Ludwigshafen
„Leitungen sind für Generationen gebaut“
Herr Ebling, wie stellt sich den Helfern die Situation vor Ort dar?
Sie ist von Ort zu Ort verschieden: Je nach örtlichen Gegebenheiten wie Geografie, Flussverlauf und Hydrologie oder Siedlungsstruktur verursachte das Hochwasser der Ahr unterschiedliche Schäden an den Infrastrukturen. So kommt es, dass neben Straßen und Brücken auch die Infrastrukturen der Ver- und Entsorgung von Ort zu Ort unterschiedlich stark beschädigt oder zerstört worden sind. Auch der Grad der Beschädigung und die Zerstörung an den Abwasserkanälen und Kläranlagen, den Trinkwasserleitungen oder den Strom- und Gasnetzen unterscheiden sich je nach den Auswirkungen der Flut. Entsprechend unterschiedlich sind Dauer, Aufwand und Kosten für die Reparatur oder den Wiederaufbau.
Was ist am dringlichsten?
Nach solch einer Katastrophe ist die oberste Priorität: Der Müll muss weg. Und das schnell, um Hygieneprobleme zu vermeiden und Verkehrshindernisse aus dem Weg zu räumen. Hierzu waren – insbesondere zu Beginn zahlreiche – und sind auch heute noch kommunale Abfallwirtschaftsbetriebe aus ganz Deutschland im Einsatz. Aktuell liegt der Schwerpunkt darauf, die Abwasserentsorgung wieder zum Laufen zu bekommen. Das ist aus Gründen des Gesundheitsschutzes und der Seuchenvorbeugung vorrangiges Ziel.
Was ist da konkret zu leisten?
Die Teams der Wasserversorger und Abwasserentsorger im Krisengebiet prüfen, reparieren und erneuern dazu die Wassernetze und Abwasserkanäle. Notleitungen dienen dem Übergang. Denn bei Infrastrukturen für die sichere Ver- und Entsorgung zählt jeder Meter Leitungen. Sind Kanalschächte auffindbar, entfernen die Kräfte der kommunalen Unternehmen das Treibgut, teils mit dem Saugbagger. Dann durchspülen sie Netze und Kanäle und saugen Schlamm und Geröll ab. Dabei prüfen sie jeden Meter der Kanalisation und der Wassernetze auf Schäden – oft mit Spiegeln auf eventuelle (Baum-)Wurzeln, Zerstörung und Rückstau. Viele Problemstellen sind aktuell noch nicht zur Prüfung mit Kameras „befahrbar“, das kommt aber noch.
Was entgegnen Sie denen, denen das alles zu lang dauert?
Ich verstehe, wenn die Menschen wütend und traurig und – das ist meine größte Sorge – ja, auch verzweifelt sind. Sie haben Familienmitglieder und Freunde verloren, ihr Zuhause wurde zerstört. Sie haben unermessliches Leid erfahren. Oben drauf kommt, dass ganz alltägliche Dinge nicht so laufen, wie man es gewohnt ist.
Strom aus der heimischen Steckdose, Wasser aus dem Hahn in Küche und Bad: Daseinsvorsorge ist für uns alle selbstverständlich – und darüber vergessen wir manchmal, wie grundlegend sie für unser Leben sind und dass sie Infrastrukturen benötigen. Und ja: Eine Notversorgung ist eben nicht das Gleiche. Das Alltägliche und Selbstverständliche, das in so einer Extremsituation vielleicht ein wenig Halt geben könnte, fehlt und kommt auf all das Leid noch oben drauf.
Der Wiederaufbau der Infrastrukturen wird Jahre brauchen. Vor allem müssen wir auch aus der Katastrophe lernen, können nicht überall einfach 1:1 vorgehen. Es ist eben nicht so, dass sich Kanäle oder Netze so schnell verlegen lassen. Heute online bestellt, morgen da und einsatzbereit funktioniert hier leider nicht.
Trotzdem ist Eile geboten ...
Mancherorts hat die Flut Kanäle und Leitungen komplett abgerissen, Kläranlagen wurden in Teilen oder komplett zerstört. Auch Hauptsammler – der Kanal mit dem größten Durchmesser, der die Abwässer aus den Nebenkanälen aufnimmt und sie in die Kläranlage leitet – müssen gereinigt werden. Kanäle und Leitungen sind wie alle Infrastrukturen der Daseinsvorsorge sehr langlebig, für Generationen gebaut und lassen sich leider nicht im Handumdrehen reparieren oder neu verlegen.
