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Kultur

Avantgarde H0

Mythos Alltag: Modelleisenbahnträume und ihre Wurzeln in der Wirklichkeit – Eine Ausstellung „Märklin Moderne“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt

Von Markus Clauer

Der Klassiker der „Märklin-Moderne“: Die Villa im Tessin, die die Firma Faller ab 1961 produzierte.

Der Klassiker der „Märklin-Moderne“: Die Villa im Tessin, die die Firma Faller ab 1961 produzierte. ( Foto: Gebr. FALLER GmbH)

Reales Vorbild für die Villa im Tessin: Guscetti-Villa (1958, Aldo und Alberto Guscetti) in Ambrì.

Reales Vorbild für die Villa im Tessin: Guscetti-Villa (1958, Aldo und Alberto Guscetti) in Ambrì. ( Foto: Hagen Stier)

Das Faller-Modell „Auto-Rast“, ab 1961.

Das Faller-Modell „Auto-Rast“, ab 1961. ( Foto: Hagen Stier)

Vorbild der „Auto Rast“, ehemaliges Autohaus in Freiburg.

Vorbild der „Auto Rast“, ehemaliges Autohaus in Freiburg. ( Foto: hagen stier)

Kann alles Mythos werden? „Ich glaube ja, denn das Universum ist unendlich suggestiv“, schreibt Roland Barthes in seinem Werk „Mythen des Alltags“, in dem ein Citroën DS „Kathedrale der Neuzeit“ benannt wird. Das war 1957. Denkbar, dass unser Jetzt ähnlich geheimnisvoll ist. In loser Folge gehen wir auf Spurensuche. Heute: in der Modelleisenbahn-Architektur.

Im Rückspiegel sieht Mann das. Das Standbild seiner grundständigen westdeutschen Kindheit in den 1960er- und 1970er-Jahren, zu der unabdingbar der weihnachtliche Vater-Sohn-Zwist um die Oberschaffnerhoheit über die Modelleisenbahn gehört. Die Szene unweit des Tannenbaums, wo die Bahn stand, die mit Glück dann von der guten Stube in den Hobbykeller migrierte, später. Fortan fungierte sie als generationsübergreifend totalitär beherrschbarer Rückzugsort und Fantasieraum, in dem kindliche Vorstellungen problemlos eine Erwachsenenwelt en miniature bewohnten. Oder Männer, vom rasenden Wirtschaftswunderwüten, Öl- und anderen Krisen draußen gebeutelt, ihre Hoheitsrechte darüber wiedererlangten, wo es langgeht. Abfahrt, Gleis zwei.

Zurück also in eine heile Welt, die es nie gegeben hatte und zu der – die Temperamente sind verschieden – mitunter auch das „Brennende Finanzamt“ der Firma Pola gehörte. Ohne Ankunft dahin unterwegs, wo man sich hinträumte. Ein Kreisen in einem Möglichkeitsraum, in dem Wunsch und Wirklichkeit sich im Modellbausatz Postamt Badenweiler, B-8150, begegnen. Vorbei an Stadttürmen, Fachwerk, Hütten und Palästen der Marken Faller oder Kibri, Wällen und Obstgärten vor Stadtmauern. In der Ideal-Landschaft standen Höfe, Schafe, Kühe. Gänse schnatterten lautlos. Und spielende Kinder (von Preiser) tollten im Trachtengewand.

Modell-Deutschland sah oft aus wie ein Kitschbild, die Schweiz oder ein besseres Bayern. Nicht ohne Grund ist unser aller Heimat-Horst Seehofer ein bekennender Modelleisenbahn-Aficionado unter vielen. Groß-Nazi Hermann Göring zum Beispiel inszenierte sich – wie Fotos beweisen – in seinem Anwesen Carinhall am Wuckersee mit Vorliebe als Oberbefehlshaber über seine hauseigene Modelleisenbahn. Aber auch Rock-Reibeisen Rod Stewart, statt zu segeln, spielt gerne Zugchef, ebenso Singer-Songwriter Neil Young. Ideologisch ist das Modelleisenbahnfantum nicht festzulegen. Auch nicht soziologisch. Zwei Ex-DJs betreiben in Hamburg die größte Modelleisenbahn der Welt, die Miniatur Wunderwelt, die über eine Million Besucher/innen im Jahr hat. Und den linken Polit-Künstler Klaus Staeck sieht man bisweilen im Heidelberger Hauptbahnhof vor der dort aufgestellten Version stehen.

Ijoma Mangold, „Zeit“-Journalist und Autor, Jahrgang 1971, nannte seinen autobiografischen Bestseller „Das deutsche Krododil“. Nach dem Märklin-Modell eines Güterzugs, das sich der bei seiner alleinerziehenden deutschen Mutter in Heidelberg aufgewachsene Sohn eines Nigerianers als Kind wünschte. Auch als eine Art ultimativen Dazugehörigkeitsbeweis. Ein Gegenentwurf zu dem, was das afrikanische Holzkrokodil auf dem Wohnzimmersims verkörperte. Ein Zeichen, wenn man so will, einer bewusst biederen Normalität.

