Speyer
Wirte hadern mit ihren Versicherungen
„Wir haben eine richtig große Ausfallversicherung“, sagt Dieter Rentschler. Dem Seniorchef des „Rentschlers“ am Rheinufer war es wichtig, gegen alle Eventualitäten versichert zu sein, als er den Betrieb 2016 nach großen Investitionen eröffnete. Eine Tochtergesellschaft seiner Hausbank habe ihm das entsprechende Paket geschnürt – und nach seiner Lesart des Vertrags müsste jetzt richtig Geld fließen. Rentschler ist aber von einem bundesweiten Problem betroffen: Nach Einschätzung der Gastronomen sollten Betriebsschließungen aufgrund meldepflichtiger Krankheiten oder Erreger von der Police abgedeckt sein, aber viele Versicherungen berufen sich darauf, dass Covid-19 im Vertrag nicht explizit benannt ist.
„Es gibt verschiedene Auslegungen dazu“, weiß der Betriebsinhaber aus Speyer. Er ist noch in Verhandlungen mit seinem Vertragspartner, bevor er über mögliche juristische Schritte entscheidet. Für ihn zentral ist, dass Covid-19 zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch gar nicht bekannt gewesen sei, aber schon im Februar 2020 von der Bundesregierung als entsprechender Erreger anerkannt worden sei und damit dem Sinn nach von der Versicherung erfasst sein müsste.
Es geht um viel Geld
Es gehe um viel Geld, sagt Rentschler. Bei ihm sei es eine sechsstellige Summe. Die Versicherung habe ihm in einem Vergleich sogar mehr als die 15 Prozent davon angeboten, die in Bayern betriebsübergreifend ausgehandelt wurden und auch in anderen Bundesländern herangezogen werden. Gegenleistung: Der Verzicht seines Lokals auf weitere Forderungen. „Ich habe das nicht angenommen“, sagt Rentschler.
„Wir machen das Beste daraus“, so der Seniorchef über den „Neustart“ nach dem Lockdown. Zum Glück sei sein Betriebsgelände nicht beengt. Ohne Kurzarbeit sei er nicht ausgekommen, von den 22 Mitarbeitern hätten drei nach dem Ende ihrer Verträge schon gehen müssen, und auch in naher Zukunft werde „nichts wie früher“. Er hofft deshalb auch auf Hilfe von der Stadt. Die habe zwar Freisitz-Gebühren im öffentlichen Raum erlassen und Mieten gestundet, aber er als Gastwirt mit eigenem Gelände profitiere davon nicht. „Ich sehe das auch als Frage der Gleichbehandlung“, sagt er.
Probleme in Hotels
Auch Beherbergungsbetriebe haben das 15-Prozent-Problem mit ihren Versicherungen. Stefan Walch vom Hotel „Alt-Speyer“, der auch die Speyerer Kreisgruppe des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) führt, prüft eine Beteiligung an einer Sammelklage des Verbands. Der Standpunkt seiner Assekuranz, wegen Kurzarbeit et cetera könne sein Verlust allenfalls 30 Prozent betragen und davon würde ja die Hälfte übernommen, lässt ihn fast zornig werden: Der Betrieb laufe sehr langsam wieder an. Bis Jahresende werde er wohl maximal 25 Prozent Zimmerauslastung erreichen. In normalen Jahren seien es 65 Prozent.
„Jede Veranstaltung bis Ende des Jahres ist abgesagt, die typische Geschäftsreise gibt es ebenfalls nicht mehr“, sagt Walch. Unter der Woche sei die Buchungslage „ein Fiasko“. Seine Prognose: „Im September oder Oktober werden wir etliche Betriebsschließungen erleben.“
Langer Atem nötig
Auch Christian Heck, Inhaber des „Hotels am Wartturm“, hat das 15-Prozent-Angebot seiner Versicherung ausgeschlagen: „Ich habe das Recht auf eine komplette Zahlung.“ Er will juristisch dafür kämpfen. „Wir müssen einen langen Atem haben“, erwartet er. Für ihn gehe es um einen fünfstelligen Betrag. Die vertrackte Lage ordnet er mit einem Bild ein: „Sie zahlen 26 Jahre lang für einen lebensrettenden Airbag, in der Hoffnung, diesen nie zu brauchen. Und dann kommt der Unfall, und der Airbag löst nicht aus.“
Auch viele andere Betriebe haben Probleme. Iris Wittmann vom Restaurant „Petersilie“ am Geschirrplätzel berichtet von noch sehr verhaltenem Zuspruch. „Wir haben ein eher älteres Klientel, das sich sehr vorsichtig verhält.“ Sie hat sich im Fall der Betriebsausfallversicherung aber anders entschieden als ihre Kollegen und den 15-Prozent-Vergleich angenommen: „Aus meiner Sicht ist im Vertrag klar definiert, dass eine solche Pandemie nicht abgedeckt ist. Die würde ja sonst jeder Versicherung das Genick brechen.“ Andere haben gar keine derartigen Ausfallversicherungen – in Speyer betrifft das viele kleine Lokale, aber auch große wie den „Domhof“: „Wir haben das Risiko selbst getragen“, so Inhaberin Astrid Schott-Lemm.