Zumal wir uns auch fragen müssen, wie wir wiederaufbauen. Das braucht Zeit, da möchte ich um Verständnis bitten und zugleich Mut machen: Der Weg zum Wiederaufbau mag dauern, aber die Menschen im Ahrtal sind auf diesem Weg nicht allein. Neben Bund, Land und Kommunen sind Menschen aus ganz Deutschland im Einsatz, um diesen Weg mit ihnen zu gehen und sie dabei zu unterstützen.
Wie kommen die Teams voran?
Herausfordernd ist vielerorts aktuell der sogenannte Nachfluss: Das bedeutet, dass immer wieder Sand, Schutt, Geröll und Schlamm nachfließen und so die Leitungen erneut verstopfen können. Entsprechend müssen die Einsatzkräfte teils an bereits gereinigten Stellen erneut ran, um die Leitungen frei zu bekommen. Geplant ist, deswegen mit zusätzlich Kehrmaschinen aus anderen Städten und Landkreisen nun sukzessive noch mehr Kehrmaschinen der kommunalen Abfallentsorger einzusetzen, um gerade das Nachfließen von Schlamm und Sand zu verhindern.
Verunreinigtes Abwasser ist ja ein großes Problem. Was ist damit?
Neben den Notleitungen werden mobile Kläranlagen und Pumpen bei beschädigten Dükern – also Unterquerungen von Straßen, Tunneln, Gleisen et cetera – eingerichtet. Ziel der mobilen Systeme ist, das Abwasser zumindest grob zu reinigen und am nächstgelegenen Punkt zu entsorgen. Besonders belastetes Abwasser, in dem beispielsweise viel Heizöl ist, wird in einer eigens eingerichteten Filteranlage gereinigt.
Was machen die Teams in Wohngebäuden, die unter Wasser stehen?
Die kommunalen Abwasserentsorger pumpen auch Keller leer, damit danach die Hausanschlüsse für Strom in Betrieb genommen oder erneuert werden können. Durch die Unterstützung mit Spülfahrzeugen und Einsatzkräften aus der ganzen Bundesrepublik geht es deutlich voran – erledigt ist die Aufgabe jedoch noch nicht. Ein Einsatzteam schafft so ohne Fahrtzeit etwa zwei bis drei Keller pro Tag. Für die Stromversorgung wiederum wurden vielerorts Notleitungen für den Übergang errichtet, Reparaturen laufen.
Gibt es denn überall im Ahrtal inzwischen wieder Strom?
Auch bei den Auswirkungen der Flut auf die Stromversorgung ist die Situation von Ort zu Ort verschieden. Denn Strom wird vor Ort über die Verteilnetze von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchern transportiert. Verteilnetze bestehen aus unterschiedlichen Abschnitten: Das Mittelspannungsnetz transportiert Strom über eine längere Strecke. Das Niedrigspannungsnetz bringt den Strom zu den Anschlüssen der Haushalte. Entscheidend ist, dass alle Abschnitte des Verteilnetzes intakt sind. Wird also das erste Haus in einem Netzstrang der Niedrigspannungsebene oder ein Kabel im Mittelspannungsnetz beschädigt, kann der Strom nicht mehr zu den daran angeschlossenen Haushalten transportiert werden. Deswegen konnte und kann es vorkommen, dass auch Gebiete, die nicht selbst beschädigt wurden, ohne Strom waren oder sind, weil ihr Netzstrang beschädigt wurde.
Strom und Wasser – das ist eine gefährliche Kombination, oder?
Seit der Flut werden laut unseren Informationen die Stromverteilnetze in den betroffenen Gebieten mit ihren Anlagen und Abschnitten auf Schäden geprüft und repariert – Meter für Meter. Dazu gehören auch die Hausanschlusskästen und die Stromkreise in den Wohngebäuden, die überprüft, bei Bedarf repariert und erst dann dem Netz zugeschaltet werden. Aktuell sind auch Mitarbeiter von Stadtwerken vor Ort, um bei der Inbetriebnahme der Hausanschlüsse zu unterstützen.