Lieferengpässe
„Ohne Trucker geht nichts“
Herr Iskan, in Großbritannien stehen Kunden vor leeren Supermarktregalen. Menschen kommen nicht mehr zur Arbeit, weil der Sprit fehlt. Seit Anfang der Woche ist die Armee im Einsatz. Wie konnte es so weit kommen?
Die Versorgungskrise ist vor allem eine Folge des Brexits – und des Dilettantismus seitens der britischen Regierung. Britische und europäische Logistikunternehmen warnen schon lange vor einer Situation, wie sie nun auf der Insel eingetreten ist. Nur wollte niemand zuhören. Die ausländischen Fahrer, die nach dem Austritt aus der EU das Land verlassen mussten, werden auch nicht mehr nach Großbritannien zurückkehren. Man hat sie in dem Brexit-Chaos einfach im Stich gelassen. Als um den Jahreswechsel herum Tausende Lastwagen am Ärmelkanal im Stau standen, gab es nicht genug Essen und Trinken für die Trucker, geschweige denn ausreichend sanitäre Anlagen – viele von ihnen haben das Weihnachtsfest mit ihrer Familie verpasst.
Hierzulande fehlen nach Branchenschätzungen 45.000 bis 60.000 Lkw-Fahrer. Wird es uns bald so gehen wie den Briten?
Der Fahrermangel in Deutschland wird sich in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen: Ich gehe davon aus, dass künftig rund eine Viertel Million Fahrer hierzulande fehlen werden – und das allein im Fernverkehr. Wir beobachten seit Jahren, dass etwa doppelt so viele Fahrer aus dem Beruf ausscheiden wie nachrücken. Dazu muss man wissen, dass viele Fahrer einst von der Bundeswehr kamen, wo sie im Rahmen des Wehrdienstes kostenlos einen Lkw-Führerschein machen konnten. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht ist es damit vorbei. Eine weitere Ursache liegt darin, dass der Lebensstandard in Ländern wie Polen oder Rumänien im Zuge der EU-Osterweiterung deutlich gestiegen ist. Auch für Menschen in osteuropäischen Ländern ist es heutzutage nicht mehr attraktiv, Lastwagen zu fahren.
Stehen wir in Deutschland also auch bald vor leeren Regalen?
Nein, ich sehe das für Deutschland nicht, dass das akut wird. Aber wir müssen in Zukunft noch stärker aufs Ausland setzen, um unser Fahrerproblem zu lösen. Fahrer werden heute schon aus der Ukraine und Weißrussland angeworben.
Warum ist der Beruf des Lkw-Fahrers so unbeliebt?
Zum einen hat die Logistikbranche als Ganzes ein schlechtes Image. Laute und stinkende Lastwagen will niemand haben. Hinzu kommen Zeitdruck, mangelnder Respekt, Einsamkeit und schlechte Bezahlung – auch wenn die Löhne zuletzt gestiegen sind.
Und was lässt sich dagegen tun?
Es muss endlich Schluss sein mit der „Geiz ist geil“-Mentalität vonseiten der Industrie. Mein Eindruck ist, dass vor allem bei deutschen Autoherstellern soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit an der Fabrikgrenze enden. Sogar kurze Transportrouten werden von den großen Konzernen über Online-Portale auktioniert, sprich, der Logistiker mit dem günstigsten Angebot bekommt den Zuschlag. Infolgedessen heizen immer mehr Sprinter über deutsche Autobahnen, die meiner Meinung nach nichts anderes sind als rollende Zeitbomben. Die Fahrer müssen sich nämlich – anders als Trucker – nicht an die gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten halten. Die Industrie sorgt dafür, dass eine ganze Branche kaum mehr auskömmliche Renditen erzielen kann und die Folge sind die prekären sozialen Situationen, die wir beispielsweise auf deutschen Autobahnen vorfinden.
Dazu gehören auch überfüllte Parkplätze an den Autobahnen ...
Richtig. Wir haben in Deutschland, eigentlich überall in Europa, eine prekäre Parkraumsituation. Ich gehe davon aus, dass in der EU heute rund 100.000 Lkw-Parkplätze fehlen. In Deutschland sind es allein 20.000 Stellplätze zu wenig. Und von den vorhandenen Plätzen genügen nur rund ein Drittel den Sicherheitsstandards – weshalb auch immer wieder Frachtgut gestohlen wird.
Internationale Transportverbände und Gewerkschaften haben vergangene Woche vor einem Zusammenbruch der globalen Lieferketten gewarnt. Ist das nicht etwas schwarzgemalt?
Wir leben spätestens seit der Coronakrise in einer Art Aufmerksamkeitsökonomie. Wer am lautesten schreit, bekommt am ehesten staatliche Hilfe. Ich denke nicht, dass wir einen weltweiten Zusammenbruch der Lieferketten erleben werden. Was man aber sagen kann, ist, dass es aufgrund des Halbleitermangels zu Engpässen bei bestimmten Produkten kommen wird. Inzwischen sind in so vielen Produkten Mikrochips verbaut, dass die aktuelle Krise weit über die Autoindustrie hinausgeht. Spielekonsolen und Computer werden beispielsweise vor Weihnachten ebenfalls knapp sein.
