und der Realität der Neunziger Jahre in München und New York. Max’ Freund und Evas Freundin unterbinden schließlich, dass sich die Geschwister gänzlich verrennen. Den Lesern kommen schon vorher Zweifel, auch fühlen sie sich ein bisschen düpiert angesichts des romanhaft gewendeten „Crossmappings“, dessen Sinn und Zweck literarisch nicht recht ersichtlich wird. Womöglich hätte es des komplexen Verfahrens gar nicht bedurft, wenn man bedenkt, an was der Mensch alles glauben will: an Mord und Totschlag etwa, wenn er nur einige Hinweise hat, die seinen traumatischen Bedürfnissen entsprechen.
Lesezeichen
Elisabeth Bronfen: „Händler der Geheimnisse“; Roman; Limmat Verlag, Zürich; 320 Seiten; 28 Euro.