Neugründung
In der Krise: Wie läuft es bei Start-ups in der Westpfalz?
Eine gute Idee allein reicht selten aus, um als junger Unternehmensgründer Fuß zu fassen. Eine Portion Mut gehört ebenfalls dazu – insbesondere in der aktuell krisengebeutelten Zeit. Nicht selten reagieren Menschen dann zögerlich, wenn es um einen Richtungswechsel in der eigenen Karriere geht. „Bei uns macht sich gerade etwas Zurückhaltung bemerkbar“, erzählt Bernhard Lorig vom Gründungsbüro der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und der Hochschule Kaiserslautern. Denn Themen wie der Ukraine-Krieg und die Inflation verunsichern Neugründer. „Die Entscheidung, ob jemand gründet, ist nämlich immer eine hochemotionale“, versichert Lorig.
Während der Hochzeit der Pandemie sei allerdings die große Flaute beim Gründungsinteresse ausgeblieben, berichtet er. Einen Grund dafür sieht der Betriebswirt neben einem ressourcenreichen Förderprojekt des Gründungsbüros auch darin, dass den Menschen mehr Zeit zur Verfügung gestanden habe, um sich mit einer Start-up-Gründung zu beschäftigen. Das Angebot des Gründungsbüros, das seit 2009 besteht und vom Land Rheinland-Pfalz gefördert wird, richtet sich ausschließlich an Studierende, Absolventen sowie Angestellte der RPTU und der Hochschule Kaiserslautern.
Hiobsbotschaften verunsichern
Jetzt finden viele Veranstaltungen wieder in Präsenz statt, der Alltag ist zurückgekehrt.“ Viele müssten sich erst daran gewöhnen, schildert Lorig. Folgten dann weitere Hiobsbotschaften wie der Ukraine-Krieg sowie die Inflation, würden Menschen die aktuelle Lage als „extrem unsicher“ wahrnehmen und ihren Gründungsgedanken erst einmal beiseite schieben. Dass sich Interessierte aufgrund der Umstände aber dauerhaft von ihrem Vorhaben abbringen lassen, komme selten vor.
Das Coaching des Gründungsbüros biete den Ratsuchenden die Chance, in einem geschützten System erste Ideen zu besprechen, neue Sichtweisen auf ihr Projekt zu entwickeln, vom Austausch und der Expertise verschiedener Fachbereiche der Hochschulen zu profitieren und Veranstaltungen rund ums Thema Start-up zu besuchen. „Es ist also eigentlich keine Beratung, weil wir den Leuten nicht sagen, welche Anträge sie stellen müssen“, betont Lorig. Stattdessen wolle das Gründungsbüro Kompetenzen zur Ideenentwicklung vermitteln, „im Idealfall gründet im Anschluss jemand, dazu verpflichtet ist man aber bei uns nicht“.
Lösungs- statt problemorientiert
Entscheide sich anschließend jemand für den Weg in die Selbstständigkeit, vermittele das Gründungsbüro im nächsten Schritt an Kontakte und Beratungsstellen außerhalb des Campus wie das Business and Innovation Center (Bic), Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer.
Angesichts der Krisenzeiten zeigt sich der Geschäftsführer des Bic, Stefan Weiler, entspannt. Er weiß, Gründer lassen sich trotz widriger Umstände nicht so schnell abschrecken: „Sie sind ohnehin eher lösungs- als problemorientiert, weil sie mit ihrer Innovation einen Missstand verbessern wollen.“
Keine Frage des Ob, sondern des Wie
Auch die Gründer von Full Flamingo ließen sich von der Idee nicht abbringen, selbstständig zu sein. Derzeit arbeitet das Start-up an einem integrierbaren Dienst für Online-Shops, der Kunden beim Einkauf den ökologischen Fußabdruck der bestellten Ware und gleichzeitig den dafür nötigen finanziellen Ausgleich anzeigt.
