Peppenkum
Peppenkum fast zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten
Rund 350 Menschen leben in Peppenkum, das im äußersten südöstlichen Zipfel des Saarlandes liegt, zu Gersheim gehört und direkt an Frankreich grenzt. Zwischen dem 8. April und dem 20. April war jedwede Telefonleitung im Dorf tot. Der Gersheimer Bürgermeister Michael Clivot ist sauer, der größte von fünf Kindergärten der Gemeine Gersheim mit über 100 Kindern hatte deshalb große Probleme. Ein Kind durfte wegen der fehlenden Erreichbarkeit den Kindergarten fast zwei Wochen lang nicht besuchen, und ein Brand im Nachbarort wäre laut Clivot in Peppenkum wohl nicht so glimpflich ausgegangen.
„Wir haben die Telekom in den vergangenen Jahren immer wieder auf das marode Netz hingewiesen, ohne, dass diese reagiert hätte“, sagt Gersheims Gemeindechef am Mittwochnachmittag ins Mikrofon des Fernsehteams des Saarländischen Rundfunk. Generell sei die Kommunikation mit der Telekom schwierig, sagt er. Und meint damit eigentlich: nicht vorhanden. Bis auf die Information, dass es sich um eine größere Störung handeln würde und eine Lösung erst ab dem 26. April erwartet werden könnte, erhielt die Gemeinde keine weitere Aussage von der Telekom.
Bei der Telekom angerufen − aus Gersheim
Vor Jahren habe es einen Telekom-Ansprechpartner auf lokaler Ebene gegeben, den hätte man anrufen können − zumindest wenn die Leitung. Diese regionalen Strukturen habe die Telekom jedoch aufgelöst. Jetzt würde man bei der Telekom gerade merken, dass dies wohl ein Fehler war und die Strukturen wieder aufzubauen sind. Für Peppenkum jedoch zu spät.
Wie jeder normale Kunde habe man sich mehrfach in eine Hotline einwählen müssen − aus dem Gersheimer Rathaus inklusive Warteschleife und ständig wechselnden Gesprächspartnern. Bis Mittwochnachmittag habe sich die Telekom nicht gemeldet. „Und das, obwohl wir mehrmals auf die besondere Situation mit dem Kindergarten hingewiesen haben“, wettert Clivot. Laut dem Bürgermeister ist es schon ärgerlich, wenn ein Dorfbewohner ein privates Telefongespräch nicht führen kann. Beim Kindergarten ist das Problem aber eine Hausnummer höher, so Clivot.
Kindergarten-Essen auf dem Berg bestellt
Sigrid Konrad, Leiterin des Kindergartens in Peppenkum, musste jeden Morgen auf den Berg fahren, um mit ihrem Privathandy das Essen für die rund 100 Kinder zu bestellen. Und noch: „Stellen Sie sich mal vor, einem Kind wäre etwas passiert und wir hätten einen Arzt oder Rettungswagen gebraucht“, verdeutlicht Sigrid Konrad das Problem der toten Telefonleitung. Das Ende ihres Satzes will sich die Kita-Leiterin gar nicht ausdenken.
Ganz konkrete Auswirkungen hatte die tote Leitung für eines der rund 100 Kinder, die aus insgesamt neun umliegenden Ortschaften kommen: Das Kind leidet an Diabetes und durfte seit dem 8. April nicht mehr in den Kindergarten. „Wir müssen die Werte immer überwachen, und hätten im Notfall keine schnelle Hilfe holen können“, begründet Sigrid Konrad die Entscheidung. Auch für die täglichen Büroarbeiten musste die Leiterin der Kita manchmal mehrfach am Tag ins Oberdorf von Peppenkum fahren und dort mit Laptop und langsamen Mobilfunk-Hotspot mit Eltern kommunizieren, beispielsweise Abmeldungen entgegennehmen.
Bürgermeister Clivot nennt aber ein noch schlimmeres Beispiel, was durch den Festnetz-Ausfall hätte passieren können. So habe es am Dienstag im Nachbarort Utweiler gebrannt. Buchstäblich in der letzten Minute habe eine Pflegekraft mit ihrem Mobiltelefon die Feuerwehr gerufen in das Haus einer älteren Person, die gerade noch so vor den Flammen gerettet werden konnte. „Wäre das in Peppenkum passiert, hätte die Frau nicht telefonieren können und die Person wäre jetzt vermutlich tot“, schildert er die drastischen möglichen Folgen des Leitungsschadens.
