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Mittwoch, 14. Februar 2018 Drucken

Kultur

Die Angst vor der nächsten Niederlage

Eurovision Song Contest: Europäische Juroren und nur ganz begeisterte Fans sollen kommende Woche „Unser Lied für Lissabon“ mitbestimmen

Von Susanne Schütz

Treten am 22. Februar an: Voxxclub.

Treten am 22. Februar an: Voxxclub. ( Foto: NDR/S. Schweiger)

Dieses Mal soll nichts schief gehen. Kein weiterer Null-Punkte-Kandidat soll aus dem deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) hervorgehen. Für „Unser Lied für Lissabon“, das am 22. Februar gekürt wird, hat sich ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber daher mit allerlei Beratern umgeben. „Wir haben viel Zeit in Analysen gesteckt“, sagt der neue „ESC-Delegationsleiter“ und NDR-Redakteur Christoph Pellander. Das Ergebnis offenbar: nichts den Wald- und Wiesen-Zuschauern allein überlassen.

Ein 100-köpfiges „Eurovisions-Panel“ wurde als Erstes gecastet. Thomas Schreiber selbst ging dazu auf Städtetour („Roadshow“), begleitet von Vertretern zweier Beratungsagenturen. 15.000 ESC-Anhänger wollten laut ARD mitmachen als Vorabjury, erwählt wurden 100, die „das ,ESC-Gen’ in sich tragen“ und „den europäischen Geschmack“ abbilden sollen. Auch eine „internationale Expertenjury“ wird morgen in einer Woche gefragt. Darin mischen unter anderem mit: ein Songwriter aus Island, ein litauischer Opernsänger, ein französischer Musical-Caster, eine Flötistin aus Slowenien, eine Komponistin aus Zypern, ein Tänzer aus Schweden und ein englischer Gesangslehrer: Allein auf deutsche Ohren will sich die ARD nicht mehr verlassen, schließlich soll der Sieger auch Armenier, Iren, Finnen und Griechen erfreuen. Oder, wie Schreiber in Marketingsprache sagt: „Ein Act, der begeistert“. Pellander will gar „ein Fieber streuen“.

Sechs Künstler werden nun am 22. Februar vorsingen, um am 12. Mai in Lissabon nicht den letzten Platz zu belegen. Aber lässt sich der europäische, genauer der ESC-Geschmack wirklich berechnen? Die allzu nach bekannten Schweden-Designerpop-Mustern klingende Nummer von 2017 hat ja gezeigt, dass es so einfach nicht ist. Weiteres Problem offenbar: Außer Casting-Stimmen gibt es kaum mehr Bewerber, die sich an den ESC wagen wollen.

Bekannteste und wohl beim deutschen Publikum beliebteste Vorentscheid-Teilnehmer sind Voxxclub: eine Art Casting-Boyband der neuen Volksmusik, die in Lederhosen auf alpenländisch gestylt ist, aber bis vor Kurzem auch einen Sänger aus Mannheim in ihren Reihen hatte. Ein Mainzer ist immer noch dabei. Überhaupt sind alle fünf ausgebildete Musical-Darsteller. Wie der österreichische „Volksrocker“ Andreas Gabalier stehen Voxxclub für Party, gute Laune und heile Welt. Die Gruppe bedient die Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, in der Männer noch echte Kerle waren, und nach einem Gefühl des Aufgehobenseins in einem diffusen Heimatgefühl. Damit kann man vielleicht wieder Stimmen aus Österreich und der Schweiz ernten, eventuell lassen sich auch einige Osteuropäer mitreißen. Aber das Gros der im Glamour und Pop beheimateten ESC-Fans dürfte Voxxclub irritierend finden.

Kandidatin Ivy Quainoo, die 2012 in „The Voice Of Germany“ auffiel, wirkt da wie ein Gegenentwurf. Die Berlinerin mit ghanaischen Wurzeln hat eine schöne Soulstimme und würde Deutschland als weltoffen zeigen. Jedoch hat sie zuletzt wenig Erfolg mit ihren Stücken gehabt. Die 25-Jährige hat sich immerhin vorgenommen, keine nur auf Hit geschneiderte Konfektionsware zu interpretieren, sie wolle „mindestens mitfeilen“, sagte sie dem NDR.

Auch ihr Konkurrent Michael Schulte war schon bei „The Voice“ dabei, wurde 2012 Dritter. 2017 ist sein Album „Hold The Rhythm“ erschienen, gespickt mit hoch emotionalen Balladen. In die Hitparade hat er es damit aber nicht geschafft, obwohl Ed-Sheeran-Fans wohl auch Freude an den Liedern hätten.

Dritte Starterin mit „Voice“-Vergangenheit ist Natia Todua aus Georgien, die im umkämpften Abchasien aufwuchs, 2016 als Au-pair nach Deutschland kam und 2017 die Casting-Show gewann. Sie mag trotz Vorliebe für amerikanisch-soulige Songs fürs Europäische stehen, allerdings haben sich „Voice“-Teilnehmer in den vergangenen Jahren beim ESC nicht durchsetzen können: zu austauschbar.

Die weiteren Kandidaten sind noch unbeschriebenere Blätter: Xavier Darcy kommt aus Oberpframmern in Bayern, ist aber zuvor mit seinen französisch-englischen Eltern um die Welt gezogen. Und obwohl er nach Naidoo- und Jane-Austen-Fan klingt: Der 23-Jährige, der bei „Jugend musiziert“ aktiv war, trägt angeblich keinen Künstlernamen. Der Sänger mit Herrendutt nennt David Bowie als Vorbild und singt mit kräftig-rauer Stimme Folkrock und glatten Pop.

Gefällig gibt sich auch Rick Jurthe alias Ryk. Der 28-Jährige hat in Hannover Popmusik und Gesang studiert, mit der Band Foxos Elektropop gespielt und für Akrobaten komponiert, bevor er am Londoner Goldsmiths College Musik studierte: In London war auch Vorjahres-Siegerin Levina ausgebildet worden, ein schlechtes Omen? Seine Stimme zumindest klingt weniger kalkuliert als jene der übrigen Kandidaten.

Die Lieder, die zur Wahl stellen, sollen bis 22. Februar (ARD, 201.5 Uhr) geheim bleiben. Der NDR hatte sie in einem Songwriting-Camp ESC-tauglich austüfteln lassen. Ob so viel Berechnung hilft, wird der 12. Mai zeigen.

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