Fussball-WM
Streitthema: Soll die WM in Katar von Fans boykottiert werden?
PRO
Von Julian Laber
Ich werde die WM in Katar nicht schauen, da ich mit diesem Turnier von vorne bis hinten nicht einverstanden bin. Eins vorneweg: Der Bösewicht in dieser ganzen Sache ist für mich der Fußballweltverband Fifa, nicht das Gastgeberland Katar. Die Lage im Emirat wurde durch die Vergabe nicht besser oder schlechter. Die Probleme bei den Frauen-Rechten oder Mitgliedern der LGBTQ-Gemeinde gab es schon vorher. Das Zwangsarbeiter-, das Kafala-System, dem mutmaßlich tausende Arbeiter zum Opfer gefallen sind, wurde offiziell im Laufe der WM-Bauarbeiten abgeschafft. In der Realität ackern die Arbeiter auf diesen Baustellen oder bei der Erdgasförderung weiter unter schwierigen Bedingungen.
Bei der Vergabe in das Emirat Katar haben wohl finanzielle Zuwendungen eine wichtige Rolle gespielt. So unter anderem auch bei dem Turnier, das später das Sommermärchen 2006 in Deutschland werden sollte. Und ja, Katar ist kein demokratischer Staat. Dass eine Fußball-WM immer wieder in Unrechtsstaaten steigt, hat aber fast schon Tradition, siehe Italien 1934 (Faschismus unter Benito Mussolini) oder Argentinien 1978 (Militärdiktatur). Bisher haben Fußball-Fans das in Kauf genommen. Auch ich habe die WM 2018 in Wladimir Putins Quasi-Diktatur in Russland verfolgt. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass es auch in Deutschland immer noch Menschen gibt, die andere wegen ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung diskriminieren.
Um am Persischen Golf Fußball zu spielen, werden die Spielfelder in mindestens sieben der acht Arenen heruntergekühlt. In Zeiten des Klimawandels und der Energiekrise erscheint das beinahe lächerlich. Auch im Winter herrschen in Katar Temperaturen um die 30 Grad Celcius oder darüber. Erfahrungen mit Sportlern, die bei hohen Temperaturen an ihre Leistungsgrenze kommen, hat Katar bereits gemacht. Bei der Leichtathletik-WM 2019 – zugegebenermaßen im Sommer – sind viele Sportler ob der hohen Temperaturen kollabiert.
Bei der WM in Katar kommt Einiges zusammen. Mit meiner Entscheidung für einen Boykott werde ich nichts bewegen. Aber ich kann behaupten, dass ich die Arbeit der Fifa nicht mit einem eingeschalteten Fernseher belohne. Am Ende erfülle ich ein egoistisches Bedürfnis: Ich werde mich nicht über ein Tor freuen und dabei ein schlechtes Gewissen haben. Langweilig wird mir als Basketball- und Football-Fan in dieser zu lang geratenen Länderspielpause nicht.
CONTRA
Von Rolf Gauweiler
Keine Frage: Dieses Turnier ist eine WM der Schande. Vergeben von einer korrupten Organisation, dem Fußball-Weltverband Fifa, an ein Land, das sich trotz der Glitzerbauten zivilisatorisch im finstersten Mittelalter befindet. Wenn Katars WM-Botschafter Khalid Salman Homosexualität als „geistigen Schaden“ einstuft, zeigt das, wie weit diese Gesellschaft von den Werten der aufgeklärten Welt entfernt ist. Wenn in Stadien gekickt wird, an deren Sitzschalen das Blut ungezählter Wanderarbeiter klebt, belegt das die Skrupellosigkeit der WM-Macher, die über Leichen gehen.
Fans, die sich keine Spiele ansehen, verdienen daher Respekt. Sie handeln konsequent. Wenn ich persönlich eine andere Entscheidung treffe und so viele Spiele wie möglich sehen werde, ist das kein Beleg dafür, dass ich abgebrühter als die Boykotteure bin. Es ist vielmehr das Eingeständnis menschlicher Schwäche. Allerdings: Ich möchte mich dafür nicht schämen und in Sack und Asche gehen müssen.
Welt- und Europameisterschaften im Fußball sind Teil meines Lebens. Alle Höhen und Tiefen der deutschen Mannschaft waren auch meine Berg- und Talfahrten. Als Bub habe ich nach der 3:4-Niederlage gegen Italien im Jahrhundertspiel von Mexiko mitten in der Nacht geheult wie ein Schlosshund. Als Student habe ich nach dem Fallrückzieher von Klaus Fischer beim Halbfinale gegen Frankreich in einer Münchner Kneipe vor Glück mein Hemd zerrissen. Und als Vater bin ich nach Mario Götzes Siegtreffer im Endspiel von Rio mit meinem Sohn um den Wohnzimmertisch getanzt.
Ich bin jetzt 65 und weiß nicht, wie viele Weltmeisterschaften mir noch vergönnt sein werden. Was ich aber weiß: Würde ich jetzt den Bergdoktor anschauen statt Deutschland gegen Spanien, wäre das ein trüber, trauriger Herbst für mich. Ich lasse mir diese Tage vom Fußball-Paten Infantino und vom Gas-Emir al Thani nicht vergällen, nur weil sie ein Fest kaperten, das mir so viel Freude schenkt.
Eines aber ist mir wichtig: Ich wünsche mir als Journalist, dass meine Sportkollegen aus Katar nicht nur über Tore und Abseits berichten. Sie sollten ein präzises Bild des WM-Gastgebers zeichnen. Hinschauen, nicht wegsehen ist eine Grundtugend des guten Journalismus. Bei Katar haben wir zu lange die Augen zugekniffen. Das muss sich ändern, damit nie mehr eine große Sportveranstaltung auf derart skandalöse Art vergeben wird. Damit niemand mehr die Glotze ausschalten muss: ohnmächtig, mit geballter Faust in der Tasche.
Hier gibt es einen RHEINPFALZ-Podcast zum gleichen Thema
Leseraufruf!
Es gibt gute Gründe, die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar im Fernsehen anzuschauen. Gleichzeitig liegen Argumente auf der Hand, dies nicht zu tun.
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