Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Leben mit Long/Post Covid: „Kein Tag ohne Schmerzen“

Wenn auch „kleine“ Aufgaben unglaublich viel Kraft kosten: Mernschen mit Long/Post Covid müssen ihre neuen Grenzen akzeptieren l
Wenn auch »kleine« Aufgaben unglaublich viel Kraft kosten: Mernschen mit Long/Post Covid müssen ihre neuen Grenzen akzeptieren lernen.

Bei manchen hört Corona einfach nicht auf, Long oder Post Covid heißt das. Der Alltag wird für Betroffene zur Herausforderung. Sie kämpfen um Anerkennung.

„Ich war noch nie in meinem Leben so krank, das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht“, sagt Andrea May. Im Dezember 2020 infizieren sie und ihr Mann sich mit der Delta-Variante des Corona-Virus. „Uns hat es ziemlich heftig erwischt. Wer glaubt, es sei nur eine Grippe, irrt sich.“ Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Appetitlosigkeit: Zehn Tage schaffte sie es nur vom Bett ins Bad und zurück. „Mehr ging nicht. Der Körper baut komplett ab.“

Drei Monate später beginnt der Haarausfall. „Man steht dann unter der Dusche und hat die eigenen Haarsträhnen in der Hand. Da kommen einem schon die Tränen“, erzählt May. Sie ist schnell erschöpft, hat täglich Muskel-, Nerven- und Gelenkschmerzen. Der Hausarzt schiebt die Symptome auf die Wechseljahre. Nachdem sie vergeblich bei sechs Ärzten um Rat sucht, bleibt das Gefühl, man halte sie für eine Simulantin. „Man fängt an zu zweifeln: Bilde ich mir das alles nur ein?“

Andrea May
Andrea May

Existenz in Gefahr

Erst ein Lungenfacharzt sieht die Verbindung zur Corona-Infektion Monate zuvor, Diagnose: Post/Long Covid. Der Arzt sagt, sie müsse kürzertreten, und verschreibt Atemtherapie. Andrea May sagt, sie sei es eigentlich gewohnt, „zu powern ohne Ende“. Ihre Existenz, eine Metzgerei mit Partyservice, die sie mit ihrem ebenso von Post Covid Symptomen geplagten Ehemann führt, kann sie nicht einfach so ruhen lassen. „Da heißt es dann: Augen zu und durch – es bleibt uns nichts anderes übrig.“

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Die Corona-Pandemie sei für die eh schon überlaufenen Arztpraxen auf dem Land eine „Herausforderung sondergleichen“, sagt Claus Lang, der eine Hausarztpraxis in Beindersheim hat. Immer mehr Menschen mit Long/Post Covid Symptomen kämen dorthin, vor allem jüngere, die über einen absoluten Leistungsknick, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie Erschöpfung klagten. „Ich kenne meine Patienten und nehme sie auch ernst“, betont Lang. Er versucht, die Betroffenen zunächst zu beruhigen, auch wenn er trotz eigener Recherchen nicht sicher sagen kann, welche Langzeitfolgen eine Infektion haben könnte. „Wir werden dazu erst in einigen Jahren gesicherte Forschungserkenntnisse haben. Solange müssen wir auf Zeit spielen.“

Dr. Claus Lang
Dr. Claus Lang

Arbeitgeber macht Druck

Das Virus kann nach bisherigen Erkenntnissen nachträglich für niedrigfrequente Entzündungen im ganzen Körper, vor allem in der Lunge und im Herzen, sorgen. Vielen Betroffenen geht es Langs Erfahrung nach so schlecht, dass sie nicht mehr arbeiten können. „Es geht dann irgendwann um existenzielle Dinge, wenn zum Beispiel der Arbeitgeber Druck macht, weil der Erkrankte lange fehlt, und der sagt: Ich kann einfach nicht.“ Das belaste die Psyche. Der Alltag zu Hause, mit Kindern und Familie, gehe aber trotzdem weiter.

Long Covid Patienten behandelt Physiotherapeut Jesko Streeck in Bobenheim-Roxheim seit Ende 2020. „Ich habe auch Kinder erlebt, die von Erschöpfungssymptomen betroffen waren – das war teils ziemlich heftig. Ich habe mich gefragt: Was kommt da auf uns Therapeuten zu?“ Weil offizielle deutsche Leitlinien fehlen, sucht Streeck in ausländischen Publikationen nach Behandlungsansätzen.

Physiotherapeuth Jesko Streeck
Physiotherapeuth Jesko Streeck

Chronisch erschöpft

Fast alle Erkrankten klagen über schwindende Leistungsfähigkeit – bis hin zum Chronischen Fatigue Syndrom (CFS), das Betroffene sogar bettlägerig machen kann. „Das CFS gilt in Deutschland als psychische Erkrankung, dabei ist es eine neurologische“, ist Streeck überzeugt. Die Symptomatik sei von Tumor- und Multiple-Sklerose-Patienten bekannt. „Durch Covid haben diese Leute ein Gesicht bekommen“, meint er. Oftmals kämen die Symptome zeitversetzt, sodass sich Betroffene überlasteten und sich das Krankheitsbild weiter verschlimmere.

