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Südwest

Kälteschauer im Spukhotel

Von Christoph Hämmelmann

Der Putz bröckelt: In der „Waldlust“ logierten einst Filmstars und der Hochadel, seit 2005 steht das frühere Luxushotel im Schwarzwald leer. (Foto: häm)

Verrammelt: Weil ihre Fenster zum Schutz vor Eindringlingen mit Brettern vernagelt wurden, ist es in der „Zwitscherstube“ im Untergeschoss normalerweise stockdunkel. (Foto: häm)

Jäger der verlassenen Orte (von links): Beate Hagendorf, Maximilian Brauer und Jasmine Saling. (Foto: häm)

Mit "Lost Places"-Fotografen auf Tour

Sie spüren auf, was Menschen verlassen und verrammelt haben: Die Ruinen-Erkunder der Gruppe „Verlassene Orte Pfalz“ lieben alte Bunker, stillgelegte Fabriken, geräumte Kasernen. Fotos ihrer Touren zeigen sie hinterher ihren Fans im Internet. Doch wo die Bilder entstanden, halten sie oft geheim. Die RHEINPFALZ war mit ihnen in einem verfallenden Luxus-Hotel.

Freudenstadt/Germersheim. Die berüchtigten Kälteschauer wabern tatsächlich. Und jetzt gleißt urplötzlich auch noch blendendhelles Licht durch den finsterverwinkelten Keller, obwohl dessen Fenster zugebrettert und die Elektroleitungen längst gekappt sind. Nicht mehr geheuer, heißt es, ist es in der „Waldlust“, weil im Jahr 1949 und fünf Etagen weiter oben eine Hoteldirektorin dahingemeuchelt wurde. Die unglückselige Adele B. soll seither Menschen frösteln, Gläser wackeln und Aufzüge losruckeln lassen, sich bisweilen gar höchstselbst, wenn auch weiß verschleiert, zeigen.

"Ah, ihr seid das!" - Man kennt sich in der Ruinen-Szene

Doch es ist ein quicklebendiger Pfälzer im schwarzen Kapuzenpullover, der in der unterirdischen „Zwitscherstube“ so jählings Tageslicht vortäuscht: Wo sich Grandhotelgäste einst in holzvertäfelter Traulichkeit der Trunkenheit hingaben, hat Maximilian Brauer seine Taschenlampe eingeschaltet. 3200 Lumen Helligkeit, 400 Meter Reichweite, Scheinwerferlicht, Rotlicht, diffuses Licht, normalerweise kostet das mehr als 150 Euro. Dem aus Rülzheim (Kreis Germersheim) stammenden 30-Jährigen allerdings hat der Hersteller diese Wunderlampe, auf ein wenig Werbung hoffend, einfach so spendiert.

Selbstbezahlte Ausrüstung im Wert eines Kleinwagens schleppt der Lastwagenfahrer trotzdem herbei. Denn er und eine Handvoll Pfälzer Mitstreiter ziehen alle paar Wochen los, um irgendwo zu erkunden, was, von Menschen erst erbaut und dann verlassen, nun vor sich hin bröckelt: alte Bunker, stillgelegte Fabriken, geräumte Kasernen. Die Fotos ihrer Touren haben sie bekannt gemacht, andere Ruinen-Erkunder erkennen diese Truppe bei zufälligen Begegnungen an düsteren Stätten schon wegen der schwarzen Westen mit dem weißen Aufdruck „Verlassene Orte Pfalz“: „Ah, ihr seid das.“

Der Hotel-Überrest öffnet ein paarmal im Jahr eigens für Ruinen-Fans

Dazu kommen all die Fans, die sich damit begnügen, die schaurige Schönheit des Verfalls im Netz zu bewundern. 11.000 Facebook-Nutzer haben schon auf „Gefällt mir“ geklickt. Doch viel Aufmerksamkeit hat auch einen Nachteil. Andere Ruinen-Fans wagen Touren, die gestrenge Gesetzeshüter als Hausfriedensbruch einstufen würden. Brauers Chef-Organisatorin Jasmine Saling aus Germersheim hingegen beteuert: „Wir machen alles nur legal.“ Also müssen sie Eigentümer finden, um Erlaubnis bitten, Termine absprechen. Oder dorthin fahren, wo man die Ruinen-Fotografen ausdrücklich einlädt.

Die „Waldlust“ im Schwarzwald-Kurort Freudenstadt öffnet ein paarmal pro Jahr und gegen einen erklecklichen „Denkmalerhaltungsbeitrag“. Dann kommen eine Menge Besucher, manche fahren für ein paar kälteschaurige Stunden viele Hundert Kilometer. Immerhin ist das einstige Grandhotel sogar schon als Kulisse in einem Horrorfilm zu Gruselruhm gekommen. Jasmine Saling hat herausverhandelt, dass die nette Dame vom örtlichen Denkmalverein die Pfälzer schon vor allen anderen hereinlässt. Und ihnen, sanft schwäbelnd, ganz exklusiv erzählt, was man über das Haus wissen muss.

Auch der König von Schweden war schon da

So erfahren die Besucher zum Beispiel: dass das Hotel ab 1902 entstand. Dass es so verwinkelt ist, weil es um einen älteren Gebäudekern herumgebaut wurde. Dass es das erste im weiten Umkreis war, das den betuchten Gästen Suiten mit eigenen Badezimmern bot. Dass hier Show- und Filmstars ebenso logierten wie die Königinmutter der Niederlande und der König von Schweden. Dass der Hotelbetrieb im Jahr 2005 eingestellt wurde, sich seither alle Pläne für einen Neuanfang zerschlugen. Und: dass nichts dran sei an der Geistergeschichte von der dahingemeuchelten Hoteldirektorin.

Nein, eine Frau B. ist hier nicht gestorben

Noch nicht einmal das natürliche Ableben einer Adele B. im vierten Stock sei für das Jahr 1949 belegt, vom einem Mord ebenda ganz zu schweigen. Gefahr lauert trotzdem: im benachbarten Gesindehaus zum Beispiel, das schon halb zusammengekracht und deshalb ganz gesperrt ist. Und oben auf dem Dachstuhl, wo ein Aufzugsschacht nur notdürftig abgedeckt ist. Doch erst einmal steigen die Pfälzer hinab in den Moderdunst der „Zwitscherstube“. Und in den Spa-Bereich mit Dampfbad, Saunakabine und Tauchbecken, der erst kurz vor Ende des Beherbergungsbetriebs eingebaut worden sein kann.

Wo der Lack am mondänsten bröselt

Bis heute hält ein tapferer Tesafilmstreifen das Papierblatt an der Wand, das verkündet, in welchen längst verschwundenen Korb die benutzten Handtücher zu legen sind. Überhaupt, Aushänge scheinen sich von allgemeinem Verfall nicht beirren zu lassen: Ein weiterer Zettel mahnt von einer Türe herab zur Ruhe, auf dass die Konzentration der dahinter brütenden Tagungsgäste ungestört bleibe. Die Pfälzer Ruinen-Erkunder stapfen trotzdem rumpelnd und schnaufend eine hölzerne Personalstiege hinauf, bis ins satte Holzaroma des Dachgebälks. Und dann wieder eine Etage hinab in den vierten Stock.

Pfalz-Ticker