Handball
Jo Deckarm wird 70: Zu Besuch beim tragischen Helden
8. November 2023, Gummersbach, 15 Uhr: Bereits an der Zimmertür im Evangelischen Seniorenzentrum in der Kreisstadt im Bergischen Land wird deutlich, wer hier wohnt. Hinter der Aufschrift „Herr Deckarm“ ist am Ende ein blaues Vereinslogo des VfL Gummersbach angebracht.
Spätestens im Zimmer von Joachim „Jo“ Deckarm ist dann klar, dass es ein ehemaliger Weltklasse-Handballer bewohnt. Wimpel über Wimpel, etliche Pokale, ein Teppich aus Tatabánya in Ungarn, wo er 1979 in einem Spiel so schwer verunglückt war, Mannschaftsfotos des 1. FC Saarbrücken (mit Bruder Herbert sowie seinem früheren Trainer und späteren Betreuer Werner Hürter) und der Weltmeister-Truppe von 1978 samt der dazugehörigen Goldmedaille finden sich an den Wänden und in den Regalen. Seit fünf Jahren wohnt Deckarm inzwischen wieder in Gummersbach, am 19. Januar wird er 70 Jahre alt.
Deutschlandweit bewundert
Joachim Deckarm lacht bei der Begrüßung, der Händedruck ist mehr als kräftig. Kein Wunder, seine Hände scheinen riesig. Wie winzig muss wohl ein Handball in seinen besten Zeiten darin ausgesehen haben, als Mitte der 1970er Jahre Knirpse deutschlandweit (wie der Schreiber dieser Zeilen) den gebürtigen Saarbrücker und Nationalspieler bewunderten? Sein sechs Jahre älterer Bruder Herbert, der ihn seit Jahren in Gummersbach betreut, ist bei dem Treffen dabei. Er hat zwei neue Pullover für „Jo“ mitgebracht, einer wird für das anstehende Foto gleich angezogen.
Herbert Deckarm dreht erst mal den Ton der Lautsprecheranlage runter, über die gerade ein Gottesdienst in alle Zimmer übertragen wird. Mit Blick auf den Kalender mit den eingetragenen Heimspieltermine von „Jos“ Ex-Klub VfL Gummersbach erklärt Herbert: „Wir sind immer bei jedem Heimspiel dabei.“
Lange im Saarland gelebt
Nach seinem schweren Sportunfall und den 131 Tagen im Koma lebte „Jo“ Deckarm seit 1982 lange im Saarland. Erst im Elternhaus, dann im paritätischen Wohnheim in Saarbrücken, zuletzt ab 2016 in einer Wohnung im Bürgerzentrum Mühlenviertel, wo er ebenfalls von der Parität betreut wurde. „Der Umzug 2018 war notwendig, die Betreuung aus der Ferne war einfach zu schwierig“, erklärt Herbert Deckarm dazu. Sein jüngerer Bruder war zuvor schon einige Male für kurze Zeit in Gummersbach, „und es hat ihm immer gut gefallen hier“.
Wie geht es „Jo“ heute? Das Sprechen fällt ihm inzwischen schwer, es strengt ihn sehr an. Seit fünf Jahren ist er permanent auf den Rollstuhl angewiesen. Die motorischen Beeinträchtigungen, die er bei dem schweren Schädel-Hirn-Trauma 1979 erlitten hat, kommen im zunehmenden Alter immer mehr zum Tragen. Dennoch lacht er oft, wenn er mit seinem Bruder oder dem Gesprächspartner scherzt.
Beweglichkeit hat gelitten
Die Corona-Krise hat Joachim Deckarm kräftig zugesetzt. Er hatte selbst Corona, später auch eine Lungenentzündung. Das Schlimmste war aber: Wochenlang durfte Ende 2021 niemand rein ins Seniorenzentrum – und „Jo“ auch nicht raus, um sein wichtiges Rehabilitationstraining zweimal pro Woche in einem Fitnessstudio zu absolvieren. „Joachim war einmal vier Wochen quasi ohne Bewegung, danach ging erst mal nichts mehr. Wir hoffen, bald wieder verstärkt an seiner Beweglichkeit arbeiten zu können“, erzählt Bruder Herbert.
Ansonsten kommt morgens und mittags für zwei Stunden der Soziale Dienst, zweimal pro Woche bekommt er eine 45-minütige Massage. Zum Programm im Zentrum gehören aus der Tageszeitung vorlesen, Bingo, mal eine Filmvorführung oder Singen. „Aber das kann ich eigentlich nicht“, sagt „Jo“ und lacht wieder.
Heiner Brand ist oft bei ihm
Einmal wöchentlich übt auch eine Logopädin mit ihm. Oder sein Freund und früherer Mannschaftskollege Heiner Brand, der häufig zu Besuch ist. „Ich versuche auch, ihn zu Bewegung auf seinem Trimmrad zu animieren. Meist würfeln wir aber direkt los, das macht er am liebsten. 30 bis 45 Minuten, zwei bis drei Durchgänge“, berichtet der Ex-Bundestrainer und Weltmeister als Spieler und Trainer.
„Ich kenne niemand hier, der so oft Besuch bekommt wie er“, sagt Brand weiter. Viele ehemalige Gummersbacher Teamkollegen, ein Ex-Studienfreund von „Jo“, 18 bis 19 Menschen besuchen den einstigen Handballer. Und koordinieren ihre Besuchstermine über eine eigens zu diesem Zweck eingerichtete Whatsapp-Gruppe, damit nicht plötzlich zu viele Menschen bei „Jo“ auf der Matte stehen. Aber selbst das würde er wohl einfach mit viel Humor nehmen – auch wenn’s anstrengt.