Jubiläum RHEINPFALZ Plus Artikel Geistreiche Albernheiten: Vor 150 Jahren wurde der Dichter Christian Morgenstern geboren

Christian Morgenstern war ein wahrer Sprachakrobat.
Christian Morgenstern war ein wahrer Sprachakrobat.

Am 6. Mai 1871, vor 150 Jahren, wurde Christian Morgenstern in München geboren. Nonchalant stellte der Spross einer Malerfamilie, deren Vertreter wie selbstverständlich „realistisch“ gearbeitet hatten, in seinen Versen alles auf den Kopf, was bis dahin im allgemeinen Bewusstsein Sprache und Dichtung ausgemacht hatte.

Nicht mehr die äußere Wirklichkeit – oder doch etwas ihr Ähnliches, eine Erfindung, die den Anschein der Wahrscheinlichkeit für sich hatte – gab den Stoff ab, sondern gerade umgekehrt: Der Dichter imaginierte eine völlig neue „Wirklichkeit“. Ein Vorgang, der einige Jahre nach Morgensterns berühmten „Galgenliedern“ in der bildenden Kunst seine Parallele fand: Spätestens 1913 malte Wassily Kandinsky seine ersten abstrakten Bilder.

Die „Galgenlieder“ entstanden seit 1895 zunächst für den Eigenbedarf in Morgensterns Berliner Freundeskreis. Der Galgenberg war ein beliebtes Ausflugsziel nahe Potsdam. Man zelebrierte ironisch-makabre Rituale wie das Durchschneiden des Lebensfadens bei Puppen und sang dazu Morgensterns Lieder. Als 1901 der Schriftsteller Ernst von Wolzogen das literarische Kabarett „Überbrettl“ begründete, fand sich Morgenstern bereit, dort seine Werke vorzutragen. Erst der Erfolg dort brachte ihn 1905 dazu, seine Verse in den Druck zu geben. „Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre“, schrieb er im Vorwort.

Später pflegte der Dichter seinen Versen gern einen tieferen Sinn unterzulegen, vor allem, nachdem er sich im Winter 1908/09 der Anthroposophie Rudolf Steiners zugewandt hatte. Aber da ist natürlich Vorsicht angebracht: Will man Morgensterns Sprachspiele weltanschaulich deuten, darf man nicht spätere Lektüren in das Frühwerk hineintragen. Sicher ist, dass der Dichter, als er die „Galgenlieder“ verfasste, viel von dem gelesen hatte, was auch bei Steiner die Grundlage seines Denkens ausmachte, von den mystischen Schriften eine Jakob Böhme bis zu den Romanen eines Lew Tolstoi.

Am wichtigsten für Morgenstern wurden jedoch die beiden großen „unakademischen“ Philosophen des 19. Jahrhunderts, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Einen Nietzsche-Aphorismus setzte Morgenstern den „Galgenliedern“ auch als Motto voran: „Im echten Manne ist ein Kind versteckt: Das will spielen.“ Er selbst sprach von seiner Dichtung als von einem „Spiel- und Ernst-Zeug“. Spätere Schriftsteller und Komiker von Joachim Ringelnatz über Erich Kästner bis Heinz Erhardt sind in Morgensterns Fußstapfen getreten.

Manchmal erinnert Morgensterns Kunst der scheinbar unsinnigen Pointe an die Sprüche in der japanischen Zen-Religion, etwa wenn der Reim als poetische Konvention die Oberhand über die geschilderte Realität gewinnt: „Ein Wiesel saß auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel. Wisst ihr, weshalb? [...] Das raffinierte Tier tat’s um des Reimes willen.“ Kein Wunder, dass Morgensterns Verse es zunächst schwer hatten, in den Bildungskanon der deutschen Literatur aufgenommen zu werden. „Das Wasser rann mit Zasch und Zisch“ – da hörten manche Deutschlehrer bloß eine Albernheit heraus.

Es gehört zum Charme von Morgensterns Lyrik dass man an ihnen so endlos über manches Weltanschauliche diskutieren kann, es aber keineswegs muss. Ein Satz aus dem „Palmström“ ist in den Redensartenschatz der deutschen Sprache eingegangen ist. „Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.“ Das Studium der Gesetzbücher bringt den Verunglückten zu der klaren Einsicht: „Wagen durften dort nicht fahren!“ Die Diskrepanz von Sein und Sollen – eines der tiefgehendsten aller philosophischen Probleme, das aber auch eine ganz banale Alltagserfahrung ist. In komischer Ineinssetzung von Norm und Realität kommt Palmström zu dem Ergebnis: „Nur ein Traum war das Erlebnis.“ „Weil“, so schließt er messerscharf, „nicht sein kann, was nicht sein darf.“

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