Porträt
Michael Heinz: „So viel BASF wie nirgendwo sonst“
Wenn Michael Heinz dieser Tage wieder einmal in die USA umzieht, wird er etwas vermissen. Er verlegt zum 1. Juni seine Arbeitsstätte in die Amerika-Zentrale des Chemiekonzerns nach Florham Park im US-Bundesstaat New Jersey. Damit endet seine Verantwortung als Arbeitsdirektor des Stammwerks und Standortleiter für Ludwigshafen. Er ist dann als Vorstandsmitglied verantwortlich für das Nord- und Südamerikageschäft der BASF und vier Unternehmensbereiche. Es ist ein Abschied, und es ist ein Wiedersehen.
Der 57-Jährige arbeitet nun seit fast 37 Jahren, sein ganzes Berufsleben, ununterbrochen bei dem Chemiekonzern und hat dort anscheinend eine Bilderbuchkarriere gemacht. Für Heinz ist der anstehende Lebensabschnitt in den Staaten ein Stück weit die Rückkehr in seine „zweite Heimat“, wie er sagt. Schon 1989 ging er für mehrere Jahre in die USA. Es folgten ein Zwischenspiel in Ecuador, dann wieder USA, rund drei Jahre Mexiko und wieder USA. Richtig zurück nach Ludwigshafen kam er erst wieder 2004. Jetzt freut er sich auf die Staaten. „Der Optimismus der Amerikaner, ihre Can-Do-Mentalität, ihr Sportsgeist haben mir immer gefallen“, sagt der BASF-Vorstand und Vater dreier erwachsener Töchter.
Konsequenter Frühaufsteher
Von Anfang seines Berufslebens an habe er ins Ausland gehen wollen, die Welt sehen wollen, erzählt Heinz. „Ich bin immer bereit, die Komfortzone zu verlassen. Dadurch öffnen sich viele Türen überhaupt erst.“
Das sagt der begeisterte Wasserballer und konsequente Frühaufsteher. Wasserball gilt als eine der härtesten Mannschaftssportarten. Und Heinz ist der Meinung, dass er beim Wasserball viele Dinge gelernt hat, die nützlich sind für das Arbeitsleben und die Tätigkeit als BASF-Vorstand: etwa Disziplin, der Wille zum Erfolg oder die Einsicht, „dass man weitergehen kann, auch wenn man glaubt, es geht nicht mehr weiter“. Als Manager des Wasserball-Zweitligisten SC Neustadt will er sich aus den USA weiter engagieren.
Aber auch als Vorstand könne man nicht Supermann sein und müsse für Auszeiten sorgen. Gerade weil es bei seiner Arbeit nicht wirklich einen klaren Feierabend gebe, und Einsatz auch immer wieder an Wochenenden und Feiertagen erforderlich sei. Aber das sei für ihn kein Problem, sagt Heinz, er sei „Aniliner durch und durch“. Gerade beim Sport gelinge es ihm abzuschalten und die Batterien aufzuladen. Aber Heinz ist auch jemand, der von sich sagt, er sei ein eher rastloser Mensch, der aber durch seine Rastlosigkeit zur Ruhe komme.
Kind der Region
Seine Identifikation als Aniliner ist jedenfalls ausgeprägt. Hat er doch alle seine Betriebsausweise bei der BASF seit 1984 in einer Mappe gesammelt und alle unterschiedlichen Visitenkarten seiner Laufbahn – 28 sind es bislang geworden. Und bei einem der Kellereifeste des Konzerns, erzählt er, habe er seine Frau schon mal vorausgeschickt, um ungestört – und zum anschließenden Entsetzen der Gemahlin – die dort angebotenen BASF-Polo-Shirts zu erwerben – und zwar gleich in sämtlichen feilgebotenen Farben.
