Otterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Als Masseur bei sieben Olympischen Spielen dabei: Günter Reiland

Der Mann mit den magischen Händen: Günter Reiland.
Der Mann mit den magischen Händen: Günter Reiland.

Siebenmal und damit am häufigsten taucht Oksana Alexandrowna Chusovitina in der Aufstellung derer auf, die am häufigsten für Olympische Spiele nominiert wurden. Doch im Gegensatz zu der Kunstturnerin aus Usbekistan ist der Otterstadter Günter Reiland in dieser Liste nicht vertreten, obwohl er ebenfalls siebenmal olympisch tätig war.

Allerdings nicht als Sportler, sondern als einer, der Athleten olympisch beistand. Der Deutsche Ringerbund vertraute dem Physiotherapeuten und Chiropraktiker seine Sportler an, von denen er die meisten von seiner Zeit als „Masseur“ des Bundesligisten VfK Schifferstadt kannte. 15 Jahre nach seinem letzten Einsatz beim Olympiaturnier in der griechischem Hauptstadt zählt der inzwischen 78-Jährige ohne Probleme auf, wann und wo er bei den Sportlern Hand angelegt hat. Das war demnach 1972 in München, 1976 in Montreal, 1984 in Los Angeles, 1988 in Seoul, 1996 in Atlanta, 2004 in Athen und 2008 in Peking. Auch 1980 hätte er in Moskau tätig werden sollen, doch der olympische Boykott einiger westlicher Olympia-Komitees verhinderte seine Teilnahme. Nicht olympisch tätig war Reiland auch 2000 in Sydney. Der Grund: Aus Kostengründen durfte nur ein Physiotherapeut für beide Stilarten eingesetzt werden. Da der Otterstadter für die Griechisch-Römischen zuständig war, im deutschen Aufgebot aber die Freistil-Ringer überwogen, musste er zugunsten seines Kollegen Fritz Trageser aus Goldbach verzichten.

Günter Reiland hat über 50.000 Ringerduelle verfolgt

Nach Peking 2008 antwortete Reiland auf die Frage, ob er olympisch weitermachen wolle: „Ich bleibe so lang bei den Ringern, wie sie mich wollen.“ Sie wollten ihn außer bei sieben olympischen Turnieren noch bei 26 Welt- und 35 Europameisterschaften, bei mehr als 50 anderen internationalen Turnieren sowie bei jeweils 30 Europa- und Weltmeisterschaften der Jugend und Junioren. Günter Reiland schätzt, dass er über 50.000 Ringerduelle erlebt hat. Besonders nachhaltig beeindruckte ihn 1972 in München Wilfried Dietrichs legendärer Überwurf des US-Kolosses Chris Taylor und 1984 in Los Angeles die Brücke von Pasquale Passarelli. Diese Stellung hielt der nach Punkten knapp führende „Paske“ 84 Sekunden lang gegen den Japaner Masaki Eto durch und gewann so die Goldmedaille. Die Brücke ist eine Verteidigungstechnik. Dabei berühren nur Kopf und Füße des verteidigenden Ringers die Matte. Gelingt es dem Angreifer, die Brücke des Verteidigers niederzudrücken, schafft er meistens einen Schultersieg.

Fingerfertigkeit ist sehr wichtig

Warum vertraute der mehrmalige Deutsche Meister VfK Schifferstadt dem Otterstadter jahrzehntelang seine Starensembles an, warum der Deutsche Ringerbund siebenmal seine Olympia-Athleten? Weil Günter Reiland ein „Kombinierer“ ist. Das ist beim Ringen sehr wichtig, weil Würfe die Wirbelsäule der Akteure häufig starken Belastungen aussetzen. Spezielle Fingerfertigkeit ist da sehr wichtig. „Zu erkennen, welcher Wirbel auf welche Weise einzurenken ist, und zwar so, dass der Athlet möglichst schmerzfrei weitermachen kann, lernt man nur mit den Jahren“, erklärt der diplomierte „Master of Chiropractic“. Je nach Stilart sind Schultereckgelenk, Finger, Knie und Füße die verletzungsanfälligsten Körperteile der Ringer. Zudem war der fingerfertige Otterstadter für manchen Ringer zwischen den Kämpfen eine Art Seelenmasseur. „Manche sind sehr sensibel, die muss man irgendwie aufrichten“, sagt Reiland.

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