Natürlich sehen böse Küchenpsychologen die Modelleisenbahn als – weil 90 Prozent der Käufer echte und späte Jungs sind – geschlechtsspezifische Spielwiese von Kontrollfreaks. Ein Spießerterrain zum Ausleben von höchstens biedermeierlichen Fantasien. Zumindest das widerlegt jetzt aber eine Ausstellung, die seit vergangener Woche in Frankfurt zu sehen ist. Im Deutschen Architekturmuseum tatsächlich.

Es gab ja immer zwei Lager bei den Modelleisenbahnfans. Die Technikfraktion, die 2008 bei einer Märklin-Jubiläumsschau im Arp-Museum bedient wurde. Und diejenigen, die sich vor allem als Kulissen-, Landschafts-, Tief- und Hochbauer sahen und jetzt in der „Märklin Moderne“-Schau im Architekturmuseum rehabilitiert werden. Diese zeigt nämlich eine zwischen Gründerzeit- und Scheunen-Idyllik bisher kaum vermutete Modelleisenbahn-Bau-Avantgarde.

Modellbauten mit Flugdächern, den Rasterfassaden des Nachkriegs-International-Styles, Glaskugeln: eine Architektur auf der Höhe ihrer Zeit und losgelöst von Bauvorschriften, Nutzungszwängen und statischen Vorgaben. Eine futurische Tankstelle Auto-Rast, deren Blaupause, das Autohaus „Breisgau“ in Freiburg aus den 1950ern, heute unter Denkmalschutz steht. Der Bahnhof „Neustadt“, B-111, der sich im Original in Goch am Niederrhein befindet. Das Hochhaus 905, ab 1965 B-905, das einem Bauwerk der Herstellerfirma Faller in Gütenbach im Schwarzwald nachempfunden war. Beide auf einem rechteckigen Grundriss mit einstöckigen Flachdach. Nur, dass bei dem „kleinen Hochhaus“ im H0-Maßstab, 28,7 Zentimeter hoch, die Fassadenordnung geändert ist und es einige Etagen mehr hat. Der Baumeister ist derselbe.

Faller-Hausarchitekt Leopold Messner plante damals immer mal wieder parallel für den Unternehmens- und Spielgebrauch. Öfter gab es ungeahnte Rückkopplungen zwischen Realität und Modelleisenbahnwelt. Das erste für den Tourismus geplante Fertighaus, das Nurda-Ferienhaus, ein befestigtes Zeltdach eigentlich, das in den 1960ern im Tourismus reüssierte, kam so 1970 als Modell-Nurda-Ferienhaus B-262 heraus. Besonders apart die Variante Maleratelier B-255, mit Glasdach, das den Blick freigab auf Preiser-Figuren eines vor seiner Staffelei stehenden Künstlers samt Aktmodell. Schön auch die Wohnhausgruppe des VEB Kombinats Holzspielwaren VERO, ein Abbild der Ostmoderne. Sie gleicht den Erfurter PH-16-Hochhäusern am Juri-Gagarin-Ring.

Der Klassiker der „Märklin Moderne“ allerdings steht in Ambri am Südende des Gotthards. Im Tessin. Die Villa Guscetti der Brüder Aldo und Alberto Guscetti von 1958, zwei quer zueinander stehende, holzverkleidete Quader über einem Bruchstein-Erdgeschoss, ein gemauerter Kamin und der kunstvoll verschobene Eingang als Zwischenelement. Ein Ufo im Bergdorf. Spielzeugproduzent Hermann Faller passierte es auf dem Weg in sein Ferienhaus am Lago Maggiore staunend. Ein solches Haus wollte er auch bewohnen. 1961 zog er in Gütenbach in ein dem Schweizer Vorbild nachempfundenes Privathaus. Gleichzeitig entstand im Faller-Werk ein ähnlicher Bausatz, die als Hommage und Verneigung vor den Urheber so genannte „Villa im Tessin“, B-271, ein legendäres Teil. Und womöglich einer der einflussreichsten Avantgardebauten.

Nicht so abwegig nämlich, dass so mancher angehende Baumeister seinen Berufswunsch beim Modelleisenbahnspielen entdeckt hat. Womöglich bei der Begegnung mit dem Modell B-271, das später Entwurfsprozesse beeinflusste. Vielleicht sogar hat es – auf verschlungenen Wegen – den erwähnten Klaus Staeck zu seinem populärsten und umstrittensten Plakat inspiriert. Eine Repräsentativumfrage nach der Bundestagswahl 1972 ergab, dass es 9,1 Prozent der Erwachsenen kannten. 77.000-fach, schätzt Staeck selbst, wurde es geklebt. Und Ludwigshafener Jusos wurden von sozialdemokratischen Arbeitern fast verprügelt, als sie mit diesen Plakaten vor den BASF-Toren eine Flugblattaktion starten wollten. Es zeigt ein Bauwerk, das stilistisch dem der Guscetti-Brüder ähnelt, gelb koloriert vor blauen Grund. „Deutsche Arbeiter!“ stand dort: „Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“

 

Die Ausstellung/Lesezeichen

—„Märklin Moderne – Vom Bau zum Bausatz und zurück“; Ausstellung des Online-Magazins „moderneREGIONAL“, bis 9. September, Deutsches Architekturmuseum in Frankfurt.

—Daniel Bartetzko/Karin Berkemann (Hg.): „märklinMODERNE – Vom Bau zum Bausatz und zurück“; Jovis; 136 Seiten; 28 Euro.

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