Turnen
Zweimal Einzelgold bei der rauschenden EM-Party
Kunstturnkarrieren können ganz unterschiedlich verlaufen. Elisabeth Seitz steht seit 13 Jahren in der Nationalmannschaft. Die mittlerweile in Stuttgart beheimatete Heidelbergerin, die schon früh als fleißige Arbeiterin und Wettkampftyp galt, hat geschuftet und geackert, um einmal auf der internationalen Bühne ganz oben zu stehen. Jetzt war es endlich so weit. Mit spektakulären Flügen und Schwüngen zwischen den beiden Holmen, die ihr so viel im Leben bedeuten, sicherte sich die Weltmeisterschaftsdritte von 2018 an ihrem Spezialgerät Stufenbarren die kontinentale Krone.
Es schien der Gipfel einer rauschenden Party zu sein, die die heimischen Bewegungskünstlerinnen seit Donnerstag mit dem Publikum in der Olympiahalle feierten und die bei den Protagonistinnen immer wieder zu Tränen führte. „Unglaublich“, „unfassbar“, „überwältigend“ – so kommentierten die Sportlerinnen selbst ein ums andere Mal das Spektakel.
Ein Team steht zusammen und schreibt Geschichte
50 Jahre nach Olympia an gleicher Stelle schrieb die Riege des Deutschen Turner-Bundes Geschichte. Im Teamfinale am Samstag traten die Solistinnen als geschlossene Gemeinschaft auf und holten Bronze. Sie blieben standhaft, auch als Sarah Voss am Boden stürzte, und die Kölnerin selbst war es, die kurz darauf am Sprung trotz einer Wadenverletzung mit einem doppelt geschraubten Jurtschenko das notwendige Risiko wagte, das den Podestplatz sicherstellte.
„Natürlich geht man allein auf das Podium“, sagte Seitz. „Aber es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, dass das ganze Team hinter einem steht und einen pusht.“ So sei es auch bei ihrem Gerätefinale gewesen, das schon allein deshalb besonders war, weil auch die am Ende fünftplatzierte Kim Bui darin mitmischen durfte. Die 33-Jährige, die täglich mit ihrer MTV-Clubkollegin übt und zahlreiche Großereignisse mit ihr zusammen absolviert hat, hatte eine Woche vor Beginn der European Championships angekündigt, dass sie bei diesen ihren allerletzten Turnwettkampf absolvieren würde. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie machen soll“, kommentierte Seitz den Abgang der treuen Gefährtin und musste ihre Rede dann kurz unterbrechen.
Malewskis Coup
Die Erfolgsstory sollte mit ihrem eigenen Triumph noch nicht zu Ende sein. Ihr Interview in der Mixed Zone mit den Journalisten unterbrach die routinierte Athletin kurz, um sich auf einem Fernsehschirm die Schwebebalken-Kür des Nesthäkchens der deutschen Truppe, der 18-jährigen Emma Malewski, anzusehen und Respekt zu zollen. Die Chemnitzerin meisterte den Balanceakt auf dem zehn Zentimeter schmalen Grat bis auf eine kleine Unsicherheit beim Abgang souverän – und sollte, wie eine halbe Stunde zuvor die Ältere, später ebenfalls mit einer Deutschland-Fahne um die Schultern als neue Titelträgerin durch die Halle tanzen.
Kein Gedanke an Abschied
Für Malewski waren es gerade mal die zweiten Europameisterschaften ihrer noch jungen Karriere, und sie landete gleich auf der höchsten Stufe. Dort stand Pauline Schäfer schon einmal bei einer WM. Doch die Chemnitzerin hatte diesmal Pech und musste ihre Anfangsreihe unterbrechen. Das ließ die Mitfavoritin, die weiter auf EM-Edelmetall warten muss, auf den zweiten Platz abrutschen.
Feiern war aufgrund des Gesamtergebnisses aber am Abend für alle angesagt. „Ein Traum ist wahr geworden“, sagte Seitz. Anders als für Bui soll es für sie aber noch längst nicht vorbei sein mit der Turnerei. „Erst mal läuft es so weiter, wie es ist“, sagte sie. „Mit so einer Plakette um den Hals kommt kein Gedanke daran auf, etwas zu beenden.“