Fussball
VfL Bochum: Die Unabsteigbaren kämpfen um ihr Gütesiegel
2010 war das Etikett „Die Unabsteigbaren“ auf einmal nur noch Makulatur. Relikt aus großen Bochumer Tagen, als Klaus Toppmöller, bis heute Kult an der Castroper Straße, den VfL als Trainer in den damaligen Uefa-Cup führte. Die Verweildauer in Liga zwei – elf Jahre. Nach dem knapp verpassten Wiederaufstieg 2011 mit Friedhelm Funkel auf der Bank, standen die einstmals „Unabsteigbaren“ mehrfach mit einem Bein in Liga drei.
Als nach dem Fehlstart in die Spielzeit 2019/20 wieder Klassenkampf angesagt war, zog der einstige Abräumer Sebastian Schindzielorz, seit 2018 Geschäftsführer Sport, die Reißleine. Robin Dutt musste seinen Trainerstuhl für Thomas Reis räumen. Ein Glücksgriff. Reis, jetzt 48, acht Jahre Profi beim VfL, führte die Mannschaft auf Platz acht und im zweiten Jahr zurück in die Bundesliga.
Rausch statt Lehrgeld
Sie zahlte Lehrgeld, so auch beim 0:7 in der Hinrunde bei den Münchner Bayern. Aber die Bochumer lernten schnell, setzten mit Toren aus 63 Metern und aus 45 Metern – Absender Milos Pantovic – und dem Tor des Jahres 2021, Schütze Gerrit Holtmann, Glanzlichter. Am Samstag nun schoss der VfL in einem wahren Rausch den 4:2 (4:1)-Sieg gegen die Über-Bayern heraus. Mit seinem 4:1 in den rechten Torwinkel ist Holtmann zumindest Anwärter auf das Tor des Monats, das ihm Kollege Cristian Gamboa mit einem Volltreffer in den linken Winkel zum 3:1 allerdings streitig machen könnte.
Vor und nach den VfL-Spielen läuft seit Jahrzehnten Herbert Grönemeyers legendärer Song „Bochum“ im Stadion an der Castroper Straße. Als es selbst in Liga zwei meist nur noch gegen den Abstieg ging, wirkte die Textzeile „Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass – Du und dein VfL“ ziemlich deplatziert. Am Samstag stand der VfL wohl unter Strom, der Strom im Stadion fiel zunächst aber aus, so erklang Grönemeyer erst zur Pause und nach dem größten Bochumer Coup seit mehr als einem Jahrzehnt. Der VfL zauberte, so wie das „Heerbert“, wie der Bochumer sagt, in seinem Hit singt.
Totale Identifikation
Dass der VfL Bochum im Sommer 2021 wieder aufgestiegen ist, dass er 2020 nicht in der Dritten Liga versunken ist, verdankt er Thomas Reis. Der Coach, eine ähnliche Gewichtsklasse wie Kölns Steffen Baumgart, steht für die totale Identifikation mit dem Verein und der Stadt, die Heimat für ihn geworden ist. „Set your goals high and do not stop until you get there“ – den Satz hat sich der VfL-Erfolgstrainer auf den rechten Oberarm tätowieren lassen. Zu Deutsch: Setze dir hohe Ziele und gib nicht auf, bevor du sie erreichst. So lebt der Fußball-Lehrer Reis seinen Trainer-Job, so führt er seinen VfL in seinem Bochum.
Mit dem „Chef“, Ex-Kollege Schindzielorz, hat Reis mit überschaubaren Mitteln bei einem 24-Millionen-Etat eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammen gepuzzelt. Nach dem Kreuzbandriss von Simon Zoller war im wuchtigen Sebastian Polter schon eine Alternative da. Mit Jürgen Locadia, Leihgabe von Brighton & Hove Albion, landete der VfL einen Coup im Winter-Schlussverkauf.
Feiertag schon wieder Geschichte
Unter Reis kamen schon abgeschriebene Profis wie Holtmann, Pantovic und Christopher Antwi-Adjei noch einmal groß raus. Anthony Losilla, bald 36, erlebt als Vorarbeiter auf die alten Tage erstmals Bundesliga.
Der Feiertag gegen die Bayern ist Geschichte. „Es ist noch Abstiegskampf“, mahnt Reis, der Trainer-Realo mit Herz. Am Samstag gastieren die Bochumer beim Tabellenvorletzten VfB Stuttgart, der zehn Punkte weniger hat. Da gilt’s für den VfL da zu sein, wach zu sein, um nicht doch wieder „absteigbar“ zu werden.