Interview
Töten auf Befehl – Was ein Militärpfarrer davon hält
Alexander Beck ist seit fast vier Jahren evangelischer Militärpfarrer in Zweibrücken. Mit 50 Jahren hat er sich für diese neue Aufgabe entschieden; zuvor war Beck Gemeindepfarrer im saarländischen Hassel.
Herr Beck, Sie sind Militärseelsorger, womit kommen die Soldaten zu Ihnen? Wie können Sie helfen?
Soldatinnen und Soldaten sind ganz normale Menschen, die ganz normal ticken, mit ganz normalen Problemen. Vieles, was ich als Gemeindepfarrer erlebt habe, wiederholt sich auch hier, in deren Begleitung und ihrer Familien. Gerade Gespräche sind hier sehr gefragt, zum Teil sogar mehr als in der Gemeindeseelsorge. Bei den Soldatinnen und Soldaten leben viele von ihnen wochentags von ihren Familien getrennt oder führen eine Wochenendbeziehung. Die deutschlandweite Versetzungsmöglichkeit, insbesondere von Offizieren, hat immer Auswirkungen auf die ganze Familie: Wohnungswechsel, große Entfernungen zu Heimat und Verwandtschaft, Schulwechsel et cetera. Und das unter Umständen alle drei Jahre. Hinzu kommen Auslandseinsätze, die für Familien und Beziehungen immer belastend sind. Hier ist Seelsorge gefragt und nachgefragt.
Im Extremfall: Was können Sie für junge Soldaten tun, die im Kampfeinsatz Menschen getötet haben und da nicht drüber wegkommen?
Der Umgang mit der Schuldfrage ist das eine Thema. Das Erlebte zu verarbeiten, eine andere. Die Schuldfrage ist eine Frage der Seelsorge. Die Frage, wie das Erlebte verarbeitet werden kann, ist eine, die über die Seelsorge hinausgeht. Hier ist Zusammenarbeit innerhalb des Psychosozialen Netzwerks gefragt. Bei Auslandsmissionen kann viel passieren: Unfälle mit militärischem Gerät, Ansprengen von Konvois, die Ohnmacht, nicht eingreifen zu dürfen bei Straftaten oder Gewalt gegenüber anderen, weil das Mandat es nicht zulässt, das Lächeln eines Selbstmordattentäters, der drei Sekunden später mehrere Kameraden in die Luft sprengt. Hilfe für Soldatinnen und Soldaten gibt es in der Bundeswehr bei verschiedenen Stellen: Die Militärseelsorge ist Teil eines Psychosozialen Netzwerks (PSN). Sozialarbeit, Sozialberatung, Medizin, Truppenpsychologie und die evangelische, katholische und neuerdings jüdische Militärseelsorge haben unterschiedliche Schwerpunkte und Hilfestellungen. In vielen Fällen arbeiten wir – wenn gewünscht – als PSN zusammen.
Militärpfarrer sind also nach wie vor gefragt, auch wenn die Menschen immer weniger im christlichen Glauben verwurzelt sind?
Die Stellung der Militärseelsorge ist eine besondere. Ich bin nicht in die Befehlsstruktur der Bundeswehr eingebunden, das heißt, ich habe keinen Rang und keine Entscheidungskompetenz. Ich begleite die Bundeswehrangehörigen und habe dabei die höchste Verschwiegenheitspflicht. Ich begleite sozusagen in einer kritischen wohlwollenden Distanz mit einer mächtigen und ohnmächtigen Position. In nur wenigen Streitkräften haben Militärpfarrer diese unabhängige Position. Ja, Militärpfarrer gehören genauso wie bei der Polizei mit ins Boot.
Wie pazifistisch sind Sie selbst? Was ist Ihre Haltung zu Gewalt, Fronteinsätzen, Töten auf Befehl? Begleiten Sie die Soldaten in Krisengebiete?
