Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Abschied bei den Entsorgungsbetrieben: „Rampensau“ im Bürgerkontakt

Abschied nach mehr als 30 Jahren: Matthias Klaßen ist in den Ruhestand gegangen.
Abschied nach mehr als 30 Jahren: Matthias Klaßen ist in den Ruhestand gegangen.

Matthias Klaßen war 30 Jahre lang für die Speyerer Entsorgungsbetriebe (EBS) tätig. Die meiste Zeit davon war er als Werkleiter der Verantwortliche für Kanalsystem, Kläranlage, Deponie und Müllabfuhr in der Domstadt. Jetzt ist er in den Ruhestand gegangen – und selbst erstaunt darüber, was sich in all den Jahren verändert hat.

Als Klaßen 1993 in den Dienst der Stadt trat, wurde – vereinfacht gesagt – Müll aller Art in runde 50-Liter-Tonnen gestopft, die die Bürger mit sogenannten Müllmarken versehen mussten, die in Farbe und Form variierten. „Die Mülltrennung hat eine enorme Entwicklung genommen in der Zeit“, berichtet die zuständige Stadtbeigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne), die Klaßen mit viel Lob in den Ruhestand verabschiedet hat.

Dass die Bio-Tonne 1996 zuerst in Speyer-West, dann zwei Jahre später in der ganzen Stadt zur grauen Tonne hinzukam, hat dem Beamten eine der Anekdoten beschert, über die er nach seiner Berufslaufbahn lächeln kann: Es sei sozusagen Speyers erste Gender-Debatte gewesen, als die neuen Tonnen für Marketingzwecke mit „Erna“ und „Elfriede“ benannt wurden, nachdem die grauen Behältnisse als „Hugo“ und „Egon“ eingeführt worden waren. Vor allem weiblicher Protest beendete die Sache schnell.

Den Bürgern Mülltrennung zu erklären, hat Klaßen auch ohne „Erna“ und „Elfriede“ geschafft – vor allem mit den jeweiligen Dezernenten war er viel auf Wochenmärkten unterwegs, hat Stofftaschen verteilt, Mehrwegbecher vorgestellt und unzählige Fragen beantwortet. „Politisch musste ich mich nicht unbedingt hervortun. Das war mir ganz recht“, betont er. In den Gremien hätten meist die politischen Dezernenten an der Front gestanden, im Bürgerkontakt habe sich der Werkleiter als „Rampensau“ erwiesen, sagt anerkennend Münch-Weinmann, die letzte von fünf Chefinnen und Chefs im Beigeordnetenamt, die der heute 64-Jährige hatte. „Daran hing mein Herz“, betont er.

Mehrmals umgezogen

Als Klaßen, verheirateter Familienvater mit zwei Kindern und im ersten Beruf gelernter Einzelhandelskaufmann, nach zwölf Jahren bei der Bundeswehr zur Stadt kam, saß die für Entsorgung zuständige Einheit noch oberhalb des heutigen „Domhofs“. Es folgten mehrere Jahre im Hohenfeldschen Haus (Maximilianstraße 99), an die sich der Neu-Pensionär gerne erinnert, weil bis hin zur Suche nach Büromöbeln und künstlerischer Ausschmückung der Räume vieles in Eigenverantwortung erledigt werden durfte. Selbst der Mann war er auch, wenn der damalige Oberbürgermeister Werner Schineller (CDU) auf dem Weg zur Arbeit zu viele Mülltüten etwa vor dem damaligen „Wienerwald“-Lokal in der Maximilianstraße entdeckt hatte: Dann gab’s einen kurzen Anruf aus dem Chefzimmer, und Klaßen wusste, was er zu tun hatte.

In diese Zeit fielen auch Organisationsreformen, in denen die EBS in ihrer heutigen Form entstanden sind. Klaßen war wie seine drei direkten Mitarbeiter stets städtischer Beamter, aber zuletzt zwei Jahrzehnte mit Büro im Gebäude der Stadtwerke, die mit der Betriebsführung der EBS beauftragt sind. In der Summe gehörten 45 Mitarbeiter von den Müllwerkern über die Kanalkolonne bis zum Personal des Abfallwirtschaftshofs und den Laborantinnen in der Kläranlage dazu. Das jährliche Haushaltsvolumen, für das er zuständig war, lag bei knapp 100 Millionen Euro. Die Eigenbetrieb-Konstruktion sei notwendig, um die zur Verfügung stehenden Gelder allein für den Bereich Abfall und Abwasser einsetzen zu können, erklärt er. „Es geht um Daseinsvorsorge und Gebührengerechtigkeit.“

Kein BASF-Anschluss: „Richtig entschieden“

„Was am meisten Geld gekostet hat, sieht man gar nicht“, sagt Klaßen. Er meint damit das System von Kanälen, Pumpwerken und Rückhaltebecken, die Speyer sauber und trocken halten. Die Müllentsorgung sei dagegen vergleichsweise günstig gewesen, auch wenn sie den größten Teil seiner Arbeitszeit in Anspruch genommen habe. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den für Plastik- und Glasmüll zuständigen Dualen System sei „immer größer und komplizierter geworden“, sagt er. Sichtbar war der Umbau vom Müll- zum Sonnenberg in der Franz-Kirrmeier-Straße, der ebenso wie das in der Folge gestartete Beweidungsprojekt mit einer Schafsherde ebenfalls in Klaßens Verantwortung fiel.

Wer genau hinschaut, erkennt auch das weitere Großprojekt, das ihn um die Jahrtausendwende beschäftigte: Die Kläranlage an der K2 wurde 2002 um eine zweite Beckenstraße erweitert, nachdem Speyers Anschluss an die Entsorgungsleitung der BASF verhindert worden war. „Unsere Wirtschaftsprüfer haben eindrucksvoll vorgerechnet, dass die BASF-Behauptung, dass ihr Modell günstiger wäre, eben nicht gestimmt hat. Wir waren damit zunächst der Buhmann, haben aber genau richtig entschieden.“

Ehrenamtlich aktiv

Während Klaßen über all die Jahre berichtet, meldet sich sein Sohn auf dem Smartphone. Die Prioritäten haben sich längst verschoben. Der 64-Jährige hat mehr Zeit für die Familie, zu der auch seine Mutter und vier Enkel gehören, aber auch für andere: Mitarbeit im „Silbertaler“-Seniorenprojekt ist sein liebstes Ehrenamt geworden. Mit „sehr viel Spaß“ packt er Essenskisten für ältere Mitbürger, die sich nicht mehr selbst bei der Tafel versorgen können. Er berücksichtigt dabei alle individuellen Wünsche und kommt bei Bedarf auch ins Haus, um bei der Behördenpost zu helfen.

Früher hat Klaßen sich zudem zwei Jahrzehnte lang im Vorstand des Tierschutzvereins eingebracht und kümmert sich heute um drei Hunde aus dem Tierschutz. Er blicke zurück auf einen „furchtbar interessanten Job“, sagt er. Aber er habe in wenigen Wochen auch das erreicht, was sich viele Ruheständler wünschen: „Meine Frau sagt, ich sei entspannter geworden.“

Auch Matthias Klaßens Werk: Der Müll- ist zum Sonnenberg geworden.
Auch Matthias Klaßens Werk: Der Müll- ist zum Sonnenberg geworden.
Zeitfressendste Aufgabe: Müllabfuhr.
Zeitfressendste Aufgabe: Müllabfuhr.
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