Auch wenn er die USA seine zweite Heimat nennt, sieht er sich doch als „Kind der Region“. Geboren 1964 in Mannheim, besuchte er ab der fünften Klasse bis zum Abitur das Carl-Bosch-Gymnasium in Ludwigshafen. Nicht nur der Anilin, auch Ludwigshafen und der Metropolregion Rhein-Neckar sei er aufs engste verbunden, sagt der BASF-Vorstand.
„Kraftvoller Verbundstandort“
Heinz ist seit 2011 Mitglied des Vorstandes der BASF und seit 2017 Standortleiter für Ludwigshafen und Arbeitsdirektor für das Stammwerk. In dieser Zeit sei es gelungen, die Wettbewerbsfähigkeit des Stammwerkes zu erhalten und es seit März 2020 gut durch die Pandemie zu führen. Heinz hat auch die aktuelle Standortvereinbarung für das Stammwerk vom Mai 2020 mit unter Dach und Fach gebracht, die unter anderem betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025 ausschließt.
„Der Standort wird sich weiterentwickeln müssen“, sagt er, sein Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft. Zwei der größten Herausforderungen dabei seien, den Standort klimaneutral zu gestalten und ihn wettbewerbsfähig zu halten. „Ludwigshafen wird auch in den kommenden Jahren ein großer und kraftvoller Verbundstandort sein.“
„Leuchtturm“ Ludwigshafen
Was aber wird aus dem Standort angesichts des wachsenden Geschäfts der BASF in Asien, vor allem in China, wo die Forschungsaktivitäten ausgebaut werden, wo kräftig investiert wird? Der Chemiekonzern baut gerade einen neuen Verbundstandort in Zhanjiang in der südchinesischen Provinz Guangdong für mehr als 10 Milliarden Dollar (rund 8,2 Mrd Euro), die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Chemiekonzerns.
Heinz räumt ein, relativ werde die Bedeutung des Standortes Ludwigshafen abnehmen. Aber das sollte auch nicht erstaunen, fügt er hinzu. Der Anteil Europas an der Weltbevölkerung werde 2050 nur weniger als 5 Prozent betragen. Die BASF müsse weiter wachsen, um zu bestehen. Und sie müsse dort präsent sein, wo die Kunden seien. An China gehe da kein Weg vorbei, das Land stehe schon heute für 40 Prozent des Chemieweltmarktes.
In Ludwigshafen müsse deshalb aber keiner Angst haben, der Standort werde „ein Leuchtturm“ bleiben und „ein Vorbild innerhalb des Konzerns, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht“. Und das Stammwerk werde weiter das Forschungs- und Entwicklungszentrum der Gruppe sein.
„Anilin-Spirit“
Zur Mitarbeiterentwicklung am Standort sagte er, auch Ende 2021 werde der Personalstand unter dem des Vorjahres liegen. Es gebe aber keine Zielzahl bei der Belegschaft in Ludwigshafen. Die BASF strebe die Anzahl der Mitarbeiter an, die notwendig sei, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die schwanke immer auch einmal. Die BASF stehe auch vor der Herausforderung, den demografischen Wandel zu meistern. Das Stammwerk werde einen Aderlass bewältigen müssen: In den kommenden zehn Jahren werden jährlich bis zu 1000 Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Der Fachkräftebedarf wird daher hoch sein.
Wenn Heinz nun also in die USA geht, wird ihm auch etwas fehlen. Man könnte es als die hohe Dosis Anilin umschreiben, die ihm das Stammwerk bietet. Er drückt es anders aus: „So viel BASF wie in Ludwigshafen gibt es nirgendwo sonst“, an keinem anderen Standort des Konzerns in der Welt. Er werde die Begegnungen mit den Kollegen aller Couleur vermissen, den „Anilin-Spirit“ in Ludwigshafen.
Ab 1. Juni übernimmt Melanie Maas-Brunner (52) die Aufgabe der Standortleiterin in Ludwigshafen und der Arbeitsdirektorin. Sie ist seit 1. Februar im BASF-Vorstand.