Fußball
Klassentreffen der 2003er-Weltmeisterinnen: Für die Ewigkeit
Es war ein lang anhaltender Applaus, der in einer traditionsreichen Spielstätte des deutschen Fußballs erklang. Bettina Wiegmann, Maren Meinert oder Doris Fitschen war die Rührung im Stadion am Bieberer Berg in Offenbach anzumerken. Bevor die Weltmeisterinnen von 2003 auf dem Rasen eine offizielle Ehrung vor dem WM-Vorbereitungsspiel der deutschen Fußballerinnen gegen Vietnam empfingen, war das Gros bereits in der DFB-Zentrale in Frankfurt-Niederrad fürs Jubiläum zusammengekommen. Die damalige Bundestrainerin Tina Theune nahm ihre damalige Co-Trainerin Silvia Neid, die 2007 in der Chefrolle gleich WM-Titel zwei holte, auf der Terrasse nicht nur für ein Erinnerungsfoto in den Arm.
Der 69-jährigen Theune, die als Patin für den DFB sich noch im Blindenfußball engagiert, trieb das Wiedersehen fast Tränen der Rührung in die Augen. Ihr Team hätte damals „eine verschworene Gemeinschaft“ gebildet. Im Bus zu den Spielen hätte sie immer darauf bestanden, dass „A Question of Honour“ von Sarah Brightman lief. Als Ansporn. Lieblingslied der Spielerinnen war der Nena-Klassiker „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, der auch in Offenbach zu hören war.
Eine gezeichnete Karriere
Eigentlich hätte der Jahrestag am 12. Oktober begangen werden müssen, aber wer will vor der WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August) bitte so lange warten? An jenem Tag glückte bekanntlich Nia Künzer gegen Schweden ein Golden Goal, bei dem sie sich in ihrer von vier Kreuzbandrissen gezeichneten Karriere vielleicht so hoch wie später nie wieder in die Luft schraubte. Die Flanke kam von Renate „Idgie“ Lingor, die wie einige beim DFB ein Auskommen gefunden hat.
Den vielleicht anspruchsvollsten Beruf übt Künzer aus, die in Gießen ein Dezernat für Flüchtlingsangelegenheiten leitet. Ihre Tätigkeit als ARD-Expertin ist für die eloquente 43-Jährige nicht mehr als ein Nebenjob. „Das ist ein Erlebnis, das verbindet uns auf ewig“, sagte Künzer. Über manche Anekdoten von damals musste sie schmunzeln: Zum Begleittross der Delegation zählten keine zehn Personen, die Berichterstattung erledigten Claudia Neumann vom ZDF und Carsten Flügel von der ARD fast im Alleingang. Jeder kannte jeden. Der familiäre Zusammenhalt war Markenkern einer Generation, die sportlich den Vergleich mit der Gegenwart nicht scheuen muss. Vor allem das Halbfinale gegen den Gastgeber USA (3:0) gehörte zu den Höhepunkten deutscher Frauenfußball-Geschichte. DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich schwärmt vom „sensationellen Spiel unserer Mannschaft“. Die ranghohe Funktionärin war einst als Teammanagerin dabei: „Die USA hätten an dem Tag noch sieben Stunden spielen können und hätten uns nicht geschlagen, zumal Silke Rottenberg in überragender Form war.“
Erstmals Mannschaft des Jahres
Die Zeiten haben sich gleichwohl geändert. „Es ist von der Athletik, vom Spieltempo heute etwas anderes“, räumte die ehemalige Abwehrspielerin Ariane Hingst ein, die aktuell als Sport-Geschäftsführerin bei Viktoria Berlin ein ganzheitliches Frauenfußball-Projekt leitet.
Durch den Ausbruch des Sars-Virus in China war jene WM 2003 kurz zuvor erneut in die USA vergeben worden, wo 1999 zum Finalsieg der US-Girls gegen China mehr als 90.000 Menschen in die Rose Bowl von Pasadena geströmt waren. 2003 wurde in kleineren Stadien gespielt. Das Finale sahen in Carson nur 26.137 Zuschauer. Die ARD übertrug live und verschob den Tatort, was in Deutschland längst nicht alle gut fanden.
Später wurden die DFB-Frauen zum ersten Mal zur „Mannschaft des Jahres“ gewählt, Birgit Prinz wurde Weltfußballerin. Die bei der TSG Hoffenheim als Sportpsychologin tätige 45-Jährige wird in Australien zum dritten Mal bei einem großen Turnier Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg unterstützen. Ihre Erfahrung soll bei der Mission zum dritten Stern helfen, noch einmal einen Erfolg mit Ewigkeitswert zu erringen.