Bei Belastung beobachtet Streeck zudem häufig Probleme mit der Sauerstoffsättigung, ohne dass die Patienten Atemnot bekommen. „Da reicht es teilweise, nur auf dem Handy zu lesen.“ Ein Teil der Erkrankten habe Gedächtnisstörungen oder könne sich nur schwer konzentrieren, sogenannter brain fog. Dazu kämen ein schwankender Blutdruck, Schmerzen oder Atembeschwerden.

Offizielle Leitlinie gefordert

Hausärzte sind nach Streecks Erfahrung nicht auf die Long Covid Patienten vorbereitet. „Im Gesundheitswesen muss das Wissen über das Krankheitsbild bei Chronischer Fatigue etabliert werden, es braucht Aufklärung und Fortbildungen. Kein Mensch sollte um die Anerkennung einer massiv einschränkenden Erkrankung kämpfen müssen.“ Auch Hausarzt Lang hält Aufklärungsarbeit über CFS und Long/Post Covid für nötig, nicht nur bei Ärzten, sondern auch bei Arbeitgebern und im Freundeskreis.

„Wir brauchen eine für Ärzte bindende Leitlinie, und zwar bundesweit“, fordert Lang, „es muss in Deutschland einer den Hut aufhaben, der sagt, wie es gemacht wird.“ Er habe für einige Patienten eine Reha-Zusage, wovon sie profitierten. Aber nicht bei allen spielten die Kassen mit. „Ich muss ja akut helfen, und die Bude ist voll, da kann ich nicht jeden Einzelfall durchdiskutieren“, meint Lang. In der Reha könnten Erkrankte „in kompakter Form langsam und schrittweise wieder ins Leben gestellt werden“.

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Individuelle Behandlung

Physiotherapeut Streeck hält eine herkömmliche Reha mit Kraftübungen nicht für alle Patienten für geeignet. Bei CFS-Symptomen könne das sogar mehr schaden als nützen. Streeck unterscheidet drei Fatigue-Typen: Für müde Patienten mit milder Symptomatik sind demnach leichtes Aufbautraining und Atemtherapie hilfreich. Erschöpfte fordert Streeck nur leicht, um ihre niedrige Belastungsgrenze langsam wieder auszubauen. Chronisch erschöpfte Patienten müssten lernen, ihre niedrigen Energiereserven im Alltag einzuteilen, sogenanntes Pacing. Bei dieser Form des Energiemanagements geht es unter anderem darum, Aktivitäten zu planen, Prioritäten zu setzen, auf wenige Ortswechsel zu achten und genug Pausen zu machen, um die persönlichen Grenzen zu wahren.

Andrea May treibt heute weniger Sport, weil sie nach dem Training Schmerzen hat und mindestens zwei Tage braucht, um sich zu erholen. „Mal geht es besser, mal schlechter, aber es gibt eigentlich keinen Tag ohne Schmerzen.“ Die 57-Jährige wünscht sich mehr Akzeptanz für die Betroffenen. „Man lernt langsam, damit zu leben – ändern kann ich es schließlich nicht.“

Zur Sache

Von Long Covid geht man aus, wenn länger als vier Wochen nach der Corona-Infektion noch Symptome bestehen. Ab der zwölften Woche mit Symptomen heißt die Erkrankung Post Covid. Noch ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt, wie viel Prozent der Infizierten diese Folgeerkrankungen entwickeln. Zehn bis 15 Prozent der Covid-Fälle leiden nach aktueller Studienlage länger an Beschwerden, ab der achten Woche noch rund fünf und nach zwölf Wochen noch etwa zwei Prozent. Da sich immer noch viele mit dem Coronavirus infizieren, könnte die Anzahl der Long/Post Covid Betroffenen noch steigen. Nach den Daten einer niederländischen Studie mit 47.000 Teilnehmern hat die schwere des Corona-Verlaufs keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu erkranken – Genesene mit leichtem Verlauf können also ebenso betroffen sein.

Zur Person

Dr. Claus Lang (63) ist seit fünf Jahren Hausarzt in Beindersheim. Zuvor war er 38 Jahre lang in der Stadtklinik beschäftigt, zuletzt als Oberarzt. Jesko Streeck (45) ist als Dozent für verschiedene Teilbereiche der Physiotherapie deutschlandweit tätig. Er ist nicht nur Fachbuchautor, sondern war auch schon als Zauberer, Musiker, Podcaster, Youtuber und DJ aktiv. Die Praxis Manumed Streeck in Bobenheim-Roxheim existiert seit 22 Jahren.

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