Kommentar
Warum DFB-Sportchef Bierhoff seinen Abgang schlau gewählt hat
Montagabend, um 22.21 Uhr, versendete der Deutsche Fußball-Bund eine Mitteilung, die nach den Entwicklungen der vergangenen Tage nicht überraschte, die aber doch verriet, wie gehetzt sich der Verband fühlen muss. Zu einer sehr unüblichen Zeit gab der DFB die Trennung von Oliver Bierhoff bekannt. Der Sportdirektor löste seinen ursprünglich bis 2024 terminierten Vertrag auf, eine Nachfolge ist vorerst offen.
Oliver Bierhoff ist kein Mann des Volkes, weshalb er an den Stammtischen der Republik in den kommenden Tagen nicht viele Fürsprecher haben dürfte. Der Mann, der mit seinen Treffern im Finale 1996 den EM-Titel sicherte, wirkt durch seine geschliffene Sprache und sein makelloses Aussehen abgehoben, unabhängig davon, was er inhaltlich von sich gibt. Das macht ihn angreifbar, natürlich vor allem beim Volkssport Nummer eins.
Es war klar, dass es um Bierhoffs Kopf gehen würde
Mit seinem Rückzug am späten Montagabend ist ihm aber gelungen, was vermutlich nach Mittwoch nicht mehr möglich gewesen wäre: Oliver Bierhoff bestimmte seinen Abschied weitgehend selbst. Am Mittwoch war ein erstes Krisentreffen nach dem WM-Debakel von Katar angesetzt, das im Ausscheiden nach der Vorrunde gipfelte. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sowie DFB-Vize und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke wollten ersten Antworten von Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick auf die Frage nach dem Warum für die Enttäuschungen im Wüsten-Emirat. Das Treffen wird es immer noch geben, aber die Besetzung ist nun eine andere.
Bierhoff ahnte, vielleicht wusste er sogar, dass es um seinen Kopf gehen würde. Nach dem schnellen Ausscheiden bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sowie der EM 2021 bedarf es einer tiefgehenden Analyse, aber – und das ist allen Beteiligten bewusst – der Öffentlichkeit reicht das nicht. Dem Volk muss ein Schuldiger präsentiert werden, der die Verantwortung übernimmt und damit gleichzeitig alle anderen ein Stück weit schützt.
Bierhoff verantwortet den Aufschwung der Männer-Nationalmannschaft von 2004 an. Er sorgte zunächst im Verbund mit dem damaligen Nationaltrainer Jürgen Klinsmann dafür, dass innerhalb des Verbandes neu gedacht wurde, alte Zöpfe abgeschnitten wurden. Unter dem Bundestrainer Joachim Löw erreichte die Nationalmannschaft in der Verantwortung von Bierhoff fünf Mal hintereinander zumindest das Halbfinale eines großen Turniers, der Gewinn des WM-Titels 2014 in Brasilien stellt den Höhepunkt der Ära dar.
Gleichzeitig steht Bierhoff allerdings auch für den Niedergang der Männer-Mannschaft in der Zeit danach. Neben der in der Öffentlichkeit mehrheitlich abgelehnten Kampagne unter dem Namen „Die Mannschaft“ sorgte der DFB durch Bierhoff sowohl im Umfeld der WM 2018 mit der Affäre „Gündogan-Özil-Erdogan“ wie auch gerade bei der Weltmeisterschaft in Katar mit der Debatte um die „One-Love-Binde“ für eine schlechte Außendarstellung. Hinzu kamen die sportlichen Misserfolge.
Oliver Bierhoff war ein Gesicht der Erfolge, anschließend aber auch das Gesicht der Misserfolge – vor allem deshalb, weil der ehemalige Nationalspieler immer mehr Einfluss innerhalb des Verbandes bekam. Er hat viele Dinge gut gemacht seit seinem Einstieg beim DFB 2004, er hat aber auch viele Dinge falsch gemacht. Bierhoff weiß das.
Jetzt hat Oliver Bierhoff die Macht abgegeben, weil er ahnte, oder vielleicht sogar wusste, dass er sie nicht würde behalten können. Eine Ära mit Höhen und Tiefen beim Deutschen Fußball-Bund ist damit beendet, die Probleme sind aber noch nicht gelöst.