Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Wohnwende in Speyer: „Das könnte man intelligenter nutzen“

Altes Gebäude, neue Ideen: das ehemalige Stiftungskrankenhaus.
Altes Gebäude, neue Ideen: das ehemalige Stiftungskrankenhaus.

Wohnungsmangel, steigende Mieten und Klimawandel: Sollte Wohnen neu gedacht werden? Ja, findet Elisabeth Schuster, Mitglied des Vereins Inspeyered. Am 14. Februar stellt sie im Media-Tor in einem Wohnwende-Forum eine mögliche Idee vor. Im Gespräch mit Stefan Heimerl erklärt sie, welche Rolle das frühere Stiftungskrankenhaus dabei spielt.

Das Inspeyered-Forum am 14. Februar um 19 Uhr im Media-Tor trägt den Titel „Wohnwende von unten – aber wie?“. Sie sind eine der Referentinnen. „Wende“ scheint für den Verein ein großes Thema zu sein.
Zeitenwende ist auch das Wort des Jahres, die Themen sind aber nicht neu: Überbevölkerung, Energie, globale Konflikte. Bei Inspeyered geht es darum, diese globalen Themen aufzugreifen, aber nicht nur darüber zu diskutieren, sondern lokal zu schauen, was wir tun können.

Was stellen Sie sich denn unter einer Wohnwende vor?
An dem Abend stellen sich drei konkrete, unterschiedliche Projekte vor, bei denen es um gemeinschaftliches Wohnen geht. Wohnen soll bezahlbar sein, nachhaltig, ökologisch und den Raum effizient nutzen. Es ist effizienter, gemeinsam zu wohnen als allein. Das sehen wir jetzt bei der Generation, die Deutschland mit wieder aufgebaut hat und älter wird. Da, wo viele Frauen oder Männer alleine in ihren Häusern leben und Dinge nicht effizient genutzt werden. Das fängt bei funktionellen Gegenständen wie Autos oder Waschmaschinen an. Das könnte man viel intelligenter nutzen.

Welches Projekt stellen Sie vor?
Es geht um das Nachnutzungskonzept des ehemaligen Stiftungskrankenhauses, bei dem ich einen Entwurf der Stadtentwicklung von März 2022 aufgreife. Ich war begeistert davon, weil ich das Gebäude für so ein Projekt schon immer im Auge hatte und verfolgt habe, was passiert da jetzt. Der Entwurf ist wie ein Ball im Geräteraum einer Turnhalle. Er ist noch nicht im Spielfeld. Und den möchte ich jetzt rausholen und aufs Spielfeld rollen.

Was gefällt Ihnen daran?
Ich finde es toll, dass es eine Immobilie der Kommune ist. Dass es im normalen bürgerlichen Leben ist, im Herzen von Speyer. Zentraler geht es ja gar nicht. Es hat unglaublich viel Potenzial. Es ist keine Privatinitiative, sondern eine Idee der Kommune. Da sehe ich eine große Chance drin, dass hier ein Konzept entwickelt wird, das nicht in erster Linie für kleine Gruppen interessant ist, sondern für die „große Masse“.

Seit 2022 bei Inspeyered: Elisabeth Schuster.
Seit 2022 bei Inspeyered: Elisabeth Schuster.

Wie sieht das Konzept aus?
Der Entwurf der Stadt sagt bisher nur, dass dort ein gemeinschaftliches Wohn- und Arbeitsprojekt entstehen soll, mit inklusivem Wohnen, mit Studenten, mit Älteren und medizinischen Einrichtungen. Ich habe das aufgegriffen und weitergedacht.

Welche Ideen haben Sie dafür?
Zum Beispiel, dass es dort keine Privatautos gibt, dafür aber in der Tiefgarage ein Car-Sharing-Park zur Verfügung steht. Man kann dann das Auto wählen, zu dem Zeitpunkt, zu dem man es braucht. Kochen und Essen könnte man auch gemeinschaftlich organisieren in einer schon vorhandenen Großküche, was nicht heißt, dass es in den einzelnen Wohnungen keine Küche geben muss. Aber dass das in der Hauptsache gemeinschaftlich stattfindet. Oder auch, dass es große Waschmaschinen in einem Waschmaschinen-Park gibt, für den auch rückbaubare Waschmaschinen genutzt werden, die dem Hersteller gehören und nur geleast sind. Wo Teilen statt Besitzen im Vordergrund steht und man den Vorteil einer Gemeinschaft hat.

Klingt ein bisschen nach Wohnheim.
Man könnte es ein bisschen vergleichen, allerdings mit Wohnungen statt Zimmern.

