Handball
Eulen-Trainer Ben Matschke nach seinem Abschied: „Ich bin immer noch leer“
Wie geht es Ihnen nach dem sehr emotionalen Abschied am Sonntag?
Ich bin immer noch leer. Das hat sehr viel Kraft gekostet. Es war sehr berührend, gerade auch, als meine Familie das Legendentrikot in die Halle trug. Ich hatte seit dem feststehenden Abstieg am Donnerstagabend eine große Leere empfunden.
Sie haben bei Ihrem Abschied von 200 Ansprachen an das Team in Ihren sechs Trainerjahren gesprochen. Haben Sie Buch geführt, wie viele Stunden Sie hier in der Heinrich-Ries-Halle, der Trainingshalle der Eulen, verbracht haben?
Im Jahr waren es so zwischen 280 und 300 Trainingseinheiten. Zwei Stunden Training, ich bin eine Stunde vorher da, eine Stunde danach in der Regel. Das ist ja fast schlimm, wenn man das zusammenrechnet (lacht). Es werden schon so 1000 Stunden im Jahr gewesen sein.
Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Manches sieht man erst so wirklich danach. Die Wertschätzung, die ich erfahre, auch durch ganz viele SMS von Menschen, die beim Abschied nicht dabei sein konnten. Es gab in 13 Jahren so viele Geschichten, es gibt so viele Weggefährten, die regelmäßig in der Halle waren. Die Gespräche mit den Fans vor der Halle oder in Fanklubsitzungen. Es sind die Begegnungen mit den Menschen. Viele Menschen haben mir eine große Wertschätzung entgegengebracht. Das ist nicht selbstverständlich. Da bin ich sehr dankbar.
„Man wirft nicht einfach ein System weg“
Die Mannschaft hat sich zusammen mit dem Trainerteam während der Saison, in einer kritischen Phase, noch einmal neu erfunden. Sie haben das System gewechselt. Gab es da nicht auch Bedenken?
Ich habe bei dem, was ich als Trainer hier gemacht habe, immer ein maximales Vertrauen gespürt. Man wirft als Trainer nicht leichtfertig ein System weg, das funktioniert hat. Letztes Jahr waren wir auch sehr konkurrenzfähig. Das System hatte funktioniert. Wir haben das in der Hinrunde gespielt. Speziell auf der Position im Rückraum rechts konnten wir das nicht so gestalten wie die Jahre zuvor. Dann musste ein anderes System her. Mit diesem haben wir 20 Punkte geholt. Ich bin sehr dankbar, dass die Mannschaft das so angenommen hat.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Moment bei den Eulen erinnern?
Ja (lacht). Der war so bizarr. In Stuttgart war mein Klub insolvent. Ich hatte mit Thomas König telefoniert, hier war noch eine Mittelmannposition frei. Mit meinem Auto und dem Gepäck aus meiner Studentenbude bin ich nach Ludwigshafen gefahren, habe mir in Mannheim drei Studentenwohnungen angeschaut. Für alle drei habe ich eine Zusage bekommen. Um 16 Uhr war ich beim Training. Danach war Mannschaftsabend, da wurde ich eingeweiht. Morgens um sechs Uhr bin ich aus dem Keller bei Heßlers raus. Um 10 Uhr war dann Auslaufen im Ebertpark. Danach hatte ich dieser WG zugesagt, bin nach Stuttgart gefahren und habe die restlichen Sachen geholt. So verrückt, wie das war, das kann man nicht vergessen.
„Ich möchte mich entschuldigen“
Gibt es ein Datum aus den vergangenen 13 Jahren bei den Eulen, das besonders haften bleibt?
Meine beiden Kreuzbandrisse, 12. November 2011 in Saarlouis, 14. September 2012 in Leipzig. Der 9. Juni 2019, diese Rettung in letzter Sekunde gegen Minden. Auch der Aufstieg. Es sind immer Extremphasen. Es haben mir viele Trainerkollegen geschrieben, dass ich in den sechs Jahren als Trainer bei den Eulen Dinge erlebt habe, die manche nie erleben werden. Gerade in Form von All-in-Spielen, was es heißt, permanent Druck zu haben. Das jedes Jahr. Das ist außergewöhnlich.
Wie sehr nagt ein Abschied mit dem Abstieg an Ihnen?
Maximal. Ich wollte den Verein in dem sportlich besten Zustand hinterlassen. Das habe ich nicht geschafft. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich habe fest daran geglaubt, dass wir es schaffen können. In Minden machen wir von den Zahlen her eines unserer besten Auswärtsspiele. Wir haben super verteidigt, Martin Tomovski hatte 14 Paraden, wir machen nur vier technische Fehler. Trotzdem reichte es nur zum 24:24.
