72. Berlinale
Die Jury schwärmt vom Erlebnisraum Kino
Als kleiner schüchterner Bub unter 1200 anderen „Jäger des verlorenen Schatzes“ zu sehen: Das war das prägende erste Kinoerlebnis von Berlinale-Jurypräsident M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“). Fortan wollte er auch für diesen Sehnsuchtsraum Geschichten erzählen, sagte der US-Regisseur bei der traditionellen Jury-Gesprächsrunde mit Journalisten zum Berlinale-Auftakt.
Zum Loblied auf das Transportiertwerden in neue Erlebniswelten und auf das Bangen und Jauchzen mit anderen im Kinositz neben sich, wurde die Juryvorstellung. „Die Kinowelt ist meine Religion und der Kinosaal meine Kirche. Ich habe das gemeinsame Kinoerlebnis sehr vermisst und bin froh, dass wir jetzt wieder in unsere Kirche dürfen“, schwärmte gar der französisch-tunesische Produzent Saïd Ben Saïd , der den Berlinale-Siegerfilm „Synonymes“ (2019) produziert hat.
Kindheit ohne Kino in Simbabwe
Die Runde gab jedoch indirekt auch Einblicke in erschütternde Wirklichkeiten: Jurymitglied Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe – Filmemacherin, Autorin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2021 – erzählte, dass in ihrer Kindheit in Simbabwe schwarze Menschen nicht ins Kino durften. Doch irgendwann habe ein Autokino eröffnet, wohin auch Schwarze – da ja abgeschirmt im Wagen – durften. Ihr Vater habe sie mitgenommen in den Sidney-Poitier-Film „Junge Dornen“. Und sie habe erkannt, dass Filme Menschen bewegen können wie sonst kein anderes Medium, sagte die 63-Jährige.
Die deutsche Regisseurin und Schauspielerin Anne Zohra Berrached wiederum schwärmte von „Fenster im Hof“. Und Schauspielerin Connie Nielsen, deren Uroma bereits ein Kino betrieb, war verstört von „Christiane F.“ Ihre sehr religiöse Mutter habe ihr den Film als Kind zur Warnung gezeigt: „Ich war wirklich schockiert, aber auch fasziniert von diesen Erlebnis Kino, das Emotionen tief im Innern berühren konnte.“
Ein vierfach Oscarnominierter in der Jury
Und die Juryarbeit? M. Night Shyamalan freut sich vor allem aufs Diskutieren mit den Kollegen, die nicht nur für Diversität, sondern hochkarätiges Filmschaffen stehen: So gehört neben dem brasilianischen Regisseur Karim Ainouz (2014 mit „Futuro Beach“ im Bärenrennen) auch der japanische Regisseur Ryusuke Hamaguchi zu den Bärenhütern: Sein Film „Das Glücksrad“ gewann den Jurypreis der Berlinale 2021 – und dieses Jahr ist er mit „Drive My Car“ gleich für vier Oscars nominiert. Sein großes Vorbild: Douglas Sirk, aber auch Josef von Sternberg schätzt er. An wen die Bären gehen, entscheidet sich diesmal schon nach sieben Festivaltagen: am 16. Februar.