Harthausen
Tiny Apartment: Wohnraum zum Mitnehmen
In der Industriehalle der Firma Sportcaravan steht zwischen halb fertigen Wohnanhängern und Einzelteilen ein etwas größerer Kunststoffcontainer auf Rädern mit einer Glastür – der Prototyp für das Tiny Apartment, zu deutsch: „winzige Wohnung“. Noch ist sein Innenraum leer. Daneben stehen eine Waschmaschine, ein kleiner Kühlschrank und weitere Teile, die bald darin verbaut werden sollen.
Die Idee dazu kam Sportcaravan-Geschäftsführer Steffen Gross vor drei Jahren, weil die Tochter eines Bekannten in München studierte und kaum in der Lage war, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Mit einem sechsköpfigen Team arbeitet der 52-Jährige, der in Hanhofen lebt, seit Januar vergangenen Jahres am Tiny Apartment.
„Es ist kein Tiny House“, betont Gross. Die minimalistischen Behausungen, die vor allem in den USA, aber auch in Deutschland immer beliebter werden, sind meist aus Massivholz. Das Tiny Apartment verfügt dagegen über eine Wärmedämmung, die auch in der Luftfahrt angewandt wird. „Die Wandstärke von fünf Zentimetern entspricht 30 Zentimetern Styropordämmung“, sagt Gross. Damit ergeben sich nicht nur geringere Heizkosten, sondern auch vergleichsweise mehr Platz im Innenraum.
Wohnen im Regal
Die größere Besonderheit ist allerdings: Die Tiny Apartments lassen sich zu dreistöckigen Wohneinheiten zusammenfügen. Mit einem Gabelstapler kann man sie in eine Regalkonstruktion aus Metall heben. Die wird mit einem Fundament im Boden verankert und ist innerhalb von ein bis zwei Wochen auf- und abgebaut. Auf dem Dach lässt sich eine Photovoltaikanlage anbringen. „Es geht uns auch darum, dass die Wohnungen möglichst autark sind“, sagt Gross. Mit einer Länge von bis zu neun Metern und einem Gewicht von rund zwei Tonnen kann man die Apartments wie einen gewöhnlichen Anhänger mit dem Auto transportieren. Das Fahrwerk lässt sich entfernen, wenn die Wohnung auf ihren Stützbeinen steht.
Für das Konzept gewann Gross im Januar dieses Jahres den deutschen Designpreis für konzeptionelle Architektur, im Mai dann den deutschen Innovationspreis in Gold in der Kategorie „Smart Living“. „Das ist für uns auf jeden Fall ein Qualitätssiegel“, sagt der Geschäftsführer.
Produktion ab August
Mit der Produktion will er im August dieses Jahres beginnen. Erste Anfragen von Kunden habe er bereits erhalten. Die Tiny Apartments werden dann in zwei Größen – 21 und 25 Quadratmeter plus Terrasse – und komplett möbliert in Serie hergestellt. Kostenpunkt: rund 80.000 Euro. Der erste Produktionsabschnitt wird in Barntrup bei Bielefeld vorgenommen, fertiggestellt werden die Wohnungen dann in Harthausen. Mit einem Innenarchitekten, der selbst Rollstuhlfahrer ist, arbeitet Gross auch an einer barrierefreien Variante. Erst kürzlich habe er sich mit einem Investor getroffen, der mit den Tiny Apartments eine rollstuhlgerechte Hotelanlage auf Kreta plant, die voraussichtlich im Frühjahr in Betrieb gehen soll.
Ab dann soll auch an mehreren Orten in Deutschland – unter anderem in Berlin, Bremen und am Bodensee – je ein Tiny-Apartment-Regal als Wohnraum aufgestellt werden. Gross sieht sein Wohnkonzept vor allem als transportables Eigenheim für Alleinstehende, Paare oder Alleinerziehende mit einem Kind. Rentner, Freiberufler oder Menschen, die von Berufs wegen oft den Ort wechseln müssen, könnten mit dem System recht unkompliziert umziehen.
Mit dem Haus umziehen
Gross schwebt eine Internet-Plattform vor, auf der Tiny-Apartment-Besitzer sehen können, wo ein Platz in einem Regal frei ist, in dem sie sich mit ihrem Apartment einmieten können. Die Wohnung können sie dann dorthin transportieren – mit dem eigenen Auto und einem Fahrwerk, das entweder dazugekauft oder gemietet wurde. Alternativ will er auch einen Umzugsservice anbieten: „Dann kommen zwei Leute mit einem Geländewagen, die sich darum kümmern.“ Aber auch auf Campingplätzen oder in bestehenden Tiny-House-Siedlungen könne man sich niederlassen, man brauche nur einen Strom- und Wasseranschluss.
Auch als Studentenwohnheime, Motels für Lkw-Fahrer oder Wohnanlagen für Berufspendler kann Gross sich die Tiny Apartments vorstellen: „Firmen wie SAP oder die BASF haben Brachland auf ihrem Gelände, um expandieren zu können“, sagt Gross. „Dort könnte man auch Wohnraum für Mitarbeiter anbieten, die übers Wochenende heimfahren. Wenn der Platz dann anderweitig gebraucht wird, lassen sich die Regale ja wieder abbauen.“