CD des Monats
„Baritenor“ Michael Spyres auf dem Weg zu Wagner
Richard Wagners Schwanenritter ist eine Sagengestalt, aus einem Land fern jeder Realität. Michael Spyres, der den Lohengrin gerade an der Straßburger Rheinoper verkörpert, hingegen ist real – und doch ein Phänomen. Zumindest, wenn man die gängigen Stimmfach-Charakterisierungen der Oper für unverrückbar hält, allen voran den sich durchweg im Forte bewegenden Heldentenor oder den strahlenden Ritter des hohen C italienischer Prägung. Und dann kommt einer, der kann das alles und noch viel mehr ...
Nicht aus einem unnahbar fernen Land, sondern aus Mansfield/Missouri, mitten in Amerika. Dort hat der 1979 geborene Michael Spyres Singen gelernt, bevor er, 24 Jahre alt, sein Studium in Wien fortsetzte: ein Tenor, der 2005, in Neapel debütierte, als Jaquino in Beethovens „Fidelio“. Knapp 20 Jahre später singt er den Florestan – und zwar so, als ob diese gefürchtete Partie ein Spaziergang sei. Man möchte in Endlosschleife zuhören, wenn der im Kerker Schmachtende die Freiheit im himmlischen Reich bejubelt.
Wären da nicht noch die anderen – mit Ausnahme von Webers „Durch die Wälder, durch die Auen“ aus dem „Freischütz“ - weitaus unbekannteren Arien, die Spyres auf seinem neuen Album präsentiert und die alle hinführen zu einer neuen Etappe einer erstaunlichen Karriere: Nach dem Lohengrin wird er den Siegmund in der „Walküre“ singen - im „Wagner-Heiligtum“ auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Wenn sich das dort ebenso leicht und mühelos anhören sollte wie eben der Lohengrin, so führte doch ein langer Weg der Vorbereitung zum Ziel – mit dem Album „In The Shadows“ als grandiosem „Nebenprodukt“. Nicht zuletzt der große Meister selbst mit seinem noch größeren Ego hat dazu beigetragen, sich als aus dem Nichts auftauchender Solitär zu stilisieren, der quasi im Alleingang die Oper revolutioniert hat. Und in den deutschen musikwissenschaftlichen Seminaren hat man sehr lange günstigenfalls ein mitleidiges Lächeln geerntet, wies man auf Komponisten wie Meyerbeer, Spontini, Rossini oder gar Offenbach hin, die in den Wagnerschen Partituren ihre Spuren hinterlassen haben. Namen wie Méhul oder Marschner waren allenfalls Spezialisten bekannt. Michael Spyres hat sie aufgespürt und beschreibt seinen Weg zu Wagner – auch hier eine Ausnahmeerscheinung – in einem eigenen Beitrag im Booklet.
Mit Ausnahme von Offenbach – der ebenso wie eine französische Lohengrin-Version auf dem Vorgänger-Album „Baritenor“ zu hören war – sind sie alle vertreten, die nun aus Wagners Schatten treten - um den Weg zu weisen zu „Feen“, „Rienzi“, „Lohengrin“.
Als „Baritenor“ hat Spyres damit verblüfft, in Rossinis „Barbier“ als Figaro wie als Almaviva mit sich im Duett zu singen. Über drei Oktaven umfasst seine Stimme, mit einer „geläufigen Gurgel“, bei der so manche Koloratursopranistin wohl vor Neid erblasst. Davon konnte man sich auf dem Album „Contra-Tenor“ überzeugen. Dass, egal ob er deutsch, italienisch oder französisch singt, die Diktion makellos ist, sei am Rande erwähnt. Und dass diesmal Dirigent Christophe Rousset mit seinen Talents Lyriques erfrischend beweist, das Orchester bereits vor Wagner weit mehr als nur Stimmenbegleiter waren, setzt diesem Album gewissermaßen das I-Tüpfelchen auf.