Speyer
Architekten fürchten Beliebigkeit
„Das heißt jetzt nicht, dass Ihre Planung komplett für die Tonne ist.“ Luca Kist, einer der externen Architekten im Gestaltungsbeirat, versuchte den Investoren zu trösten, bevor er nochmals nachlegte. Dass auf zwei Mehrfamilienhäuser statt auf „Reihen- oder Townhäuser“ gesetzt werde, sage ihm ebenso wenig zu, wie der geplante Verzicht auf eine Tiefgarage. Und dann müsse da noch „dem Freiraum-Aspekt mehr Beachtung geschenkt werden“. Die Vertreter der Diakonissen, die die Kita von dem Grundstück verlegt haben und deren Gebäude abreißen wollen, machten dazu gute Miene.
Sie müssten nochmals stark umplanen, um den Gestaltungsideen des beratenden Gremiums zu folgen. Entscheiden müsse zwar der Bauausschuss, erklärte Bernd Reif, Fachbereichsleiter der Stadtverwaltung, aber da gebe es durchaus Zusammenhänge mit der Empfehlung. Auch aus seiner Sicht gebe es beim Entwurf „Luft nach oben“. Er warnte vor gestalterischer „Beliebigkeit“ in Sichtweite der Gedächtniskirche.
Anregungen berücksichtigt
„Wohnen an der Retscherkirche“ nennen die Diakonissen ihr Projekt, mit dem sie die Kita-Fläche belegen wollen. Zu überplanen ist somit der Bereich vom Bartholomäus-Weltz-Platz bis zum Schererstift, das erhalten bleibt. Geplant ist Wohnbebauung – mit der Besonderheit, dass der erste Entwurf dafür schon einmal geändert worden ist, nachdem er 2019 im Gestaltungsbeirat durchgefallen war. Zuerst seien 18 Wohneinheiten geplant gewesen, so Diakonissen-Bauleiter Andreas Müller. Im Entwurf von 2019 seien es noch 15 gewesen, jetzt nur noch zwölf. Architektin Julia Eckert (Haßloch) hatte einige Anregungen des Beirats berücksichtigt: Gebäude A nimmt von der Kirche her gesehen die Gebäudestruktur der gegenüberliegenden Sparkassen-Filiale auf, Gebäude B zum Schererstift hin wird ein Stück von der Weltz-Straße weggerückt.
Weniger Wohneinheiten heißt jedoch weniger Einnahmen – die Folgen davon sind im neuen Entwurf sichtbar: Beim Verzicht auf die 2019 noch eingeplante Tiefgarage sei „der wirtschaftliche Faktor die treibende Kraft“ gewesen, wie die Architektin sagte. Dass jetzt neun Stellflächen im Hof zwischen den Häusern und sieben am Rand der Weltz-Straße geplant sind, bot dem Beirat einen Hauptangriffspunkt. An einen „großen Parkplatz, auf dem noch zwei Häuser stehen“, fühlte sich Mitglied Edda Kurz zugespitzt erinnert. Diakonissen-Vertreter Müller betonte, dass nicht nur auf eine Tiefgarage, sondern auch auf einen Keller unter Gebäude A verzichtet werde, da dort Reste eines Stadtmauerturms in der Tiefe schlummern könnten. Klaus Seither (SPD) riet der Stadt, nicht so viele Parkplätze vorzuschreiben.
Qualitätsverlust befürchtet
„Sie zahlen einen hohen Preis durch Qualitätsverlust“, so Beiratsmitglied Kist zu den Diakonissen. Bereichsleiter Reif bot diesen weitere Gespräche mit der Stadt an: „Wir wollen das Projekt nicht torpedieren, wir wollen, dass da etwas Gutes entsteht.“ Die Diakonissen wollen darauf eingehen und „die Pläne entsprechend anpassen“, wie sie am Donnerstag auf Anfrage mitteilten. Sie wollten am Projekt ebenso wie am Plan festhalten, nach der Genehmigung einen Investor bauen zu lassen. Dieser sei bereits in die Projektentwicklung eingebunden. Seinen Namen nennen sie ebenso wie die erwarteten Kosten noch nicht.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Wind gedreht
Manchmal können einem Investoren und ihre Architekten leidtun, wenn sie in den städtischen Gestaltungsbeirat zitiert werden. Seit 2018 gibt es dieses Gremium, und es soll sich für eine qualitätvolle Stadtentwicklung einsetzen. So weit, so gut. Berücksichtigt werden muss allerdings, dass Gestaltung immer auch ein Stück weit Geschmackssache ist. Und in dieser Hinsicht fällt das Urteil für das Diakonissen-Projekt sehr hart aus. Man muss es so krass sagen: Hier ist jetzt das zweite Jahr für (fast) nix geplant worden.
Die Architekten-Kollegen wissen es besser als die beauftragte Planerin. Aber ist es wirklich so eindeutig qualitätvoller, Reihenhäuser zwischen die Gedächtniskirche und das Schererstift zu quetschen? In der Vergangenheit wurden aus Sicht etlicher Kritiker Bau-Investoren viel zu stark hofiert. Der Wind hat sich gedreht: Heute müssen sie sich zum Teil ziemlich viel bieten lassen.