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Mittwoch, 15. November 2017 Drucken

Kultur

Shared Reading: Von England nach Heidelberg

In England ist Shared Reading, die gemeinsame Lektüre von Weltliteratur, als eine Art Wundermittel etabliert – Jetzt kommt es zu uns – Eine Begegnung in Heidelberg

Von Markus Clauer

Offenes Format: Shared-Reading-Gruppe.

Offenes Format: Shared-Reading-Gruppe. ( Foto: literarische Unternehmungen)

Gedichte als Antidepressiva, Shakespeare-Verse, die Aktivitätsausschläge im Gehirn auslösen wie ein Herzinfarkt. Über Literatur zu reden sei „Psychologie in Aktion“, heißt es. Shared Reading, gemeinsame Lektüre in Gruppen, gilt in England als wissenschaftlich erforschtes Wundermittel. Eine therapeutische Leserevolution. Jetzt kommt sie nach Deutschland. Nach Heidelberg. Was ist da los?

Carsten Sommerfeldts Leben zum Beispiel wurde durch Shared Reading neu konfiguriert. In der Rilke-Nachfolge: „Du musst dein Leben ändern!“. Der Zweimetermann mit dem Bart hat seinen Job als Verlagsleiter bei Droemer Knaur in München gekündigt. Jetzt ist er Inhaber der Firma Literarische Unternehmungen in Berlin. Einer gemeinnützigen GmbH bald. Geschäftsziel? Mehrwert im Sozialen.

Alles begann damit, erzählt er selbst, dass er in Liverpool war. In „Calderstones Manson“, der ehemaligen Villa eines Munitionsfabrikanten aus dem Jahr 1828. Sie liegt in einem Park in der Heimatgegend der Beatles. Im Video zu „Imagine“ sieht man Lennon Hand in Hand mit Yoko durch einen Park schlendern, direkt auf ein Haus zu. Augenzeugen sagen, es gleiche „Calderstones Manson“ haargenau. Davon abgesehen, dass der – seit 2014 – Sitz der „The Reader Organisation“ (TRO) inzwischen leicht angeranzt wirke. Drinnen indes laboriert man am neuen großen Literaturvermittlungsding: Shared Reading, wortwörtlich heißt das geteiltes Lesen. Gemeint ist eine Neuaufladung des althergebrachten Lesezirkels als sanft betreutes Lesen und Therapeutikum.

Hunderte Shared-Reading-Gruppen haben sich in den vergangenen 15 Jahren in England gebildet. In Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten, Bibliotheken. Glaubt man den Berichten, wird in Pubs plötzlich gemeinsam Dickens gelesen. Oder Shakespeare im Jugendzentrum. Auf der The-Reader-Homepage lauter Erfolgsgeschichten.

Von Menschen, die zum ersten Mal begriffen, dass sie eine Stimme haben, die von anderen gehört wird. Von dem 50-Jährigen, seit Jahren arbeitslos und depressiv, der mit einem Barockgedicht herausfand, was ihm eigentlich fehlt. Von der, sie sagt es so, Lebensrettung einer bipolar Gestörten. Und weiter so.

Auch Literaturprofi Sommerfeldt erzählt, wie er nach einer ersten „Session“ genannten Shared-Reading-Gruppensitzung in Liverpool sofort, na ja, „geflasht“ gewesen sei. Überzeugt, entzückt, erleuchtet davon, was Poesie selbst bei prosaischen Menschen auslöst. Unmittelbar. Jedenfalls begann er, ohnehin leicht ermüdet vom eingefahrenen Literaturbetrieb, recht bald danach zusammen mit seinem Kompagnon, dem Literaturprogrammmacher Thomas Böhm, das geteilte Lesen nach hier zu transferieren.

Das Liverpooler Original gegründet hat Jane Davis, eine bodenständig wirkende Frau mit blondem Haar, deren eigene Biografie sich wie ein Beleg für die Wirkkraft von Literatur liest. In den 1960er Jahren in Liverpool als ältestes von vier Kindern aufgewachsenes Scheidungskind. Mutter Alkoholikerin. Jane Davis wuchs in einem Pub auf. Doris Lessings Buch „Shikasta“ habe sie „erweckt“, sagt sie. Sie studierte, gab Kurse in der Erwachsenenbildung. Um die Jahrausendwende herum begann Jane Davis damit, je eine Kurzgeschichte und ein Gedicht mitzunehmen, diese gemeinsam mit den Teilnehmenden laut zu lesen und zu diskutieren. Vorbehaltlos. Sie lockte Jugendliche mit Tee und Keksen zur gemeinsamen Lektüre. Alle waren begeistert. Die Geburtsstunde von Shared Reading. Inzwischen feuern bei ihrer The Reader Organisation über 100 Mitarbeiter Menschen an, Literatur wie eine Landkarte eigener Wege zu sich selbst zu sehen.

Sommerfeldt und Böhm sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit fünf Mitarbeitern auf Tour mit Literatur. In Berlin haben sie erste Shared-Reading-Gruppen installiert. In Hamburg. Und Frankfurt. Vergangene Woche war der Sommerfeldt in der Unesco-Literaturstadt Heidelberg unterwegs, unter anderem bei Probe-Sessions in der Gedok-Galerie.

The Reader Organisation in Liverpool wird bezahlt von der nationalen Gesundheitsbehörde und Spenden. Sommerfeldts Firma finanziert sich hauptsächlich durch Ausbildungsmaßnahmen. Vier Tage dauert ein Kurs für zum Konzepte gehörende sogenannte Facilitator, die die Texte für die Gruppensitzungen auswählen, die Literaturgespräche betreuen und das Shared Reading streuen. Wirkungsforschung ist auch inklusive. In Liverpool untersucht ein eigens gegründetes, interdisziplinäres Institut das Projekt, das mit Erfolg bei Demenz, Geisteskrankheiten, Drogenmissbrauch, bei Familienprogrammen, Burnout oder unter ihrer Isolation leidenden Menschen eingesetzt wird.

Schriftsteller wie US-Star Richard Ford sind Fans. Bei uns schlägt Sommerfeldt neben viel Sympathie und Enthusiasmus manchmal auch Skepsis entgegen. Zu weichgespült, zu unernst. Sind die Facilitator eigentlich als Therapeuten ausgebildet, wird gefragt. Ist das noch Kulturpolitik oder schon Gesundheitsmanagement? „Beides“, sagt Carsten Sommerfeldt entspannt. Kann ja auch sein, dass man hierzulande vor allem um seine Pfründe bangt.

Die Bosch-Stiftung jedenfalls, die Shared Reading in Heidelberg unterstützt, aber den Chamisso-Preis abgeschafft hat, stellt seine Förderrichtlinien gerade um. Raus aus der Literaturbetriebsblase. Zur ersten Shared-Reading-Session in die Gedok-Galerie, die Teilnehmenden-Zahl ist auf zwölf begrenzt, kam trotzdem hauptsächlich Fachpublikum. Ein Schriftstellerin, eine Übersetzerin, ein Literaturkritiker. Sommerfeldt und die anderen lasen abwechselnd eine Kurzgeschichte von Sylvia Plath vor. Dann ein Gedicht von Hilde Domin. Die Schriftstellerin mutmaßte bei Plath würde was Schlimmes passieren. Dann wurde über weibliche Sichtweisen diskutiert. Der Kritiker wollte derweil – dringend – einen Fachausdruck googeln. Auch meinte er, als es ans Vorlesen ging, „lieber nicht“. Er sei eher der schüchterne Typ. Und Sommerfeldt so: „Schon okay.“

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