Steigende Rohstoffpreise und Lieferengpässe sorgen dafür, dass sich die Verbraucherpreise in Deutschland auf dem höchsten Stand seit 28 Jahren befinden. Blickt man auf den Fahrermangel, sieht es nicht danach aus, als würde sich daran so bald etwas ändern ...
In der Tat ist es eher unwahrscheinlich, dass es sich bei der steigenden Inflation lediglich um ein temporäres Phänomen handelt. Aber um nochmals auf meinen Punkt zu kommen: Den Fachkräftemangel in der Logistikbranche löst man nicht mit einer Imagekampagne und netten Plakaten, sondern man muss an der Wurzel des Problems ansetzen – der schlechten Bezahlung im Vergleich zu anderen Jobs.
Insgesamt haben Schiffer, Trucker und Eisenbahner, Flugzeugkapitäne und Paketboten, Disponenten und Manager Großes geleistet im abgelaufenen Jahr. Führt das nachhaltig zu einem besseren Image der Branche?
Die Logistikbranche ist für die Menschen in Deutschland sichtbarer geworden in der Pandemie. Am Ende waren es deutsche Logistiker, die Urlauber zu Beginn der Coronakrise wieder sicher nach Hause geholt haben. Oder dafür gesorgt haben, dass die Regale in den Supermärkten wieder aufgefüllt wurden. Logistik ist systemrelevant, wie es ja immer so schön heißt. Wie in anderen systemrelevanten Berufen, werden die Menschen aber nicht entsprechend bezahlt. Nach meinem Empfinden ist die Logistik auch nach der Pandemie eine gesellschaftspolitisch geächtete Branche ohne Lobby.
Worin äußert sich das Ihrer Meinung nach konkret?
Viele Kommunalpolitiker wollen beispielsweise nicht, dass sich Logistikfirmen in ihren Gewerbegebieten ansiedeln. Auch in der Metropolregion Rhein-Neckar stehen zu wenig Flächen für die Logistik zur Verfügung. Das ist eine absolute strategische Fehleinschätzung seitens der Kommunen, denn die Logistik wird langfristig der Jobmotor in Deutschland sein – nicht die Industrie.
Sie denken, dass in der Logistik infolge der Digitalisierung weniger Jobs wegfallen werden als in der Industrie?
Logistik ist ein physisches Geschäft und wird es auch künftig bleiben. Anders als in voll automatisierten Produktionen werden wir auch auf lange Sicht immer noch den Faktor Mensch brauchen.
Aber Amazon und andere Unternehmen arbeiten bereits am autonomen Lastwagen. Wird da langfristig nicht die Technik den Fachkräftemangel lösen?
Beim autonomen Fahren liegen noch eine ganze Reihe technischer und juristischer Hürden vor uns. Ich sehe noch keine völlig autonomen Trucks durch Europa rollen. Realistischer ist das assistierte Fahren, da sitzt also immer noch ein Fahrer im Wagen. Ohne Trucker geht nichts.
Wie sieht Ihrer Meinung nach ein intelligentes Logistiksystem der Zukunft aus?
Ein Beispiel: Sie sitzen daheim und schauen Fußball. Ihre Lieblingsmannschaft spielt und Sie hätten gerne das Trikot des aktuellen Torschützen. Sie besuchen einen Store im Internet, wo Ihrem Budget entsprechend Garne und Stoffe angeboten werden. Sie machen mit Ihrer Handykamera ein Selfie, um die Maße für das Trikot zu übermitteln. Zusätzlich können Sie das Shirt ganz nach Ihrem Geschmack individualisieren. Vielleicht wollen Sie es ja lieber mit langen Ärmeln statt mit kurzen. Ihr Auftrag wird dann an die nächstgelegene Fabrik übermittelt, wo Roboter alle 30 Sekunden ein Shirt produzieren können.
Etwa 25 Prozent des weltweit emittierten CO
Ich glaube, es sind vor allem die Kunden der Branche, die anders denken müssen. Der Logistiker ist heute der Allerletzte, der entscheidet, wie ein Warenstrom gelenkt wird. Wie Materialströme zwischen Autofabriken laufen, entscheiden heutzutage die Steuerberater eines Industriekonzerns. Dabei geht es schon lange nicht mehr um das Kürzeste-Wege-Prinzip. Es geht vielmehr darum, wie sich die Tochtergesellschaften eines Konzerns in der Bilanzierung und Rechnungslegung optimal aufstellen können, sprich, um Steuerersparnisse. Und dann kommen die abstrusesten und klimaschädlichsten Lieferketten zustande, die man sich nur vorstellen kann. Es ist eine fiskalpolitische Fehlsteuerung, ausgelöst durch die Politik.