Dada-Liebe
Große Liebe, eigene Sprache: Hugo Ball und Emmy Ball-Hemmings
Von der prinzipiellen Unerfüllbarkeit der Liebe wussten bereits die Minnesänger des frühen Mittelalters. Sie durften der Dame ihres Herzens ihre Gesänge nur aus rituell vorgeschriebener Distanz widmen. Anfassen war dagegen verpönt. Sobald sich die glühende Herzensschrift des dichterischen Liebesgesangs in Lebenspraxis verwandeln wollte, wurde sie rasch ernüchtert.
Gegen solche Ernüchterungen wollte die faszinierende Dichterin, Cabaret-Künstlerin und Sängerin Emmy Hennings (1885-1948) in den wilden Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts die Dokumentation einer vollkommenen Liebe setzen – ihrer Liebe zu dem aus Pirmasens stammenden Dadaisten und Mystiker Hugo Ball. Bald nach Hugo Balls Tod im September 1927 initiierte Hennings ein Buchprojekt mit dem Arbeitstitel „Gedichte der Liebe“, das aus Poemen bestehen sollte, die sich das Künstlerpaar Ball/Hennings gegenseitig gewidmet hatte. Das Buch ließ sich damals aus Geldmangel nicht verwirklichen.
Die beiden, eine Sensation
Es dauerte dann fast 100 Jahre, bis nun die Schriftstellerin Bärbel Reetz, der wir zwei fabelhafte Biografien zu dem Avantgardisten-Paar Hennings/Ball verdanken, den Plan von Emmy Hennings verwirklichen konnte. Die unter dem Titel „Seiltänzer noch im Dunkeln“ komponierte Textsammlung präsentiert in der Art einer poetischen Collage Gedichte, Briefauszüge und Zeichnungen, die sich Hennings und Ball zwischen 1914 und 1927 zugeeignet haben.
Reetz folgt dabei nicht einer strengen chronologischen Ordnung, sondern stellt die Gedichte und Briefzeugnisse so zusammen, als seien sie das Ergebnis einer fortdauernden poetischen Korrespondenz. Dass die beiden grundverschiedenen Künstler als Liebende zueinander fanden, war in der literarischen Boheme Münchens um 1913/14 eine kleine Sensation.
Mit ihm kann sie beten
Der introvertierte Asket Hugo Ball und die so verzweifelt liebeshungrige wie morphiumsüchtige Emmy Hennings, die viele Jahre ihr Überleben nur durch Gelegenheitsprostitution sichern konnte – das sah nicht nach einem idealen Dichterpaar aus. Aber die protestantisch aufgewachsene Hennings konvertierte 1911 zum Katholizismus und erkannte in Hugo Ball „den Mann, mit dem ich beten konnte“. Ball eroberte ihr Herz, als sie im Sommer 1914 wegen Beischlafdiebstahls im Gefängnis Stadelheim in München einsaß. Ball besuchte die inhaftierte Dichterin und widmete ihr das anrührende „Lied für ein gefangen Kind“, die Gefangene schöpfte danach neuen Lebensmut.
Die poetische Wandlungsfähigkeit Hugo Balls zeigt sich zum Beispiel an dem Liebeslied „Schöne Mondfrau“, das der Dichter im Sommer 1917 schrieb, als er seinen Dada-Freunden den Rücken gekehrt und sich mit Emmy und dem Schriftsteller Friedrich Glauser auf die Alp Brussada im Tessiner Maggia-Tal zurückgezogen hatte. Wenige Monate zuvor hatte Ball noch seine sprachverrückten Lautgedichte im Zürcher Cabaret Voltaire vorgetragen, die zur Gründungsurkunde des Dadaismus wurden. Und nun, auf der Alp Brussada, schreibt er in traditionellen Reimen ein Abendständchen, in dem er die Geliebte an den Sternenhimmel versetzt: „Schöne Mondfrau, gehst du schlafen/ Lächelnd und so munter,/ Leise mit den Silberschafen/ in die Nacht hinunter?// O und du im hellen Kleide / Liebe Schehrazade,/ Spielst du, daß die Nacht nicht leide/ Deine Serenade?“
Bärbel Reetz ist eine berührende Collage eines einzigartigen poetischen Liebes-Dialogs gelungen. Zwar sind die hier versammelten Texte bereits in den im Wallstein Verlag vorliegenden Werkausgaben von Hugo Ball und Emmy Hennings greifbar. In der subtilen Neugruppierung der Texte entsteht nun das Bild einer tiefen Verbundenheit zweier lebenslang ungesicherter „Seiltänzer“. All diese Liebes-Episteln wurden in einer Zeit geschrieben, als die Produktionsgemeinschaft dieses Dichterpaars hoch gefährdet war.
Freundliche Eifersucht
Während Ball 1917 nach Bern ging, um dort an der antimilitaristischen „Freien Zeitung“ mitzuarbeiten und sich gegen den Großen Krieg zu engagieren, fürchtete er, dass sich die in Zürich wieder tingelnde Emmy alten und neuen Liebhabern zuwenden könnte. Einem seiner Rivalen, dem spanischen Journalisten Julio Alvarez del Vayo, schrieb der besorgte Ball 1918 damals einen forschen Brief: „Ich liebe Emmy Hennings und würde nie auf sie verzichten… Und so bitte ich Sie, zu verstehen und den Gedanken an diese Frau, die zu mir gehört, aufzugeben.“ Trotz aller guten Vorsätze blieb das von ihm liebevoll umsorgte „Emmylein“ unfähig zur Monogamie. Hugo Ball hat dennoch bis zu seinem frühen Tod – er starb bereits mit 41 Jahren an Magenkrebs – an seinem Liebeswunsch festgehalten.
Lesezeichen
Emmy Hennings/Hugo Ball: „Seiltänzer noch im Dunkeln. Gedichte und Briefe – mit Zeichnungen von Hugo Ball“; hrsg. von Bärbel Reetz; Das Wunderhorn, Heidelberg; 120 Seiten, 22 Euro.