Konjunktur Wirtschaft auf Erholungskurs

Deutschlands Exporteure verbuchten zuletzt drei Monate in Folge steigende Ausfuhrzahlen: Blick über den Container Terminal Tolle
Deutschlands Exporteure verbuchten zuletzt drei Monate in Folge steigende Ausfuhrzahlen: Blick über den Container Terminal Tollerort (CTT) der Hamburg Hafen und Logistik AG (HHLA).

Die jüngsten Konjunkturdaten sind ermutigend: Deutschland kommt allmählich aus dem Corona-Tal. Allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis die heimische Wirtschaft wieder auf Vorkrisenniveau ist. Und eine Voraussetzung dafür halten Experten für entscheidend.

Die deutsche Wirtschaft kommt nach Einschätzung des Statistischen Bundesamtes zusehends aus dem Corona-Tief. Nach dem tiefen Einbruch im zweiten Quartal „konnte sich die deutsche Wirtschaft in den Sommermonaten Juli und August wieder etwas erholen“, fassten die Wiesbadener Statistiker am Dienstag jüngste Konjunkturdaten zusammen. „Frühindikatoren deuten eine weitere Erholung an“, sagte Albert Braakmann, Leiter der Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Preise.

Nach Mitteilung des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hellten sich die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten im September überraschend auf. Der vom ZEW erhobene Indikator stieg um 5,9 Punkte auf 77,4 Zähler. „Dies zeigt, dass die Expertinnen und Experten weiterhin von einer spürbaren Erholung der deutschen Wirtschaft ausgehen“, kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach. „Die ins Stocken geratenen Brexit-Verhandlungen und die steigenden Corona-Infektionszahlen konnten die positive Stimmung nicht bremsen.“

„Zweite Corona-Welle vermeiden“

Das Bundesamt beobachtet in vielen Branchen eine V-förmige Entwicklung – also einen deutlichen Anstieg etwa von Produktion und Absatz nach dem herben Absturz vor allem im April. Damit sich der Aufschwung in dieser Form fortsetze, „wäre es wichtig, eine zweite Corona-Welle zu vermeiden“, sagte Bundesamts-Experte Braakmann.

In weiten Teilen der deutschen Wirtschaft sei trotz zuletzt teils kräftiger Zuwächse das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht. „Weiter schwierig ist die Lage in konsumentennahen Dienstleistungsbereichen“, führte Braakmann aus.

So arbeitet sich etwa das besonders hart von den coronabedingten Einschränkungen betroffene Gastgewerbe zwar allmählich aus dem Corona-Loch. Von Juni auf Juli 2020 verbuchte die Branche preisbereinigt 21,9 Prozent Umsatzplus. Es klafft aber immer noch eine Lücke von 26,8 Prozent zu den realen Erlösen des Vorjahresmonats. Und auch gegenüber Februar 2020 – dem Monat, bevor die Pandemie Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland ausbremste – sind die Umsätze noch um 28,7 Prozent niedriger.

Wirtschaft lahmgelegt

Eine vorläufige Einschätzung, wie sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal 2020 entwickelt hat, wollte Braakmann nicht abgeben. Er verwies auf den geplanten Veröffentlichungstermin am 30. Oktober.

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hatten im März und April weite Teile der deutschen Wirtschaft lahmgelegt. Die Folge: Im zweiten Vierteljahr sackte das BIP um 9,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal ab. Dies war der größte Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen in Deutschland 1970.

Um die Folgen der Corona-Krise abzufedern und die Wirtschaft wieder anzukurbeln, schnürte die Bundesregierung ein 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket. Unter anderem wurde die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt: von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise von 7 auf 5 Prozent. Eltern erhalten einmalig 300 Euro pro Kind. Steuersenkung und „Kinderbonus“ sollen den Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur anschieben.

Aufwärtstrend in China

Zuletzt mehrten sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft insgesamt wieder Fahrt aufnimmt. Deutschlands Exporteure beispielsweise verbuchten drei Monate in Folge steigende Ausfuhrzahlen – auch wenn im Juli die Zuwächse nicht mehr ganz so kräftig waren.

Hoffnung auf einen weiteren Aufschwung machen jüngste Daten aus dem wichtigen Absatzmarkt China: In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt setzte sich im August der Aufwärtstrend fort, Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze entwickelten sich besser als erwartet.

Für Deutschland rechnen die meisten Volkswirte damit, dass die hiesige Wirtschaft erst im Jahr 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird. Die Bundesregierung zeigte sich Anfang September etwas zuversichtlicher als zuvor: Statt von minus 6,3 Prozent geht sie nun für das Gesamtjahr 2020 von 5,8 Prozent BIP-Rückgang aus. Allerdings wäre dies noch immer der schwerste Wirtschaftseinbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte.