Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Die Satire „Jeeps“ von Nora Abdel-Maksoud am Nationaltheater

Almut Henkel in einer Szene aus „Jeeps“.
Almut Henkel in einer Szene aus »Jeeps«.

Das ist mal ein radikaler Vorschlag für mehr Chancengleichheit. Keiner erbt mehr etwas, Immobilien, Aktiendepots, Geldkonten alles wird eingezogen und neu verteilt. Nicht mit der Gießkanne, sondern per Los. Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud hat aus dieser Idee eine Komödie gemacht, auch in Mannheim ist „Jeeps“ nun zu sehen.

Besitz im Wert von 400 Milliarden Euro wird Jahr für Jahr vererbt, gleichzeitig ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Die aus München stammende Autorin Nora Abdel-Maksoud ruft die beiden Zahlen gleich zu Beginn ihres Stücks in Erinnerung. Sie macht daraus keine politische Anklage, will nur begründen, warum es Sinn machen könnte, an der Besitzverteilungsschraube in unserer Gesellschaft einmal kräftig zu drehen. Über diese Frage wird in der Politik ja tatsächlich diskutiert, Die Linke fordert schon länger eine Vermögenssteuer, 20.000 Euro Startkapital für alle 18-Jährigen ist ein aktueller Vorschlag. Darauf zu warten, dass die Kinder der Reichen wie Marlene Engelhorn in Mannheim ihr Millionenerbe freiwillig zur Verfügung stellen, ist da eher keine Option.

Die Reichen müssen ihr Erbe abgeben

Das Stück spielt folgendes Szenario durch: Nach einer Erbrechtsreform wird vom Staat das Vermögen der Reichen im Erbfall eingezogen und per Losentscheid neu verteilt. Ein Los kann jeder beantragen, auch die frisch Enterbten. Gleiche Chancen für alle also, Nieten in Form von Schulden sind auch dabei. Abwickeln sollen das Ganze die Jobcenter, wo die Arbeitsuchenden und Mittellosen ohnehin Schlange stehen und nun auf die vom Absturz ins Prekariat bedrohten Nicht-mehr-Reichen treffen. Die heillos überforderte Bürokratie ist nun allerdings das größte Hemmnis eines allseitigen Chancenglücks, und genau hier beginnt die Komödie.

Soziale Diskriminierung als Thema der Autorin

Die 41-Jährige Dramatikerin hat den Klassismus, also die soziale Diskriminierung, schon öfter zum Thema ihrer Stücke gemacht. „Jeeps“ ist Teil einer Trilogie, zu der noch „Café Populaire“ und „Rabatt“ gehören. Die großen Gesellschaftsfragen werden hier auf enge Figurenkonstellationen heruntergebrochen, menschlich anschaulich und durchaus komisch. In „Jeeps“, das nach der Münchner Uraufführung vor drei Jahren an einem Dutzend Bühnen nachgespielt wurde, besteht das Personal aus den beiden Jobcenter-Mitarbeitern Armin und Gabor sowie der frisch enterbten Silke und der Hartz IV-Veteranin Maude.

Armin ist nach kaputter Ehe und weiteren Enttäuschungen zu einer gewissen Gelassenheit gereift, sein jüngerer Kollege Gabor dafür der überkorrekte Bürokrat, der sich zwischen Vorschriften und Heftklammern pudelwohl fühlt. Maude verfasste Groschenromane, bis eine Wortfindungsstörung sie aus der Bahn warf, Silke ist eine eher erfolglose Produktdesignerin, der auf Grund des konfiszierten Erbes das Kapital für ihr neues Start-up, irgendwas mit Taschen, abhandengekommen ist. Silkes Empörungsenergie und Maudes Sozial-Know-how ergeben eine gefährliche Mischung, die in Geiselnahme, Erpressung und der Detonation eines hochpreisigen geländegängigen Fahrzeugs mündet. Der unbestechliche Gabor, der die Schlüssel für die Lostrommel verwaltet, hat nämlich eine Achillesferse in Gestalt eines Mercedes G 400 d.

Die Regie lässt das Stück einfach laufen

Auf die Bühne im Alten Kino Franklin brachte das turbulente, ein wahres Pointenfeuerwerk zündende Stück nun Dominic Friedel, ehemaliger Hausregisseur des Mannheimer Schauspiels. Der lässt die gut geschmierte Komödienmaschinerie klugerweise einfach laufen, versucht nicht allzu viel Tiefsinn zu implantieren und überlässt das Nachdenken über den viele brisante Themen triggernden Stoff den bestens unterhaltenen Zuschauern. Das funktioniert über weite Strecken recht gut, am Ende macht die Autorin ihre Geschichte unnötig kompliziert und möchte auch noch ein paar Statements setzen. Das richtet dann aber auch keinen größeren Schaden mehr an.

Im simpel-funktionalen Bühnenbild von Michael Köpke finden sich neben vielen Stühlen zum Warten und einer riesigen Lostrommel ein bedrohlich über der Szene baumelnder Mercedes, Stellvertreter für Gabors Traumwagen und all die titelgebenden Jeeps der enterbten Yuppies, die jetzt die Blocks rund ums Jobcenter zuparken. Aber in dieser Inszenierung stehen eindeutig die Darsteller im Mittelpunkt. Vor allem die beiden Männer machen ihre Sache großartig. Rocco Brück im Beamtenpullunder ist der linkisch-penible Gabor, Boris Koneczny im Florida-Touristen-Outfit der gelegentlich anmaßende, meistens bräsige Armin. Almut Henkel als Maude im schießwütigen Cowgirl-Look hat eine kurze Lunte, nicht nur wenn Gabor ihr das Geld vom Pfandflaschen-Sammeln vom Bürgergeld abzieht. Rahel Weiss stakst als Silke im Leopardenmäntelchen und signalrotem Täschchen umher und kämpft mit alten Argumenten und neuer Gewaltbereitschaft ums verlorene Erbe. Hilft aber alles nichts, den Vier auf der Bühne jedenfalls bringt das reformierte Erbrecht kein Glück.

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