Speyer
Rotes Kreuz erfindet sich (fast) neu
„Mit der Flüchtlingshilfe hat es begonnen, dass unser Kreisverband neue Felder besetzte“, sagt Roger Munding. Er ist seit 1988 als Ehrenamtler dabei, lange im Vorstand, seit 2018 als Präsident. „Das Ehrenamt war da, der Wille war da“, sagt er über die Phase ab 2015. Bis zu 150 Ehrenamtliche standen zur Verfügung, um in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) die Ambulanz und die Kleiderkammer zu betreuen. Aus der Kleiderkammer sind dann zwei Kleiderläden in Speyer entstanden: in der Lessingstraße und in der Karmeliterstraße.
An letztgenanntem Standort folgte auf den Corona-Lockdown jedoch ein Wasserschaden, sodass er nicht mehr geöffnet wurde. Er wird laut Munding und DRK-Geschäftsführerin Caroline Diven in die Ludwigstraße 1 (Eingang Herdstraße) verlagert. Am Wochenende wurden die Räume gestrichen, in vier bis sechs Wochen sollen alle Regale befüllt und die Eröffnung möglich sein.
„Schwierige Zeit“
Munding und Diven hoffen, dass das DRK-Ehrenamt dann wieder zeigt, was es kann. 40 Helfer gebe es momentan für die Kleiderläden nach den Lockdowns, davor seien es doppelt so viele gewesen. Von den mehr als 1200 Mitgliedern des Kreisverbands seien rund 230 ehrenamtlich engagiert, erklärt der Geschäftsführer. Das gehe soweit wie bei seinem eigenen Ehrenamt: In der Pandemie habe er an seinen Hauptjob als Hygienefachkraft bei den Krankenhäusern der Niederbronner Schwestern in Speyer und Ludwigshafen zumindest noch einen halben Arbeitstag drangehängt – häufig von 16.30 bis 20 Uhr im Testzentrum in der Halle 101, teilweise auch mit „Schreibkram in Nachtarbeit“. Hort des Ehrenamts beim DRK ist auch die 2018 übernommene „Speyerer Tafel“, bei der laut Munding aktuell 56 Ehrenamtliche auf der Liste stehen.
Es sei nicht nur nach oben gegangen in den vier Jahren seiner Präsidentschaft, gesteht der 53-jährige Munding. Die Trennungen vom früheren Geschäftsführer des Kreisverbandes und von einer der beiden angestellten Tafel-Leiterinnen gingen nicht geräuschlos über die Bühne. In beiden Fällen verabschiedeten sich bisherige Getreue. „Das war eine schwierige Zeit“, sagt der Präsident. Umso glücklicher sei er, dass es danach gelungen sei, die Geschäftsstelle in der Karl-Leiling-Allee zu befrieden, wegen der gestiegenen Aufgaben auf zehn Mitarbeiter auszubauen und zu digitalisieren. „Es ist ein komplett neues Team.“
Deutlich gewachsen
Das DRK-Hauptamt ist vor allem auch im Einsatz gegen die Pandemie deutlich gewachsen. Der langjährige Mitarbeiterstamm habe 45 Personen umfasst; inzwischen seien es 83, erklärt Diven. Alleine 20 davon seien für die kommunale Impfstelle zuständig, rund 15 für das DRK-Testzentrum im ehemaligen Stiftungskrankenhaus, noch einmal zehn in zwei mobilen Impfteams. „Wir haben die Größe schon reduziert und wir möchten das weiter tun“, sagt Munding über den zuletzt unter geringer Resonanz leidenden Impf-Bereich. Aber: „Das soll auf eine intelligente Weise erfolgen, sodass der Bestand bei Bedarf wieder aufgebaut werden kann.“ Er spielt auf die vierte Impfung gegen Corona an, die bei vulnerablen Gruppen schon laufe.
Am Anfang sei auch in der Corona-Bekämpfung viel Ehrenamt im DRK-Style zum Einsatz gekommen, berichten Diven und Munding; bald sei das aber so nicht mehr zu stemmen gewesen. Der Aufbau klappte zum Beispiel, in dem Projektmanager wie der zuvor im Sealife tätige Paul Mair an Bord kamen, der heute Impfen und Testen koordiniert.
Rettungsdienst läuft extra
Die Suche nach Aufgaben im DRK-Kreisverband um die 2010er-Jahre herum hatte damit zu tun, dass der selbst betriebene Pflegedienst aufgegeben worden war, weil er sich nicht gerechnet hatte, und der Rettungsdienst in eine eigene GmbH ausgegliedert wurde. An Bedeutung gewannen der Hausnotruf und der Menüservice, die neben Spenden die wichtigsten Beiträge zum sechsstelligen Haushalt erbringen.
Neue Tätigkeitsfelder sollen hinzukommen – die Bewegung in der Struktur seit 2015 hat gezeigt, was geht. „Ich habe viele Ideen, aber das muss wachsen“, betont Munding. Eine davon sei die Einrichtung einer Begegnungsstätte als Café oder mit „gutem Essen für wenig Geld“. Ideen gebe es auch für die Zukunft der eigenen Immobilie in der Karl-Leiling-Allee, in der aktuell noch der Rettungsdienst eingemietet ist. Dieser wird aber ausziehen, wenn die lange geplante neue Rettungswache vor dem Diakonissen-Krankenhaus steht. „Eine Genehmigung für den Neubau in den nächsten zwei Jahren halte ich nicht für realistisch, deshalb müssen wir uns über die Nachnutzung noch keine konkreten Gedanken machen“, so Munding. Klar sei aber, dass das Außengelände aufgewertet werden soll, um den Aktiven Wartezeiten zu erleichtern.
