Zweibrücken
Was Vanessa Novak mit ihrer Musik erreichen will
Manche lassen Emotionen vorbeiziehen. Andere spüren sie ganz deutlich. Und wieder andere saugen sie auf und spalten sie in kleine Partikel auf, aus denen dann etwas Eigenes entsteht. So ist das oft bei der Sängerin Vanessa Novak, die viele eigene und auch ein paar Coversongs singt.
Früher spielte Novak, die in Detroit im US-Bundesstaat Michigan geboren wurde und mit ihrer Familie im Alter von zwei Jahren nach Contwig zog, Klavier. Auch viel Musik gehört hat sie in ihrer Kindheit. Die hat sie regelrecht „gespürt“, erzählt sie der RHEINPFALZ in der Konzertpause in Dieter Lists Atelier in Zweibrücken-Wattweiler. „Das ist in einem drin“, sagt sie. Mit dem Klavier konnte Novak diese Emotionen nicht so gut rauslassen wie mit der Gitarre. In einer Jugendgruppe in Contwig begann sie mit dem Gitarrespielen.
Sehnsucht nach einem bekannten Ort
Ihre zwei Stimmenbegleiter haben auch Namen: Die bayerische Gitarre heißt „Bavaria“, die andere hat sie „Morris“ getauft. Bei „Bound To Change“ entlockt Vanessa Novak dem Instrument ganz zarte, behutsame Klänge. Wie kleine Perlen ergießen sich die Akkorde über ihren Gesang, stützen ihn, federn ihn ab, aber geben ihrer Stimme stets genug Raum. Nicht, dass das nötig wäre: Ihre Stimme ist klar und berührend, aber manchmal auch ein bisschen heiser und rauchig. Dieses Vehemente, Freche ist bei ihrem Genre, dem Americana, der die Verschmelzung von Country mit Folk und Blues bezeichnet, nur von Vorteil. In „Bound To Change“, „meinem persönlichsten Song“, wie sie sagt, geht es um die Sehnsucht nach einem Ort, den man kennt, der sich aber nach langer Abwesenheit verändert hat. Novak denkt da an ihre Heimat Contwig, erzählt sie. Da war zum Beispiel der Spielplatz, „wo ich geschaukelt hab’ und glücklich war“. Auch der ist mittlerweile nicht mehr da.
Was auf jeden Fall da ist, ist die Freude der Zuhörer. Novak, die vor ihren Liedern viel erzählt, nimmt einen mit in immer andere Welten. „Home“ habe eine Berlinerin sehr gemocht. Novak kannte sie nicht, aber als sie gestorben war, flatterte eine Mail vom Trauerredner bei der Sängerin rein. Ihr Lied „Home“ habe der Frau viel bedeutet, schrieb der Trauerredner. Er bat um die Lyrics, da es ihr Wunsch war, dass das Lied auf ihrer Beerdigung gespielt wird. „Das ist der größte Erfolg für mich“, erzählt Novak. Es seien nicht die Klickzahlen, Streams oder CD-Verkäufe, die sie glücklich machen, sondern die Tatsache, „dass ich die Leute berühre“.
Zoom auf das Leben
Oft hat man in ihren Liedern ein Roadtrip-Gefühl, ein Gefühl von Freiheit. „One Big Lie“ verbreitet Aufbruchstimmung. In vielen ihrer Songs, etwa in „Old Friend“, geht es aber auch um Schmerz und Trauer. Wenn alte Freunde wegziehen und man sie so sehr vermisst, dass Novak von „Freundschaftsliebeskummer“ spricht, mag sich das kitschig anhören – aber es sind genau die Songs, die bei den Zuhörern ungefiltert ankommen. Novak zoomt in ihren Liedern ganz nah ans Leben heran und nimmt manchmal große Dinge wie Trennung oder Angst unter die Lupe.
Die Ideen zu den Liedern kommen ihr, erzählt sie, oft dann, wenn sie an für sie wichtige Personen denkt. Ihre Geschichten, wie etwa in „Run“, einem Song, den sie 2019, finanziert mithilfe eines Gema-Stipendiums, aufnahm, stammen mitten aus dem Leben. „Manchmal bleibt man, manchmal geht man, und manchmal muss man auch sofort hier weg und rennen“, sagt sie. Aus der anfänglichen Unsicherheit des Liedes entwächst ein vehementer, rasanter Feuersturm. Es ist die Flucht, die thematisiert wird.
Hochzeit in der Ferne
In Lists Atelier geht es aber nicht nur um den Künstler, der gerade da ist. Auch der Gastgeber selbst hat immer viel zu erzählen. So berichtet Dieter List an diesem Donnerstagabend, dass er seinen „Herzensschatz“, der aus Thailand kommt, in ebendiesem Land im Sommer heiraten wird. Vielleicht klingt sein stets gleicher Begrüßungsjuchzer „Willkommen in meinem Wohnzimmer!“ deshalb so euphorisch. Dieter List ist glücklich. „Ich beschenke mich mit eurer Anwesenheit“, sagt er. Und da er Vanessa Novak eingeladen hat, hat er auch seinen treuen Besuchern ein großes Geschenk gemacht. Die Sängerin hinterlässt ihre Zuhörer mit vielen kleinen, aber bedeutsamen Schnipseln voller Gedanken, die eine inspirierende Kraft haben.