Ich sehe das so: Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Jede Mission, jeder Einsatz, jeder Auftrag wird vom Bundestag beschlossen. Die Auslandseinsätze werden von den Abgeordneten beschlossen, die wir in freier Wahl gewählt haben. Insofern trägt der, der sie gewählt hat, auch Mitverantwortung in diesem Bereich. Die Ereignisse der letzten zehn Jahre haben meines Erachtens gezeigt, dass nur eine wehrhafte Demokratie überleben kann. Und die Soldaten und Soldatinnen leisten hier einen besonderen Einsatz durch ihr Gelöbnis, die Bundesrepublik Deutschland tapfer zu verteidigen. Das bedeutet in letzter Konsequenz die Bereitschaft, ihr Leben für ihr Land einzusetzen. Wenn Sie mich fragen, ob Krieg ein politisches Mittel sein darf, antworte ich mit einem klaren NEIN. Wenn Sie mich fragen, ob man mit Krieg Frieden schaffen kann, antworte ich auch mit einem klaren NEIN. Ob man sich wehren darf? Ob man sein Land verteidigen darf? Meine Antwort: ein klares JA. Militäreinsätze können vorübergehend stabilisieren und dem Friedensprozess Zeit verschaffen. Wenn man mich in den Einsatz schickt, würde ich natürlich die Soldaten und Soldatinnen auch im Einsatz begleiten.
Wie geht man als Pfarrer damit um, sollte es tatsächlich zu einem Kriegseinsatz kommen? Früher betete in jeder Armee ein Pfarrer für den Sieg und verteufelte die gegnerische Partei. Wie würde man das heute machen?
Wie man selbst damit umgeht? Krieg ist immer das letzte Mittel. Umso größer die Sorge, wenn es wirklich dazu kommt. Wenn Entscheidungsträger Krieg als politisches Mittel sehen, ist meine Sorge noch größer, zumal dann auch Friedensverhandlungen noch schwieriger sind. Wenn ich mit Soldaten bei Gedenkfeiern, Feldgottesdiensten, Hochzeiten oder Taufen bete, geht es immer um die Beziehung zwischen den Menschen und Gott. Wir treten vor Gott sowohl mit unseren Sorgen, Ängsten als auch mit den freudigen und schönen Erlebnissen. Gemeinsam beten wir oft das „Vater unser“ und das „Gebet der Vereinten Nationen“. Wenn ich mit Soldatinnen und Soldaten über Kampfhandlungen spreche, stehen meist ganz andere Themen im Raum. Man spürt, dass das Leben in Gefahr ist, macht sich Sorgen um seine Kameraden, hat Angst, sie zu verlieren. Ich habe sogar den Eindruck, dass die kampferfahrenen Soldaten viel vorsichtiger über Einsätze reden, als manche in der Politik es tun.
Sie haben sich selbst einmal als „Soldatenkind“ bezeichnet, Ihr Vater war Zeitsoldat. Inwiefern hat Sie das geprägt oder bereit gemacht für den Job als Militärseelsorger?
Ich habe viele Dinge in der Bundeswehr aus der Sicht eines Soldatenkindes erlebt. Ich kenne die Zeiten, in denen mein Vater auf Übungen oder Lehrgängen war. Insofern hilft mir die Vergangenheit auch bei der Arbeit mit den Familien der Soldaten und Soldatinnen.
Am Sonntag war Volkstrauertag. Halten Sie das Gedenken auf dem Zweibrücker Ehrenfriedhof noch für angemessen?
Auf jeden Fall! Die Kriegsgeneration stirbt aus. Die Erinnerung an das erlebte Kriegsgeschehen aufrecht zu erhalten, an die komplette Zerstörung vieler großer Städte in Deutschland, an das Elend der Zivilbevölkerung und anderer, halte ich jedoch für die beste Prävention überhaupt. Wenn die Zeitzeugen sterben, schließen sich ganze Geschichtsbücher für immer. Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisse gehen verloren. Wenn die Menschen von Bombardierungen, von ihren Bunkererfahrungen, von dem Hunger, den sie erlebt haben, erzählen, spüren und erfahren die Zuhörer, was es heißt, im Krieg zu leben. Die Erinnerung an die Weltkriege, die Erinnerung an ideologischen Vernichtungswahn ist das beste Gegenmittel, um kein Öl in militante, nationalistische Feuer zu gießen. Ich begrüße in diesem Zusammenhang die tolle Idee, dass sich in Zweibrücken auch die Schulen vor Ort an diesem Gedenktag mit einbringen. Albert Schweitzer hat es so zusammengefasst: „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens.“