Schmerzt es umso mehr, wenn man – von den Punkten her – die beste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte gespielt hat und dann absteigen muss?
Ich denke nicht in Punkten. Du musst diese Spiele gegen die Absteiger gewinnen, wir haben gegen Essen daheim verloren, haben zweimal gegen Nordhorn-Lingen verloren. Diese Punkte holst du normalerweise nicht bei anderen Spielen. Andererseits haben wir so nach dem Essen-Spiel viel verändert, haben Routinen gebrochen. Ich habe alles auf den Kopf gestellt. Auch das war ein Prozess, war wichtig für diese Endphase.
Nie ans Aufhören gedacht
Wie sehr haben Sie sich in den Jahren als Trainer geändert?
Das erste Jahr war viel Leichtigkeit, viel Euphorie, alles war toll. Das hat sich verändert, immer mehr Druck, den Erfolg zu wiederholen. Der Druck wurde für mich persönlich immer größer, die Pausen wurden immer kleiner. Ich habe mich schon dabei erwischt, dass manche Pause zu kurz war, dass es schwer war, Motivation zu finden, wieder voranzugehen. Das muss authentisch sein. Wenn du nicht davon überzeugt bist, wird das die Mannschaft in der ersten Ansprache spüren.
Gab es hier auch mal den Moment, dass Sie aufhören wollten?
Nie! Gerade aber nach Niederlagen gehe ich alles durch, frage mich, was ich hätte ändern können. Am nächsten Tag weiß ich dann aber, dass ich wieder Licht sehe, eine Motivation sehe, dass es weitergeht.
Das Matschke-Buch
Sie sind vor den Spielen nie in der Halle zu sehen. Was machen Sie da?
Ich habe oft Gespräche, gehe den Matchplan durch, schreibe mir immer auf, was mich in der Woche bewegt hat. Ich führe ein Buch, das mittlerweile sehr dick ist. Der erste Eintrag war 2015 bei meinem ersten Auswärtsspiel als Eulen-Trainer in Bad Schwartau.
Wann geht es nun in Wetzlar weiter?
Ich brauche jetzt ein paar Tage Urlaub. Am 26. Juli wird die Vorbereitung beginnen. Nach ein paar Tagen werden wir bereits in ein Trainingslager fahren, damit ich die Mannschaft kennenlerne, eine erste Einschätzung vom Team bekomme.
Ein Geschenk für die Mannschaft
Sie haben bei Ihrer Verabschiedung einige Geschenke bekommen. Gab es auch ein Geschenk vom Trainer an die Mannschaft?
Ja. Ein Gasgrill. Ich habe in all den Jahren sehr viel in die Gemeinschaft, den Zusammenhalt investiert. Die Kabine hier war vorher ein Lagerraum. Wir haben dadurch einen Ort geschaffen, an dem alle zusammen sind. Du musst tagtäglich viel dafür investieren, dass es eine tolle Gemeinschaft ist. Wenn einer ausbricht, musst du sofort Grenzen ziehen. Max Neuhaus habe ich zum Grillwart ernannt.
Wird Ben Matschke irgendwann mal Bundestrainer?
So weit denke ich nicht. Ich habe das Ziel, mich in Wetzlar durchzusetzen. Das motiviert mich. Mich kennt dort keiner. Ich will mich dort beweisen als Mensch. Ich habe nicht vor, dort nach einem Jahr wieder zu gehen. Was die Zukunft dann bringt, wird man sehen. Ich habe auch noch die Schule als Lehrer. Wenn ich merke, dass ich für die Familie nicht mehr da sein kann, hätte ich kein Problem damit, voll Lehrer zu sein und bei mir in der Nähe Oberliga zu trainieren. Ich bin einfach dankbar, dass die acht Jahre so liefen, dass ich mit so viel Wertschätzung Ludwigshafen verlasse.
Zur Person: Ben Matschke
Der Sport- und BWL-Lehrer an einem Gymnasium in Schwetzingen spielte von 2007 bis 2013 bei der TSG Friesenheim. Innerhalb von zehn Monaten riss sich der Mittelmann dann zweimal das Kreuzband – Karriereende. Im Januar 2013 wurde er Trainer beim TV Hochdorf. Den TVH rettete Matschke vor dem Abstieg. Seit 2015 ist der A-Lizenz-Trainer Coach bei den Eulen Ludwigshafen. 2017 stiegen der Zweitligist auf. Nach vier Jahren Bundesliga steigen die Eulen wieder ab. Der 38-Jährige ist verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohns und wird nun Trainer bei der HSG Wetzlar.
Kommentar: Ben Matschkes Abschied: Ein herber Verlust.
Ein Video von der Verabschiedung von Ben Matschke und der Eulen-Spieler Dominik Mappes, Gorazd Škof, Martin Tomovski sowie Jonathan Scholz finden Sie hier.