Dafür müsste jeder Anwohner ein Stück weit auf Eigentum verzichten.
Eigentum muss auch verwaltet und gepflegt werden, das würde für den Einzelnen zunächst wegfallen. Man hätte dann mehr Zeit für andere Dinge, die wichtiger sind, als das Auto reparieren zu lassen.

Wie realistisch ist so ein Projekt?
Ich könnte mir vorstellen, wenn einmal diese gedankliche Hürde genommen ist, dass es auch für andere attraktiv ist. Auf kommunaler Ebene müssen wir hinsichtlich aktueller Ereignisse aufpassen, dass dieser Ball nicht immer nur im Geräteraum gehalten wird, deshalb wollen wir die Stadt unterstützen.

Deswegen nun die Abendveranstaltung im Media-Tor, wo Sie mit Interessierten darüber reden möchten?
Genau. Das hat sich auch ergeben, weil zwei Initiatorinnen aus Speyer mit dem Mietshäuser Syndikat auf uns zugekommen waren und eine gemeinsame Veranstaltung machen wollten. Dann haben wir das aufgegriffen und ein Wohnwende-Forum mit drei Konzepten daraus gemacht. Dazu kommt noch die „Buntspecht“-Initiative, die schon seit Jahren in Speyer aktiv ist. Jedes Projekt hat etwa zehn Minuten, um sich zu präsentieren, und dann können sich die InteressentInnen verteilen und in eine vertiefte Diskussion eintauchen.

Was erhoffen Sie sich davon?
Jedes Projekt ist in einer unterschiedlichen Phase, aber es geht natürlich auch für alle darum, MitstreiterInnen zu finden.

Wenn wir über Wohnwende reden, warum ist das denn überhaupt nötig?
Ich denke, das ist ganz klar: Wir haben zu wenig Wohnraum, wenn viele so weiterleben wie bisher. Es muss dann immer mehr Fläche versiegelt werden. Es müssen Lösungen her, dass wir auf diesem Planeten alle leben können, ohne dass wir alle Ressourcen ausschöpfen. Also wir müssen schauen, wie wir uns ohne den Verlust von Lebensqualität anders organisieren. Das ist, glaube ich, allen klar, aber es gibt zu wenig konkrete Ansätze. Beim Thema Wohnen trifft das alles zusammen. Es geht um einen nachhaltigen Lebensstil, der auch massentauglich und gemeinschaftsorientiert ist.

Die Menschen müssten wörtlich näher zusammenrücken und den heute bestehenden Wohnraum besser nutzen?
Ja, das ist so ein erster Schritt für mich.

Dazu müssten die Menschen bereit sein, ihren Wohnraum zu teilen. Jemandem, der seit 30 Jahren in seinem Haus wohnt, könnte das schwerfallen.
Da sehe ich die Wichtigkeit solcher Projekte, wo vorgelebt wird, dass das Mehrwert darstellen kann. Wie viele Leute leiden unter Einsamkeit oder haben Angst davor? Und das muss nicht sein. Wichtig ist, dass wir auf die globalen Herausforderungen als Gemeinschaft reagieren und dass das auch ein Gefühl von Verbundenheit mit sich bringt. Dass wir nicht als einzelne Monaden hier leben.

Und wer bestimmt, wieviel Quadratmeter für jemanden ausreichen?
Da ich von unserer politischen Wirklichkeit ausgehe, würde ich sagen, dass es zum Beispiel hier in Speyer nach Quadratmeterpreis geht: Was kann sich jemand, der das Bürgergeld bekommt, davon leisten? Das wäre eine Grundlage dafür, was jedem als gegeben zusteht. Das könnte man auch preislich in so einem Projekt gestalten. Jeder Quadratmeter, den jemand mehr benötigt, kostet dann auch mehr. So eine Art sozialer Ausgleich, der dann in gemeinschaftlich genutzte Räume investiert wird. Das wäre meine Idee. Bei so einem einzelnen Projekt könnte man das mal ausprobieren.

Zur Person

Elisabeth Schuster (56) ist seit Sommer 2022 Mitglied der Initiative Inspeyered. Sie leitet eine Traumatherapie-Praxis, mit der sie im März in die Kirrmeier-Straße zieht, und arbeitet im Landesarchiv als Restauratorin. Schuster kommt ursprünglich vom Bodensee und lebt seit 2007 in Speyer.

Im Netz

Mehr Informationen zur Veranstaltung auf der Website des Vereins www.inspeyered.de

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