Wasser in der Leitung sorgte für Telefonstörung
Die Telekom hat sich bis gestern nicht zu dem Leitungsschaden in Peppenkum geäußert. Zumindest nicht gegenüber der Gemeinde. „Für uns ist das eine unerträgliche Situation, einen ganzen Ortsteil und unsere Kita von der Außenwelt nahezu abgeschottet zu wissen und keine Möglichkeit der direkten Kommunikation zu haben. Es ist mir ehrlich gesagt nicht verständlich, wie ein weltweit agierender Kommunikationskonzern nicht in der Lage ist, zu einem so sensiblen Thema zügig Stellung zu beziehen und die Kommune vor Ort zu informieren. Es kann und darf nicht sein, dass ein kompletter Ortsteil, insbesondere mit kritischer Infrastruktur wie einer Kita, so lange ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit nahezu allein gelassen wird“, so der Bürgermeister von Gersheim noch am Mittwochmorgen. Noch nicht einmal, wo der Fehler genau lag, teilte die Telekom laut dem Gersheimer Pressesprecher Max Karbach mit. Lediglich, dass wohl Wasser in die Leitung eingedrungen war, konnte das Gersheimer Rathaus nach tagelangem Nachbohren auch über private Kanäle zu Telekom-Mitarbeitern herausbekommen.
Ein Notfallplan sah vor, dass man versucht, über den Mobilfunkstandard LTE einen Hotspot in Peppenkum für die Notfallkommunikation einzurichten. Dem ist die Telekom nach zwölf Tagen am späten Mittwochnachmittag zuvorgekommen. Seitdem funktionieren die Festnetz-Telefone und Internet-Anschlüsse wieder. In den Nachmittagsstunden kamen laut Sigrid Konrad vereinzelt Anrufe durch − die aber auch wieder abbrachen.
Grenzlage zu Frankreich macht Mobilfunkversorgung zur Herausforderung
Insgesamt soll sich die Versorgungssituation in Peppenkum demnächst massiv verbessern. Viele Dorfbewohner hätten sich für ein Angebot der Deutschen Glasfaser ausgesprochen. Die Firma will zumindest den Ortskern mit Glasfaserkabeln versorgen. Wermutstropfen: Wann genau die Kabel gelegt werden, ist ungewiss. Und auch nicht jedes Haus wird eine Glasfaser-Leitung bekommen. Die ehemaligen Zollhäuser etwas außerhalb des Ortskerns zum Beispiel vermutlich nicht. Und auch in Sachen unterentwickelter Mobilfunkversorgung soll sich laut Clivot etwas tun. „Da oben kommt ein Funkmast hin von einer Firma, die dann an Mobilfunkanbieter vermietet. Aber das dauert, die Pläne liegen jetzt schon sechs Monate ohne Ergebnis bei den Genehmigungsbehörden“. Mobilfunk, das war laut Clivot bis vor wenigen Jahren im Dorf gar nicht möglich, wegen der direkten Grenzlage Peppenkums. Das französische Militär habe sich dafür ausgesprochen, dass deutsche Mobilfunkanbieter nicht über die Grenze auf französisches Gebiet ausstrahlen dürfen. Umgekehrt hingegen reiche das französische Netz schon länger auf deutsches Gebiet. Nur eben nicht in den Peppenkumer Talkessel.
Einwurf: Nicht zeitgemäß!
In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Ein Dorf mit einem Kindergarten, den 100 Kinder besuchen, ist zwölf Tage lang nicht telefonisch erreichbar. Zugegeben: Technische Störungen können immer und überall passieren. Dass dann aber die Telekom es nicht einmal für nötig hält, die Gemeinde trotz mehrerer Anfragen und Kontaktversuche zeitnah zu informieren, der Konzern in seinem Hauptgeschäftsfeld also schlicht ein Totalausfall ist, ist traurig. Peppenkum hat Glück gehabt, dass in den vergangenen zwei Wochen kein Notfall eingetreten ist.
Ein Hohn ist auch die Posse um das Verbot, mit Handynetz nach Frankreich ausstrahlen zu dürfen. Vor über 30 Jahren zersägten Politiker an den ehemaligen Grenzen Schlagbäume und beschwören bis heute unablässig das grenzenlose Europa in der Region. Aber bis vor drei Jahren galt das nicht für den grenzüberschreitenden Mobilfunk. Beziehungsweise nur einseitig.