„Bis wir soweit mit unserer Gründung waren, war die Pandemie schon in vollem Gange“, erzählt Mitbegründer Matthias Naab. Zweifel seien in dieser Zeit aber nicht aufgekommen. „Es war nie eine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wie.“
Investoren sind zögerlich
„Es stimmt schon: Bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist eine Neugründung für viele nicht unbedingt lukrativ“, erzählt Patrick Kölsch vom Start-up Greenable, „Einerseits ist die Investoren-Dichte in Rheinland-Pfalz nicht so hoch und andererseits investieren sie derzeit etwas zurückhaltender.“Anstelle einer großen Summe stellten die Geldgeber lieber kleinere zur Verfügung, um das Risiko für sich selbst zu streuen. Das habe für die Start-ups zur Folge, dass sie wesentlich mehr Sponsoren finden müssten. Auch Greenable, die an einer Software arbeiten, die kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre CO 2 -Emissionen bei der Produktion berechnet, sind derzeit auf der Suche nach Investoren.
Unterstützung bei Miete und Sponsoren
Im Bic sehen sie sich trotz schwieriger Zeiten gut unterstützt. Aktuell sind 23 junge Unternehmen im Zentrum untergebracht, welches sich aus Förderungen des Landes und der Stadt Kaiserslautern finanziert. Die meisten der Start-ups sind Gewinner des Gründerwettbewerbs für Rheinland-Pfalz und das Saarland „1,2,3 Go“. „Es darf sich aber jeder bei uns vorstellen“, versichert Weiler. Nur Ideen müssten die Gründer mitbringen. Als Unterstützung bietet das Gründerzentrum in der Trippstadter Straße Erstberatung sowie Coworking-Plätze und erste eigene Büroräume. „Gerade zu Beginn sparen Gründer an allem, was geht – vor allem aber an sich selbst. Wir sorgen dafür, dass sie vernünftig sitzen“, sagt Weiler.
Darüber hinaus biete das Bic ein modernes Konferenzzentrum, welches angemietet werden kann, berichtet Weiler weiter. Zudem finden in den Konferenzräumen Workshops und Seminare statt. „Mit dem Support Camp machen wir Start-ups ein Angebot: Space for free – ein kostenfreies Büro“, erklärt der Geschäftsführer des Bic. Ermöglicht werde dieses Angebot durch die finanzielle Förderung von Unterstützern aus Rheinland-Pfalz. Zusätzlich profitierten die Gründer vom Bic-Netzwerk, das aus ehrenamtlichen Coaches, Unterstützern, Alumni, dem Bic-Team und zahlreichen persönlichen Kontakten bestehe.
Westpfalz als verkannter Standort
Lukas Kalnik und sein Kollege Jan Schellhaaß vom Start-up Inventied, das ein System für den Transport von Einsatzmaterial im Katastrophen- und Zivilschutz entwickelt, sehen im Standort Kaiserslautern gegenüber Metropolen wie München oder Berlin einen großen Vorteil: „In Ballungszentrum ist die Konkurrenz zwischen den Neugründungen um ihre Sichtbarkeit sehr groß, einfach weil es viele gibt.“ Damit ergäben sich automatisch weitere Probleme wie hohe Mieten für Büroräume, die in Kaiserslautern keine Rolle spielten, ergänzt Kollege Naab von Full Flamingo.
Ähnlich sehen es Bic-Geschäftsführer Weiler und Lorig vom Gründungsbüro: „Start-up-Förderung ist Regionalförderung.“ So profitiere der Standort Westpfalz in vielerlei Hinsicht von Neugründungen, verdeutlicht Lorig. „Durch spannende, vielfältige Unternehmen gewinnt auch der Mittelstand für Fachkräfte, die neu in die Region kommen, wieder an Sichtbarkeit. Und: Start-ups und traditionelle Firmen können bei Themen wie New Work und wie man Wirtschaft macht, voneinander lernen.“ Lorig ist zudem von der Zusammenarbeit der verschiedenen Informationszentren in Kaiserslautern überzeugt: „Niemand kann alles wissen, das Netzwerk in Kaiserslautern ist daher ein gut funktionierendes Ökosystem.“