Mutterstadt
RWZ investiert fünf Millionen Euro in neues Agrartechnik-Zentrum
Mähdrescher, so hoch wie Häuser, Traktoren mit mannshohen Rädern, dazwischen mehrere meterlange Pflüge – allein ein Rundgang auf dem Hof des neuen Technikzentrums der Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein Main eG (RWZ) dürfte die Herzen großer und kleiner Landmaschinenfans höherschlagen lassen. Staunend steht man davor und ertappt sich beim Gedanken, wie das wohl so wäre, da ganz oben in der Kabine zu sitzen oder gar so ein Monstrum zu lenken.
Technik, die fasziniert – logischerweise auch Christian Seelmann, Leiter des Geschäftsbereichs Technik und Prokurist der RWZ. Aus dem Effeff nennt er beim Rundgang Typen und Baureihen der Schlepper von Fendt, eine der Exklusivmarken von RWZ. Darum dominiert Grün auf dem Gelände, aber man beherrsche auch die Technik anderer Marken, sagt Standortleiter Marc Gensheimer. Insgesamt hat die Genossenschaft 150 Standorte in Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten und beschäftigt 2600 Mitarbeiter. Technik-Standorte, wie jenes in Mutterstadt, gibt es 29.
Wie modern der Mutterstadter Bau ist, zeigen Standortleiter und Prokurist in der neuen Diagnose-Annahme – ein großer Raum mit Tisch und Stühlen und einem Werkstattmeister hinter einem Computerschreibtisch. Separiert vom Verkaufsraum wird sich hier um den Bauer mit der kaputten Landmaschine gekümmert. Von dort aus geht es auch ins Lager, das aber laut Seelmann bewusst schlank gehalten werde, denn nur zwei Stunden Fahrt entfernt, in Wittlich, verfüge RWZ über ein großes Warenlager.
„Die Landwirtschaft wird bleiben“
Groß ist auch die Werkstatt in Mutterstadt, mit 1100 Quadratmetern eine der größten der RWZ. Bis zu neun Tonnen schwer könne so ein Traktor sein, entsprechend gewichtig seien auch die Teile unter der Motorhaube. Um diese bequem auszubauen, ist an der Decke der Halle eine Kranschiene, mit der bis zu fünf Tonnen Last gewuchtet werden kann. Hier ist eben alles etwas größer als in einer Autowerkstatt – und auch etwas anders. Seelmann und Gensheimer führen in die Schlosserei, wo Ersatzteile wie Schläuche oder Gewinde passgenau selbst hergestellt werden. Denn ist so eine Landmaschine, die schon mal den Wert eines Einfamilienhauses haben kann, kaputt, steht der Landwirt ordentlich unter Druck. „Es muss schnell gehen, denn es geht oft um hohe finanzielle Einbußen“, sagt Seelmann. Und damit die Kunden weiterarbeiten können, werden etliche Ersatzmaschinen angeboten.
Dennoch stellt sich die Frage: Ist so ein Prunkbau auf einem Hektar Fläche die richtige Investition in Zeiten, in denen es immer weniger landwirtschaftliche Betriebe gibt? „Ja“, sagt Seelmann erwartungsgemäß und setzt überzeugt nach: „Die Landwirtschaft wird bleiben.“ Aber eben in anderer Form, es gebe zum Beispiel mehr Großbetriebe, und die wiederum brauchen andere Maschinen – größere, GPS-gesteuert und mit digitaler Sensorik ausgestattet.
Der Fortschritt in dem Bereich sei enorm beeindruckend, meint der Prokurist und erzählt von Feldversuchen, bei denen Saatgut von Maschinen so präzise fürs optimale Wachstum in den Boden eingesetzt wurde, dass allein schon dadurch Mehrerträge erzielt wurden. Doch je ausgefeilter die Technik ist, desto spezialisiertere Fachkräfte braucht es. Zumal auch das Betätigungsfeld von RWZ breit ist, neben den Betrieben für Ackerbau werden auch der Weinbau, die Vieh- oder Holzwirtschaft, aber auch Kommunen mit ihren Gerätschaften wie Müllautos oder Kehrmaschinen bedient. Und auch der private Gartenliebhaber kann Technik und Material im RWZ ordern und den Service in Anspruch nehmen.
Acht Jahre nach passendem Standort gesucht
Laut Seelmann werden die Mitarbeiter ständig geschult, nur so habe man viele Spezialisten. Und auch wenn es paradox klingt, das sei auch ein Grund gewesen, warum die Anzahl der RWZ-Technik-Zentren in den vergangenen Jahren reduziert wurde. Im Gegenzug seien mehr Leute eingestellt, deutschlandweit beschäftigt RWZ 552 Mitarbeiter in den Technikzentren. Und in den größeren Teams könnten die Fachkräfte eben besser geschult werden.
Fünf Million Euro hat RWZ in den Umzug nach Mutterstadt und den Neubau investiert. Über acht Jahre musste die Genossenschaft einen geeigneten Standort suchen. „Dabei haben wir wenig Unterstützung von der Politik erhalten“, sagt Seelmann noch heute enttäuscht. Einzig die Gemeinde Mutterstadt, vor allem Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD), habe geholfen. Derzeit arbeiten 27 Leute im neuen Zentrum, 35 sollen es werden. „Wir wollen Personal aufstocken, denn bei aller Digitalisierung wollen wir dennoch vor Ort sein“, betont Seelmann.
Die Genossenschaft, die hier in der Region 130 Mitglieder hat, hat in Deutschland 2019 rund 224 Millionen Euro umgesetzt. „Durch die Corona-Krise sind wir bisher mit einem blauen Auge gekommen“, sagt der Prokurist und schätzt die Einbußen auf eine Million Euro, weil unter anderem Serviceleistungen nicht mehr angeboten werden konnten, aber auch Mehrausgaben für Hygienemittel entstanden.